Elisabeth Seitz (re.) und Emma Malewski sind verletzt und mussten die Qualifikation bei der Turn-WM in Antwerpen von der Tribüne aus verfolgen. Foto: dpa/Tom Weller

Die derzeit verletzte Elisabeth Seitz erlebt bei der WM auf der Tribüne mit, wie das deutsche Frauenteam die Qualifikation für Paris 2024 verpasst. Ein Strohhalm bleibt – doch nach dem greifen nun fast alle deutschen Turnerinnen.

Den Ort des Geschehens hatte Elisabeth Seitz am Dienstag bereits wieder hinter sich gelassen. Von Antwerpen war sie nach Hause gefahren. Doch das Geschehene spukte noch immer in ihrem Kopf herum. „Ich habe diese Sache noch nicht verdaut“, sagt die 29-Jährige und weiß: „Das wird noch dauern.“ Wie lange, das ist unklar im Moment, aber die Tragweite führt bis in den kommenden Sommer.

 

Dann finden in Paris die Olympischen Sommerspiele statt – und die deutschen Turnerinnen wollten sich am Montagabend bei der WM in Belgien eigentlich als Team für die Teilnahme qualifizieren. Ein zwölfter Platz in der Qualifikation wäre dafür nötig gewesen. Doch zu den großen Nackenschlägen im Vorfeld – Elisabeth Seitz und Emma Malewski hatten sich schwer verletzt und mussten den Wettkampf von der Tribüne aus verfolgen – gesellte sich ein weiterer. Ein riesiger. Das Team wurde 13. – und verpasste das Olympiaticket mit 157,128 erturnten Punkten um gerade einmal 0,169 Zähler. „Das ist“, sagt Elisabeth Seitz am Tag danach, „extrem bitter.“

Mitgefiebert und mitgelitten hatte die Turnerin des MTV Stuttgart auf der Tribüne – und gehofft, dass ihr die Teamkolleginnen die Chance eröffnen, ihre dritten Olympischen Spiele zu erleben. Gerne hätte sie mitgeholfen, das große Ziel zu erreichen, doch ein Riss der Achillessehne vor einem Monat hatte alle Pläne durchkreuzt. Der Syndesmoseriss bei Emma Malewski schwächte das Team vor wenigen Tagen zudem. „Wir mussten nach den schweren Verletzungen in einer neuen Realität arbeiten“, sagte der Cheftrainer Gerben Wiersma. Die nun umso härter klingt: Erstmals seit 20 Jahren wird keine deutsche Frauenriege bei Olympia an die Geräte gehen.

„Sehr, sehr emotional“ sei die Stimmung nach dem feststehenden Olympia-Aus für das Team gewesen, erinnert sich Elisabeth Seitz an den Montagabend, als nach dem Wettkampf alle deutschen Turnerinnen zu den beiden Verletzten auf die Tribüne kamen. „Einige“, sagt Seitz, „haben sich sogar bei mir entschuldigt.“ Das sei, versichert die Europameisterin am Stufenbarren von 2022, aber ganz sicher nicht nötig gewesen: „Die Mädels haben einen super Wettkampf geturnt.“ Doch ohne Seitz und Malewski fehlten eben diverse Punkte am Ausgangswert der Übungen.

Das „Wunder“ bleibt aus

Nachdem die deutsche Riege den eigenen Durchgang der Qualifikation beendet hatte, lagen Pauline Schäfer-Betz, Sarah Voss, Meolie Jauch (die nicht nur wie geplant am Stufenbarren, sondern auch am Sprung ran musste), Karina Schönmaier und Lea Quaas noch auf Rang zehn. Aber schon da war laut Eli Seitz klar, dass „ein Wunder“ würde passieren müssen, damit eine der Mannschaften aus Japan, China oder Frankreich noch hinter dem Quintett des Deutschen Turner-Bundes (DTB) landet. Das Wunder blieb aus – und als das am Montagabend sicher war, „hatte ich ein Déjà-vu“, sagt Seitz. Die an den Moment ihrer Verletzung vor über einem Monat dachte.

„Auch damals ist mir alles und nichts durch den Kopf gegangen“, erinnert sich die 29-Jährige, „ich hatte auf einmal so viel im Kopf, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen.“ So war es nun wieder – wobei die Rahmenbedingungen für die nächste Zeit recht klar erscheinen für die 25-fache deutsche Meisterin. Denn: Ein ganz bestimmter Gedanke war nicht dabei.

Aufgrund der neuen Ausgangslage hätte Elisabeth Seitz auch gut und gerne entscheiden können, dass sie die Mühen einer möglichst schnellen Reha nun nicht auf sich nehmen möchte. Doch das, versichert sie am Dienstag, „war kein Thema. Diese Option gibt es nicht.“ Stattdessen werden aus Mannschaftskameradinnen, die bislang „ein wahnsinnig tolles Team bilden“, nun „irgendwie Einzelkämpferinnen“. Seitz findet das „traurig“. Aber so will es das Reglement.

Ein Quotenplatz ist zu besetzen

Pauline Schäfer-Betz hat sich durch ihren 20. Quali-Rang im Mehrkampf einen persönlichen Platz für Paris 2024 sichern können. Der 13. Platz des Teams bringt einen weiteren Quotenplatz, der nicht an eine bestimmte Turnerin gebunden ist. Was bedeutet, dass nun alle anderen deutschen Athletinnen versuchen werden, sich für diese eine Startberechtigung zu empfehlen. Eli Seitz hat als starke Mehrkämpferin den Vorteil von Können und Routine auf ihrer Seite – muss in den kommenden Monaten aber erst einmal gesund und wieder fit werden. Rund sechs Monate waren dafür nach der Operation vor genau vier Wochen veranschlagt worden.

Beim Kontrolltermin an diesem Mittwoch werden mit den Ärzten die nächsten Schritte besprochen. „Darauf“, sagt Elisabeth Seitz, „freue ich mich, das soll ein Lichtblick sein.“

Nach den dunklen Momenten von Antwerpen.