Das Diebesgut füllte mehrere Lagerräume. Foto: dpa/Franziska Kraufmann (Archiv)

Straßenbesen, Radiergummis, Eimer, Kopierpapier: Über Jahre hat ein Hausmeister die Materiallager des Stuttgarter Rathauses geplündert. Eines Tages flog er auf.

Stuttgart - 58 Klobürsten, 750 Schließzylinder, Klopapier, Druckerpapier und Leuchtstoffröhren: Insgesamt rund 25 Tonnen Diebesgut fand die Polizei 2012 in der Wohnung des Hausmeisters Jürgen Bastmann (Name geändert). All das hatte er während seiner Dienstzeit im Stuttgarter Rathaus gestohlen. Ein Fall, der in der gesamten Bundesrepublik für Aufsehen sorgte: Überregionale Medien richteten den Blick auf Stuttgart, der diebische schwäbische Hausmeister erlangte ungeahnte unrühmliche Bekanntheit. „Klaue, klaue, Häusle baue“, spottete der Spiegel.

 

Dabei war er all die Jahre im Dienst der Stadt beliebt und unauffällig gewesen, sagten damals Kollegen. Lastwagenweise musste die Polizei die Beute abtransportieren, nachdem der Hausmeister aufgeflogen war. Los ging es mit einem Brief.

Niemand soll etwas gemerkt haben

25 Jahre lang soll niemand etwas gemerkt haben. So lange arbeitete Jürgen Bastmann im Stuttgarter Rathaus als Hausmeister. Und in dieser Zeit trug er das Warenlager zusammen, das Anfang April in seiner Wohnung im Landkreis Ludwigsburg aufgefunden wurde. Im Rathaus war im März 2012 ein Brief eingetrudelt, der einen anonymen Hinweis auf die langen Finger des treuen Mitarbeiters gab, der fünf Jahre zuvor in den Ruhestand gegangen war. Der Beamte, bei dem der Brief landete, leitete ihn sofort weiter, die Stadtverwaltung erstattete Anzeige und die Polizei fuhr zum Hausmeister nach Hause.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Tödlicher Geschwindigkeitsrausch

Dort trauten die Ermittelnden ihren Augen kaum: Wohnstube, Flur, Keller, Gartenlaube, Keller und Dachräume, alles war vollgestopft mit Waren. Alles noch verpackt, nichts benutzt. Nur gehortet und gestapelt. Die Polizei transportierte alles ab. Drei Lastwagen habe sie mit den Sachen vollgeladen, sagte ein Polizeisprecher. Drei Räume eines geräumten, aber der Polizei noch zur Verfügung stehenden Gebäudes wurden als Lagerraum genutzt, um die Sachen zu katalogisieren. Dabei ging es in erster Linie um die Ermittlung, wer die rechtmäßigen Eigentümer waren. Denn für eine Strafverfolgung war es zu spät: Die Taten waren, als sie aufflogen, schon verjährt. Sein Antrieb soll – so hieß es damals – eine krankhafte Neigung gewesen sein. Und es war alles dabei, was in einer Behörde nicht fehlen darf: Bleistiftspitzer und Neonröhren tauchten auf, Leitern und ganze Reinigungsmaschinen.

Lesen Sie aus unserem Angebot: 15 tödliche Sekunden auf der Gaisburger Brücke

Zumindest, so die Polizei, habe sich der Mann an den gestohlenen Sachen nicht bereichern wollen. „Verkauft hat er nichts“, sagte der Polizeisprecher. Nur angehäuft. Der Wert der Waren wurde auf eine viertel Million Euro geschätzt.

Für den Dieb wurde es teuer

Nach der Inventur der Polizei kamen die Sachen ins Rathaus und dort in die Materiallager. Eine Liste mit rund 1700 Positionen bekam die Verwaltung von der Polizei. „Wir kontrollieren, was noch brauchbar ist“, sagte ein Sprecher der Stadt damals. Denn einen Flohmarkt veranstalten und die Sachen verhökern, das ging aus rechtlichen Gründen nicht: Die Sachen waren allesamt aus Steuergeldern bezahlt, also mussten sie verwendet werden. Ob in den zurückliegenden zehn Jahren seit dem Aufdecken der Tat und dem Auffinden der Beute schon alle 58 Klobürsten verwendet wurden, das weiß man im Rathaus jedoch nicht – die Sachen gingen in die normalen Bestände über.

Strafrechtlich konnte der Hausmeister nicht belangt werden, aber teuer wurde es für ihn: Er musste unter anderem Schadensersatz leisten und für Transport und Einlagerung der Beute bezahlen.

Wie kann so etwas passieren, fragte man sich im Stuttgarter Rathaus. Hat tatsächlich nie jemand etwas gemerkt? So richtig kam das nie ans Licht. Nur der Groll des damaligen Verwaltungsbürgermeisters Werner Wölfle (Grüne) drang nach außen: „Jetzt wissen plötzlich viele etwas über den Mitarbeiter zu berichten, haben aber vorher nichts gesagt“, schimpfte er.

Ähnliche Fälle sind nicht so selten, wie man meinen könnte

So etwas kann ja nur einmal passieren, will man meinen. Unter den Augen der Kolleginnen und Kollegen Waren im Wert von mehreren Tausend Euro aus dem Dienstgebäude schleppen, das kann es kein zweites Mal geben? Doch. Die Mitarbeitenden im Rathaus waren noch nicht fertig mit der Bestandsaufnahme, da kam schon die nächste Meldung. Dieses Mal traf es die Deutsche Bahn: Ein Zugbegleiter soll unter anderem Lokführersessel und etwa 6000 Zugzielschilder und eine Funkanlage gestohlen haben, meldete die Bundespolizei im Juni 2012. Er sammelte alles in seiner Wohnung. Über den Wert der Waren wurde damals nichts bekannt, aber über die Menge: Etwa zehn Kubikmeter seien es gewesen.

Für Aufsehen hatte auch ein Fall aus dem Landkreis Ludwigsburg wenige Jahre zuvor gesorgt: Ein Justizwachtmeister hatte Büromaterial am Amtsgericht Ludwigsburg gestohlen, Druckerpatronen im Wert von mehr als 2000 Euro. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt.