Emanuel Macron hat Bernhard Schölkopf zum Essen eingeladen – in den Élysée-Palast. Foto: xxx

Bernhard Schölkopf ist einer der renommiertesten Informatiker weltweit – und das Gesicht des in Tübingen und Stuttgart angesiedelten Forschungsverbunds Cyber Valley. Wie tickt der Mann?

Stuttgart - Vergangenen Dienstag hat Bernhard Schölkopf, Sohn eines Maurermeisters, aufgewachsen in Filderstadt, mit Emanuel Macron im Élysée-Palast diniert. Die Einladung verdankte Schölkopf den großen Ambitionen, die der französische Präsident bei der Künstlichen Intelligenz (KI) hegt – Macron will Frankreich auf diesem Forschungsfeld an die Spitze bringen – dorthin, wo sich Schölkopf bereits befindet.

 

Bernhard Schölkopf, der eine John Lennon-Nickelbrille trägt, sich für Astronomie begeistert und im Chor singt, ist zum Aushängeschild des Cyber Valley geworden. Der 51-Jährige studierte in Tübingen und London, arbeitete in Cambridge und wurde 2001 in Tübingen einer der jüngsten Direktoren eines Max-Planck-Instituts überhaupt. In jüngster Zeit kann sich der Informatiker vor bedeutenden Auszeichnungen kaum mehr retten: 2018 erhielt er den Leibnizpreis, im September dieses Jahres den mit einer Million Euro dotierten Körberpreis – Deutschlands höchstdotierte wissenschaftliche Auszeichnung.

Bloß nicht das Verkehrsschild verwechseln

Derzeit arbeitet Schölkopf daran, dass Computerprogramme auf intelligente Weise aus Daten Zusammenhänge herleiten können: „Wenn in einer geschlossenen Ortschaft ein Tempo-30-Schild so überklebt wurde, dass es wie ein Tempo-120-Schild aussieht, dann muss das KI-System des Autos aus dem Zusammenhang erschließen können, dass dieses Schild zu ignorieren ist“, sagt der Wissenschaftler. Für einen Menschen wäre eine solche Aufgabe banal, für eine Maschine ist sie dies keineswegs. Schölkopf und sein Team forschen in Tübingen daran, dass KI-Systeme künftig Störungen ausblenden und die richtigen Schlüsse ziehen können. Wenn in der Zukunft Autos autonom über Straßen fahren sollten, sind diese Faktoren für die Fahrzeuginsassen überlebenswichtig.

Bernhard Schölkopf ist ein Leisetreter in einem Feld der Lautsprecher: beim Hype-Thema Künstliche Intelligenz bestimmen Menschen wie der Teslachef Elon Musk oder der Philosoph Richard David Precht die öffentlich geführten Diskussionen. In Fachkreisen jedoch wird Bernhard Schölkopf gehört, der seinen Führungsstil so beschreibt: „Ich werde nicht laut.“ Und: „Wissenschaftler kann man nicht wirklich einengen, sondern nur für Dinge begeistern.“

Gegen den Einsatz von KI bei autonomen Waffen

Er selbst blickt dabei über mathematische Formeln und Datenberge hinaus. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Künstliche Systeme denkt kritisch über den Einsatz von Kameras auf Bahnhöfen, die dank KI-Technik menschliche Gesichter erkennen können. Befürworter dieser Überwachung argumentierten oft nach dem Muster: „Wenn du etwas macht, von dem du nicht willst, dass man dich dabei beobachtet, dann solltest du es nicht machen.“ Der Informatiker widerspricht: „Dies halte ich für eine naive Sichtweise.“ Schölkopf sieht gesellschaftliche Konflikte, wie das Spannungsverhältnis von Sicherheit auf der einen Seite und den möglichen Verlust von persönlicher Freiheit auf der anderen Seite.

Noch kritischer bewertet er den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in autonomen Waffensystemen: „Letztendlich fühlt sich ein Mensch für sein Handeln verantwortlich, anders als ein Roboter.“ Aus all diesen Überlegungen leitet er eine Verpflichtung dafür ab, dass sich Deutschland bei der Forschung an KI stark engagiert. „Wir müssen diese Revolution vor dem Hintergrund unserer Wertvorstellungen mitgestalten und dürfen nicht Amerika und China das Feld überlassen.“ Bernhard Schölkopf geht als einer der Pioniere bei diesem Wettbewerb voran – und kann dennoch zwischendurch total abschalten: In seinem Ferienhaus im Schwarzwald, ganz ohne WLan-Anschluss.