Blanca Knodel ist seit 27 Jahren Türmerin in Bad Wimpfen – die erste und einzige Frau in Deutschland, die auf 32 Meter Höhe wohnt und arbeitet. In ihrem 53 Quadratmeter großen Reich im Blauen Turm hat sie drei Kinder großgezogen.
Blanca Knodel steht in der Tür ihrer Wohnung, die Hände in die Hüften gestemmt. „Grüß Gott. Hier ist die Mautstelle. Hier kriegt man was geboten für sein Geld“, sagt die 72-Jährige mit einem mitreißenden Lachen. Der Mann, der gerade die 134 Stufen bis zu ihrer Wohnung hochgeschnauft ist, lässt sich von ihrer guten Laune anstecken. Voller Vorfreude zahlt er das Eintrittsgeld. „Hier geht es lang“, sagt sie und weist mit einer Handbewegung den Weg auf den Rundgang des Blauen Turms, dem Wahrzeichen von Bad Wimpfen.
Der Hochwachtturm, der die Silhouette der Stadt prägt, wurde um 1170 als westlicher Bergfried der größten staufischen Kaiserpfalz nördlich der Alpen errichtet. Heute dient er als Aussichtsturm. Auf 32 Meter Höhe bietet sich ein Rundblick über die mehr als 7000 Einwohner zählende Stadt und das Neckartal. Blanca Knodel genießt diese Aussicht täglich. Vor 27 Jahren hat sie sich auf die Stelle als Türmerin beworben. „Ich habe den Zuschlag erhalten, obwohl ich damals alleinerziehend mit drei Kindern war. Das war eine Sache“, erinnert sie sich stolz.
Sie ist Türmer Nummer 32
Sie ist die erste Frau in diesem Amt – zumindest seit 1626. So weit reicht die Liste der Türmer zurück. Demnach ist Knodel Türmer Nummer 32. Dies geht aus den Ratsprotokollen hervor, die seit dem 16. Jahrhundert Auskunft geben. Dem Protokoll von 1595 zufolge gab es aber auch schon vor dem Dreißigjährigen Krieg einen Türmer sowie einen jährlich neu bestellten „Vorwächter“, der den Turm nicht habe herabsteigen dürfen, bis „der Thurmmann die 12. Uhr nach Mitternacht“ geblasen habe.
Knodel kann weder Horn spielen noch warnt sie vor Feuersbrünsten oder bläst das Friedenssignal. Anders als Martje Thalmann, die Münsteraner Türmerin der katholischen Stadt- und Marktkirche St. Lamberti. Sie bläst sechs Tage die Woche zwischen 21 Uhr und Mitternacht jede halbe Stunde ins Türmerhorn. „Aber im Gegensatz zu mir wohnt sie nicht auf dem Turm“, betont Knodel. Dann gibt es noch eine dritte Türmerin in Deutschland, nämlich im brandenburgischen Lübben. Sie führt Besucher in den Turm der Paul-Gerhardt-Kirche.
Führungen sind in Bad Wimpfen nicht vorgesehen. Dafür erhalten Besucher und Besucherinnen der Stadt von Ostern bis Erntedank jeden Sonntag um 12 Uhr einen Ohrenschmaus: Musiker der Stadtkapelle blasen vom Turm herab. „Sie richten den Choral aus, immer einen anderen“, sagt Knodel.
Anschließend bittet sie die Musizierenden immer in ihre Türmerwohnung. „Wir haben einen richten Stammtisch.“ Getrunken wird Blanca-Knodel-Sekt. Seit 2001 gibt es die Flaschen mit dem Blauen Turm auf dem Etikett, dem Schriftzug Heilbad Bad Wimpfen und ihrer Unterschrift. In der Schlosskellerei Affaltrach wird er für Knodel hergestellt und in Kartons angeliefert, allerdings nur bis zum Fuße des Turms. Dann muss Blanka Knodel schauen, wie der Sekt nach oben kommt. Dafür hat sie ihre „berühmten Zettelchen“, wie sie sagt. Da steht dann: „Lieber Gast: Wer den Kasten bis zur Winde im dritten Stock trägt, bekommt ein Freibier oder einen Sekt oder eine Türmerwohnungsbesichtigung.“ Meist dauert es nicht lange, bis sie das Rattern der Winde hört, die ein Stockwerk unter ihrer Wohnung endet. Von dort müssen die Lasten noch bis zur „Mautstelle“ getragen werden.
Der älteste Besucher war 95 Jahre alt
Knodel erinnert sich, wie einst eine Gruppe Japaner den Turm besteigen wollte, als gerade der Sekt angeliefert wurde. „Jeder hat einen Karton genommen.“ Danach hat sie mit den Touristen Sekt in ihrer Türmerwohnung getrunken. Später habe sie erfahren, dass dieser Moment für die Japaner das schönste Erlebnis ihres ganzen Europatrips gewesen sei. Das liebe sie an ihrem Beruf, sagt sie, „die Begegnung mit so vielen Menschen“. Dazu gehört auch jene mit einem 95-jährigen Herrn, ihrem bislang ältesten Turmbesucher. „Der ist ganz flott die Treppe hochgekommen“, erinnert sie sich. „Hallo, grüß Gott. Ich bin bestimmt Ihr ältester Gast“, habe er ihr entgegengerufen. Dafür müsse er die 85 toppen, habe sie geantwortet und ihn zu einem Glas Turmsekt eingeladen. „Ein Viertel Trollinger mit Lemberger wäre mir lieber“, habe er entgegnet. Drei Viertele habe er dann bei ihr getrunken. Fortan habe er alle sechs Wochen bei ihr angerufen, bis er mit 98 Jahren gestorben sei.
Sie setzt sich auf die Eckbank ihres Esstischs. Die Wand dahinter ist kaum zu sehen. Sie zieren Bilder und Wappen und ein alter Stadtplan von Bad Wimpfen. Darunter hängen schwarz eingerahmt Siegel der Reichsstadt Wimpfen von 1250 bis 1802. Es sind Nachgüsse – die Originale liegen im Stadtarchiv. Hinter einer Lampe lugt das Stadtwappen von Bad Wimpfen hervor. Der Reichsadler hält den Petrusschlüssel in der Hand. Daneben steht angelehnt an der Wand eine Farbfotografie von Maximilian. Er ist 2022 geboren und das jüngere von zwei Enkelkindern – Kinder ihrer Tochter Katja. Ihr Bild hat sie an der Wand über dem Klavier aufgehängt, daneben eines von ihrem Sohn Robin und ihrer Tochter Isabel. Fotos von sieben weiteren Generationen hat sie angebracht. Ihr Stammbaum geht bis 1645 zurück. Er hängt im Flur. Martin Vörg ist der Erste in der Linie. „Meine Mutter war die elfte Generation und die letzte mit dem Namen Vörg. Dann hat sie einen Hänsel geheiratet“, erzählt Knodel.
Früher briet sie tonnenweise Hähnchen
Die Eltern betrieben gemeinsam die Gastwirtschaft Zum Kräuterweible unten in der Marktrain unweit des Blauen Turms. Auch von dem Fachwerkhaus hängen Bilder an der Wand. Hier ist Knodel aufgewachsen. Das Haus gehörte über viele Generationen hinweg ihrer Familie. Schon als Kind sei sie hinterm Tresen gestanden, mit einem selbst gebastelten weißen Häubchen, wie es damals die Serviererinnen trugen.
Nach der Mittleren Reife und der einjährigen Schule für Sekretärinnen zieht es sie aber erst einmal in die Ferne. 1968 geht sie nach Ibiza und arbeitet an der Rezeption eines Hotels. „Das war meine sorgloseste Zeit“, erinnert sich Knodel. Nach der Rückkehr schafft sie wieder bei den Eltern im Kräuterweible. Als sie 1973 erneut nach Ibiza zum Arbeiten geht, holt sie ihr damaliger Freund und späterer Ehemann nach Hause zurück. Denn ihr Vater liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Er scheint sich rasch wieder zu berappeln, verstirbt aber dann, 57-jährig, überraschend nach einem Herzinfarkt. Knodel betreibt die Wirtschaft zunächst mit der Mutter und ihrem Bruder, dann mit ihrem damaligen Mann. Sie brät Tonnen von Hähnchen, seit Generationen die Spezialität des Hauses.
Anfang der 80er Jahre verkaufen sie alles und gehen ins Ausland. Die Ehe hält bis zum dritten Kind. Hochschwanger mit ihrem Sohn Robin und ihren ersten zwei Kindern kehrt Knodel in ihre Heimatstadt zurück. Im Haus der Mutter baut sie das Dachgeschoss zur 160-Quadratmeter-Wohnung für sich und die Kinder aus. In dieser Zeit beginnt ihre Karriere als Türmerin.
Weil der damalige Türmer Silvio Zercher immer wieder krank wird, fragt sie Günther Haberhauer, der Vorsitzende des Vereins Alt Wimpfen, ob sie aushelfen wolle. Der Verein ist für die Museen in Bad Wimpfen und den Turm zuständig, der der Stadt gehört. Aus der Vertretung wird eine Dauerstelle. Ihr Salär: ein Prozentsatz aus den Einnahmen des Turms und kostenfreie Logis in der Türmerwohnung.
Knodel zieht mit ihren Kindern in die 53 Quadratmeter große Ein-Zimmer-Wohnung ein. Sie lässt ein 200 Jahre altes Klavier, einen Blüthner, die Turmstufen von „zwei rechten Bären mit Gurten“ hochtragen, innerhalb von sieben Minuten. Auf dem Klavier lernt ihre Tochter Katja Klavier spielen. Als ihr Klavierlehrer, ein Amerikaner, erstmals in die Turmstube kommt, steht er mit offenem Mund da. „Ist das Wirklichkeit, ist das nicht Disney-Land?“, habe er gesagt.
Es rumst oben anders als unten
Wo heute die Eckbank steht, befand sich ihre Schlafcouch. Im hinteren Teil des Raums war Robins Reich aus vier Quadratmetern. „Er war glücklich damit.“ Gegenüber baute sie ein Hochbett für die Töchter, darunter stellte sie ihre Schreibtische. Alle bekamen ein Stück Privatsphäre. „Wie in der Jugendherberge“, sagt sie. Es kamen immer viele Freunde. „Die fanden das alle geil auf dem Turm, besonders bei Gewitter. Es rumst anders als unten“, sagt die Türmerin.
Wenn es heute blitzt und donnert, sitzt sie am Fenster und schaut zu. Sie habe nie Angst gehabt. Auch wenn 1848 der Türmer Christoph Heuerling nur knapp sein Leben retten konnte. Er hatte bei einem Brand in der Stadt die Sturmglocke geläutet, bis das Feuer den hölzernen Treppenaufgang zu seiner Türmerwohnung erreicht hatte. Der Turmhelm und seine Wohnung wurden vollständig vernichtet. Seit dem Wiederaufbau 1851 hat der Turm einen neugotischen Turmhelm. Der letzte große Brand ereignete sich 1984, als der Blaue Turm von einem Blitz getroffen wurde. Die oberste Turmspitze mit Wetterfahne und Turmknauf wurden stark beschädigt. Ein moderner Blitzschutz wurde installiert und die Türmerwohnung mit einer mächtigen Betondecke gesichert.
Vielleicht schafft sie sich wieder einen Turmkater an
Es war nicht die letzte Baumaßnahme. Zwischen 2017 und 2022 wurde der Turm saniert. Knodel musste ins Vereinsheim von Alt Wimpfen umziehen. Gemeinsam mit Günter Haberhauer digitalisierte sie dort die Standesamtsbücher ab 1875. „Das hat viel Spaß gemacht“, sagt sie.
Seit der Wiedereröffnung des Turms lebt sie wieder in luftiger Höhe. Letzten Sommer hatte sie viel zu tun. Jetzt wird es allmählich ruhiger. Knodel denkt darüber nach, sich wieder eine Turmkatze anzuschaffen. Tom Tom, ihr roter Kater, den sie nach dem Auszug ihrer Kinder zu sich geholt hatte, ist kurz vor dem Umzug ins Vereinsheim gestorben.
Wie lange sie wohl noch auf dem Turm bleiben wird? Nur drei ihrer Vorgänger seien länger im Amt gewesen als sie, darunter zwei für jeweils 32 Jahre, erzählt sie. Knodel rechnet. Ganz so lange wird es bei ihr wohl nicht mehr. „Vielleicht mache ich noch drei Jahre.“ Dann wäre es eine runde Sache. Dann käme sie auf 30 Dienstjahre.