Ein Tübinger Jäger legt im Stadtwald an. Im Auftrag der Kommune soll er zusammen mit einem Kollegen Wildschweine abschießen, zwei haben sie schon erlegt. Foto: Horst Haas

Die Wildschweine drängen in Wohngebiete, wo sie Gärten zerwühlen und Anwohner erschrecken. Eine nächtliche Tour mit ihrem einzigen Feind: dem Jäger.

Tübingen - Die Wärmebildkamera in der rechten Hand, das Gewehr über der linken Schulter marschiert Peter Storz durch die Dunkelheit. So schwarz wie Tinte ist die Nacht, es nieselt. Ein Lodenüberwurf und ein Hut schützen den 43-Jährigen vor Nässe. Alle paar Minuten bleibt er stehen, durchkämmt mit der Wärmebildkamera das Dickicht. Eine Stunde vor Mitternacht ist es einsam im Elysium, so heißt das Stückchen Tübinger Stadtwald, das seit einigen Jahren für Wildschweine zur Insel der Seligen geworden ist. Es gibt dort alles: reichlich Futter, Platz im Unterholz und keine Feinde.

So war es bisher. Mit Peter Storz hat sich das geändert. Der Mann ist Jäger, bald sein halbes Leben lang, und neuerdings im Auftrag der Universitätsstadt Tübingen auf der Pirsch. Ausnahmsweise darf mitten in der Stadt geschossen werden, denn die Wildschweine machen Ärger, so viel Ärger, dass es begründete Befürchtungen gibt, dass die Tiere bald im Stadtfriedhof ihre Schnauzen ins Erdreich bohren könnten.

“Lärm mögen sie überhaupt nicht“

An der Mauer desselben wurden sie schon gesehen. „Wenn die den Hölderlin ausgraben, dann geht es ihnen richtig an den Kragen“, sagen die Anwohner. Sie sind froh über Männer wie Peter Storz. Doch er wird auch angefeindet, vor allem von den Tierschützern, wie er erzählt. Vor Kurzem haben sie einem Kollegen auf seiner Pacht den Hochsitz zersägt, deshalb will der Tübinger seinen richtigen Namen lieber für sich behalten. Zwei Rotten hat Storz entdeckt, rund 20 Tiere. „Die haben es faustdick hinter den Lauschern“, sagt der Jäger, „kein Wunder, dass sich die Anwohner nicht mehr vor die Tür trauen.“

Eine Plastikgießkanne und ein Holzstock liegen bei Birgit Metzen am Gartentor parat. „Lärm mögen sie gar nicht“, sagt die 64-Jährige mit dem Händchen fürs Grüne und führt durch ihren riesigen Garten unterhalb ihres Hauses in der Tübinger Engelfriedshalde. Beste Wohngegend auf Halbhöhe, alles schön friedlich, wären da nicht die Wildschweine. „30-mal hatte ich letztes Jahr Besuch“, sagt Metzen entnervt, danach sei ihr Garten regelmäßig eine Kraterlandschaft gewesen. Im Seerosenteich hätten sich die Tiere gesuhlt, zwischen den Beeten sei alles durchwühlt worden, sogar Steinmauern stemmten die Tiere weg, um an die Engerlinge darunter zu kommen. 250 historische Rosensorten hat Metzen angepflanzt, der Garten mit seinen Terrassen und alten Obstbäumen ist seit Jahrzehnten ihr Rückzugsort. Dort füttert die Psychotherapeutin Vögel, kann beim Heckenschneiden entspannen.

Seit die Wildschweine auf den 2000 Quadratmetern wüten, ist es mit der Ruhe dahin. „Da kommt eine Urangst hoch, das rührt an etwas tief im Innersten“, beschreibt Metzen die Begegnungen mit dem Schwarzwild. Das Schnauben, das Grunzen, die Wut einer Bache, die ihre Frischlinge verteidigen will. „Unser Leben hat sich verändert“, sagt Metzen, „ich hoffe, dass die Tiere nicht eines Tages ins Wohnzimmer kommen.“

Mit der Ruhe im Garten ist es wegen der Wildschweinbesuche dahin

Verärgert darüber, wie die Stadt Tübingen die Nöte der Anwohner ignoriert, hat Metzen letzten Sommer eine Bürgerinitiative gegründet. „Keine Wildschweine in Wohngebieten“ nennt sich die Gruppe, zur Gründungssitzung kamen 40 Tübinger. Sie alle haben genug von den gut gemeinten Ratschlägen, den Kompost im Garten abzudecken und das Fallobst einzusammeln. „Wenn es damit getan wäre, hätten wir längst kein Problem mehr“, sagt Metzen. Sie weiß um die Schläue der Wildschweine.

Je wärmer die Winter desto mehr Frischlinge überleben

Der Zaun, den sie inzwischen um ihr Grundstück gezogen hat, hat die Lage verbessert, aber übers Nachbargrundstück finden die Tiere immer noch ihren Weg zu den Rosenstöcken. „Die müssen mehr schießen, in der Stadt haben Wildtiere einfach nichts zu suchen“, fordert Metzen. Bisher seien erst zwei Tiere erlegt worden. Frischlinge dagegen gebe es viele, je wärmer der Winter, desto mehr Nachwuchs überlebe. Die Anwohnerin befürchtet künftig noch mehr Wildschäden und womöglich Unfälle mit Schwarzwild, das über die Straßen rennt. „Wenn das so weitergeht, wird der Bestand in fünf Jahren auf mehr als 300 anwachsen“, prognostiziert Metzen, „da muss man doch handeln.“

Landauf, landab vermehren sich Wildschweine so stark wie noch nie und wagen sich vorwitzig in die Städte hinein. Baden-Baden hat seit Jahren ein Problem, auch in Eberbach im Rhein-Neckar-Kreis darf unter Auflagen inzwischen innerorts gejagt werden. Den genauen Bestand kennt keiner, aber die Abschusszahlen der Jäger haben ein Rekordhoch erzielt. Rund 78 000 Wildschweine sind in der Saison von April 2017 bis Ende März 2018 in Baden-Württemberg erlegt worden, 71 Prozent mehr als in der Saison davor. Die Zahlen werden langfristig weiter ansteigen, sagen die Experten.

Der Nieselregen hat aufgehört, es ist weit nach Mitternacht. Peter Storz kontrolliert eine Wildkamera, die er in einem abgelegenen Garten aufgehängt hat. „Nichts drauf“, sagt er, die letzten Tage war kein einziges Wildschwein da. Zusammen mit einem Kollegen hat er einen Hochsitz aus Metall aufgestellt und Maiskörner unter Steinen versteckt. „Das ist Kirrgut, damit lassen sich die Tiere anlocken“, erklärt Storz und zeigt im Licht der Taschenlampe auf die Stelle, wo sie bereits eine Sau erwischt haben. „Ein Schuss, und sie war tot.“

In den großflächigen Maisfeldern fressen sich die Wildschweine satt

Auch Storz hat in der letzten Saison seinen persönlichen Rekord gebrochen, 25 Wildschweine brachte er zur Strecke. Die Tiere vermehrten sich rasant, sagt er und zählt die Gründe für den Zuwachs auf. Es gebe kaum mehr strenge Winter. Die Bachen, die früher einmal im Jahr geworfen hätten, bekämen häufiger Nachwuchs und seien zudem früher geschlechtsreif. Außerdem habe es aufgrund des langen Sommers Futter im Übermaß gegeben. „Überall wird Mais für Biogasanlagen angebaut“, sagt Storz, „daran fressen sich die Wildschweine ordentlich satt.“

Zum Vollmond will Peter Storz wiederkommen. In hellen Nächten ist die Trefferquote höher. „Im Schnitt dauert es 70 bis 80 Stunden, um ein Wildschwein zu erlegen“, sagt er und dass Jagen eine große Geduldsprobe sei. Auf dem Rückweg zum Auto holt Storz sein Handy aus der Tasche. „Schauen Sie, das ist irre“, sagt er und spielt ein Video aus der Gemeinde Kleinmachnow bei Berlin ab. Es hat im Netz die Runde gemacht. Angeführt von einer Leitbache, galoppieren zwei Dutzend Wildschweine mitten durchs Wohnviertel.

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