Fassungsvermögen wie ein Fußballstadion – die neue Moschee bietet Platz für mehr als 60 000 Gläubige. Foto:  

Istanbul hat eine Megamoschee bekommen. Sie steckt voller Symbolik und bietet Platz für mehr als 60 000 Gläubige. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit.

Istanbul - Die Gläubigen hatten wohl auf den Besuch des Staatspräsidenten gehofft, als sie am Donnerstag erstmals zum Morgengebet in die lichtdurchflutete Moschee auf Istanbuls Camlica-Hügel am Bosporus strömten. Denn das gewaltige neue Gotteshaus gilt als das ultimative Denkmal von Recep Tayyip Erdogan, dem autokratischen Dauerherrscher der Türkei. Statt seiner kam dann nur der frühere Ministerpräsident und jetzige Kandidat der islamischen Regierungspartei AKP für das Bürgermeisteramt Istanbuls bei den Kommunalwahlen, Binali Yildirim.

„Die Moschee ist ein herausragendes Bauwerk, das Schönheit zu Istanbuls Glanz hinzufügt“, sagte er. Auch wenn Erdogan bei der religiösen Eröffnung fehlte, so wurde bereits mitgeteilt, der Staatschef werde die Einweihungszeremonie in Kürze vollziehen. Er benötigt vor den Kommunalwahlen Ende März dringend ein positives Zeichen angesichts der eskalierenden Wirtschaftskrise im Land.

Fast wie ein Prachtbau aus dem 16. Jahrhundert

Aber die Camlica-Moschee auf dem höchsten Hügel über der asiatischen Bosporus-Küste ist auch mit politischer Symbolik aufgeladen wie kein anderes seiner Megabauprojekte. Die regierungsnahen türkischen Medien rückten den Neubau bereits in den Rang der ikonischen Istanbuler Moscheen wie der Süleymaniye-Moschee aus dem 16. Jahrhundert und verglichen Erdogan mit deren Bauherren. Tatsächlich drückten die größten osmanischen Sultane der Stadt ihren Stempel mit eindrucksvollen Moscheekomplexen auf. Nur Sultane durften Moscheen mit mehreren Minaretten bauen, und dies auch nur, nachdem sie einen militärischen Sieg errungen hatten und die Beute zur Finanzierung des Baues verwendeten.

Sechs Minarette recken sich nun in den Himmel, ebenso viele wie bei der berühmten Blauen Moschee in der Altstadt. Viele Istanbuler glauben, dass die Camlica-Moschee nach Tradition der osmanischen Sultane einst auch Erdogans Grab beherbergen soll. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden für einen Kulturverein, mit denen sich vor allem Erdogan-nahe Baulöwen für empfangene Wohltaten erkenntlich zeigten. Mit rund 90 Millionen Euro wurde der Bau für nur ein Drittel des Kostenvoranschlags in sechs Jahren erstellt.

Der Turm erinnert an die Schlacht von Manazgirt

Wenn der neue, noch unfertige Istanbuler Flughafen Erdogans Amtszeit architektonisch als wichtigster Profanbau kennzeichnet, so ist die Camlica-Moschee dessen religiöses Gegenstück. Alle Entwürfe, die ein modernes, originelles Design vorschlugen, wurden verworfen. Den Zuschlag erhielt stattdessen ein klassisches Aussehen mit viel Symbolik. So messen die Minarette exakt 107,1 Meter, zur Erinnerung an die Schlacht von Manazgirt, bei der die Seldschuken im Jahr 1071 die christlichen Byzantiner besiegten.

Die Hauptkuppel hat eine Höhe von 72,5 Metern und einen Durchmesser von 34 Metern. Ihr Kronleuchter wiegt sieben Tonnen. Das Gebäude verfügt über 27 Aufzüge und bietet Platz für bis zu 63 000 Gläubige. Letztlich ist die Camlica-Moschee Teil eines Kulturkampfes zwischen konservativen Religiösen und Säkularen in der Türkei. Die Kritik der säkularen Elite an der Camlica-Moschee fiel von Anfang an harsch aus. „Das ist kein Neo-Osmanismus, das ist Pseudo-Osmanismus, gemacht mit Fertigbeton aus China“, schrieb der Journalist Emre Kizilkaya in der „Hürriyet“.

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