Frank Nordhausen im Jahr 2016 in Istanbul Foto: privat

Der Korrespondent Frank Nordhausen musste die Türkei 2017 verlassen, nachdem er in türkischen Zeitungen als „Feind der Türkei“ gebrandmarkt worden war. Er beobachtet den Umgang türkischer Behörden mit deutschen Journalisten mit großer Sorge.

Nikosia - Frank Nordhausen (62), der Philosophie, Geschichte und Germanistik an der Freien Universität Berlin studiert hat, arbeitet vorwiegend für die „Berliner Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“, seine Texte werden auch immer wieder in unserer Zeitung veröffentlicht. Er lebt jetzt im griechischen Teil von Nikosia auf Zypern.

Herr Nordhausen, überwacht die türkische Regierung tatsächlich alles, was deutsche Korrespondenten schreiben?

Ein ehemaliger türkischer Botschafter in Deutschland hat mir einmal gesagt: Wir lesen jeden Artikel über die Türkei in deutschen Medien, wir übersetzen alles und schicken es nach Ankara. Als mir dann 2017 die Akkreditierung verweigert wurde, hatte ich ein Gespräch mit einem hochrangigen Vertreter des türkischen Presseamtes, das für die Pressekarten für Korrespondenten zuständig ist. Er sagte mir ganz offen: Sie schreiben zu kritisch. Wenn Sie eine Akkreditierung wollen, hören Sie damit auf.

Sind die deutschen Journalisten besonders im Fokus, oder betrifft das Korrespondenten aus allen Ländern?

Ich glaube, die Deutschen werden am intensivsten beobachtet. Das liegt an den drei Millionen Türkischstämmigen in Deutschland, das ist die größte türkische Exilgemeinde weltweit.

Sie haben Istanbul im Jahr 2017 verlassen – nach sechs Jahren in der Türkei. Warum?

Ich bekam keine Akkreditierung. Wenn ich im Presseamt nachfragte, wurde mir jedes Mal versichert, mein Antrag werde noch bearbeitet. Ich wollte natürlich trotzdem arbeiten. Deswegen fragte ich beim Presseamt nach, ob ich auch ohne Pressekarte ein Interview mit dem Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu führen dürfe. Man sagte mir, das sei gar kein Problem. Aber danach bin ich richtig ins Kreuzfeuer geraten. Mein Bild erschien auf den Titelseiten der regierungsnahen Zeitungen. Es hieß, ich sei der Nachfolger von Deniz Yücel als Spitzel des Bundesnachrichtendienstes und Feind in der Türkei. Kompletter Unsinn, aber ab da wurde es sehr gefährlich. Die Leute in meinem Viertel kannten ja mein Gesicht. Selbst Präsident Erdogan ließ sich bei offiziellen Anlässen über mein Interview aus. Mir wurde von den deutschen Behörden geraten, das Land zu verlassen. Sie hatten Sorge, dass ich festgenommen werde.

Ist eine wirklich freie, kritische Berichterstattung aus der Türkei heraus noch möglich?

Ich glaube, die Selbstzensur wird zunehmen. Ein deutscher Kollege in der Türkei hat mich für diese Sichtweise kritisiert. Er sagte: Wir berichten so kritisch wie immer. Mit Blick auf meine persönlichen Erfahrungen kann ich sagen: Ich war gerade in meinem letzten Jahr in der Türkei nach dem Putschversuch sehr vorsichtig bei der Auswahl meiner Themen. Und jetzt wäre ich noch vorsichtiger.

Worüber hätten Sie nicht berichtet?

Die röteste aller roten Linien ist die Familie Erdogan und ihre Geschäfte. Diese Familie kam aus ärmsten Verhältnissen und hat inzwischen ein unglaubliches Vermögen angehäuft. Darüber wird in der Regel kein Journalist schreiben, der sich in der Türkei befindet. Es gab mal Phase der politischen Annäherung, da konnte man darüber schreiben. Inzwischen ist das Thema wieder tabu. Seit dem Putschversuch sind die roten Linien insgesamt mehr geworden – und dicker.

Wie bewerten Sie die Verschärfung der Reisehinweise?

Es ist gut, dass die Bundesregierung in diesem Fall so klar Stellung bezieht. Sie sollte auch die Hermes-Bürgschaften für Investitionen in der Türkei auf den Prüfstand stellen, denn sowohl die Verweigerung von Pressekarten unbescholtener Journalisten wie die Drohungen gegen deutsche Urlauber sind ein unerhörter Affront gegen Deutschland.

Sie leben jetzt auf Zypern, schreiben aber weiter über die Türkei. Fällt es Ihnen leichter, über die Türkei zu schreiben, seit Sie nicht mehr vor Ort sind?

Ja und Nein. Natürlich ist es sehr wichtig, dass man sich als Korrespondent vor Ort befindet. Aber tatsächlich verhält man sich immer vorsichtiger, wenn man in dem Land, über das man schreibt, auch lebt. Ich persönlich kann sagen: Ich schreibe jetzt freier – vor allem auch in meinen Kommentaren.

Hat die Ausreise aus Ihrem Berichtsgebiet Sie finanziell gefährdet?

Die Türkei ist ein Land mit einer unglaublich dichten Nachrichtenagenda – da kann man nebenher kaum andere Länder oder Themen abdecken. Man spezialisiert sich also sehr auf dieses Land. Und wenn einem dieses Berichtsgebiet dann von einem Tag auf den anderen genommen wird, ist das existenzgefährdend, ja. Vor allem wenn man nicht fest angestellt ist, sondern als freier Journalist arbeitet.

Deutlich schlechter als Ihnen erging es den türkischen Journalisten, viele sitzen in Haft. Stehen Sie in Kontakt mit türkischen Kollegen?

Ja, aber sehr viele sind inzwischen ins Ausland geflüchtet. Andere haben den Journalismus aufgegeben. Die meisten kritischen Medien gibt es ja schlicht nicht mehr. Und viele, die noch arbeiten, können nicht mehr unter ihren Namen schreiben und meist nur online. Die kritische türkische Presse spielt sich inzwischen fast nur noch im Internet ab.

Wie sieht die türkische Bevölkerung diese krasse Erosion der freien Berichterstattung?

Die meisten Türken nehmen das nicht wahr. Sie konsumieren Nachrichten vor allem über das Fernsehen und das ist schon seit Langem unter Kontrolle der Regierung. Die Zeitungslandschaft ist zu 95 Prozent gleichgeschaltet, da steht eigentlich überall das gleiche drin. Man muss also ins Internet ausweichen, wenn man sich informieren will. Und das machen vor allem diejenige, die ohnehin kritisch eingestellt sind - der westlich-orientierte, säkulare Teil der Bevölkerung, der etwa 40 Prozent ausmacht. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass die Unterstützung für Erdogan nachhaltig erodiert. Selbst wenn jetzt bei den Kommunalwahlen wegen der desolaten Wirtschaftslage Rückschläge drohen, dürfte die Regierung etwa 40 Prozent der Stimmen holen.

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