Er war einst der große Widersacher von Fabian Hambüchen. Der deutsche Olympiasieger ist abgetreten, Epke Zonderland noch dabei. Weil er noch eine Rechnung offen hat.
Stuttgart - Epke Zonderland (33) könnte es bleiben lassen mit dem Fliegen. Er könnte unten bleiben. Sich nicht mehr hoch an die Reckstange hängen, die geschundene Schulter plagen und seine waghalsigen Höhenflüge wagen. Nicht mehr die Beine hochschlagen. Den berühmten Ruck durch die Arme gehen lassen. Magnesia von den Händen durch die Luft schwirren lassen. Und sich mit einem Griff wieder an der Stange auffangen und zum Schluss der Übung unten auf der Matte landen. Im Idealfall im Stand.
Epke Zonderland, der Olympiasieger von 2012 und mehrfache Weltmeister am Reck, hat seit Mai 2018 einen Master-Abschluss in Medizin. Doktor Zonderland könnte sofort als Arzt anfangen, er hat zudem einen einjährigen Sohn. Und er hat sportlich alles erreicht. Der große Star des niederländischen Turnens aber hat noch nicht genug. An diesem Montag um 19.30 Uhr greift er mit seinem Team bei der WM in der Schleyerhalle in die Qualifikation ein.
Lesen Sie hier: Warum im Männerturnen die Talente fehlen
Zonderland plagt sich seit Wochen mit einer Nasennebenhöhlenentzündung herum. Es ist eine langwierige Geschichte, schon vor den Olympischen Spielen 2016 in Rio litt er darunter. Es heißt, er sei vor seinem WM-Auftakt in Stuttgart nicht in Topform und könne nur schwer atmen, sein Trainingsprogramm war zuletzt arg reduziert.
Aber das ist Zonderland egal. Denn er hat eine Mission. Er hat noch eine Rechnung offen – eine, die irgendwie auch mit Fabian Hambüchen zu tun hat.
Zonderland war immer auf den Punkt da
Der deutsche Turnheld ist der offizielle WM-Botschafter von Stuttgart, und als er davon hört, dass Zonderland angeschlagen in die WM geht, muss er laut lachen. „Ich kenne den Burschen“, sagt Hambüchen: „Er wird in Topform sein – er ist für mich ein absoluter Goldkandidat am Reck.“ Immer sei es so gewesen, dass Zonderland auf den Punkt da gewesen sei.
Immer, bis auf einmal.
Die Sternstunde des Fabian Hambüchen mit dem Goldmedaillengewinn bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro war der Tiefpunkt Zonderlands. Er fiel vom Reck, landete mit dem Gesicht auf der Matte und musste seinem jahrelangen Konkurrenten beim Jubeln zusehen. Vier Jahre zuvor hatte Zonderland noch Gold geholt bei den Spielen in London, Hambüchen wurde Zweiter.
Lesen Sie hier: Warum der Triple-Double nun den Namen Biles trägt
Längst sind die ewigen Rivalen der Reckstange gute Kumpels – als beide noch aktiv waren, da waren sie in gewissem Sinne Verbündete im Kampf gegen die einst übermächtigen Chinesen. Nun ist Hambüchen abgetreten, Zonderland ist immer noch da. Nach dem Tiefschlag von Rio meldete er sich 2018 mit WM-Gold in Doha zurück, was ihm aber nicht genug war. Denn seine olympische Karriere will er nicht mit dem Gesicht in der Matte von Rio beenden. In Tokio will er es noch mal allen zeigen – und muss sich dafür nun bei der WM in Stuttgart qualifizieren.
Fabian Hambüchen sagt, dass Zonderland seit der Junioren-EM vor 15 Jahren auf Madeira ein Freund sei – und immer auch Quell der Inspiration. Konkurrent sein und trotzdem ein guter Kumpel, Hambüchen und Zonderland gelang dieser Spagat. Gegenseitig trieben sich die beiden zu Höchstleistungen, jeder mit seinem eigenen Stil.
Hambüchen eiferte Zonderland nur einmal nach
Auf der einen Seite war und ist Zonderland, der Artist, der Draufgänger, dem kein Flugelement zu waghalsig und zu hoch sein kann. Der entspannte Sunnboy mit den blonden Haaren ist der Mann fürs Reck-Spektakel – Hambüchen dagegen war immer der Mann fürs Exakte, für die technisch saubere Ausführung.
Einmal aber, so berichtet es Hambüchen, habe er sich von der Show Zonderlands unter Druck gesetzt gefühlt. „Bei der EM 2014 in Sofia wollte ich mit Epke mithalten, der immer noch eine Schippe drauflegte und immer noch mehr Spektakel bot – ich bin vom Reck gefallen und habe mir danach geschworen, dieses Risiko nicht mehr einzugehen, weil die Gesundheit vorgeht“, sagt er. Zwei Jahre später holte Hambüchen Olympia-Gold in Rio – jene Medaille, die Zonderland nun 2020 zum zweiten Mal nach 2012 holen will. „Epke schafft es wie kein Zweiter, schwierige Flugteile miteinander zu kombinieren, es ist beeindruckend, wie stabil und sicher er das noch immer hinbekommt“, sagt Hambüchen.
Aus unserem Plus-Angebot: Was die Turn-WM vor zwölf Jahren bewegt hat
Oder, anders ausgedrückt: Der Mann hat noch lange nicht genug. Denn hoch in der Luft zu fliegen – das gibt Zeit und Raum, um noch einen Salto mehr zu drehen oder noch eine Schraube zusätzlich. Es ist der gelebte Traum des Reck-Artisten Epke Zonderland.