Oft ein Problem: Sparsam mit dem Geld umgehen. Foto:  

Trotz guter Wirtschaftslage verschulden sich die Privathaushalte wieder stärker. In der Landeshauptstadt hat die Schuldnerquote den höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2004 erreicht.

Stuttgart - Die Verschuldung der Verbraucher in Stuttgart steigt weiter an. „Die Überschuldung wächst trotz guter Rahmenbedingungen überproportional“, sagte Thomas Schlegel, Vizepräsident der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, am Montag bei der Pressekonferenz zum Schuldneratlas Region Stuttgart 2016. Als überschuldet ­gelten Verbraucher, die ihren regelmäßigen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können.

Die Schuldnerquote – also die Zahl überschuldeter Personen im Verhältnis zur Einwohnerzahl – liegt bei 11,12 Prozent im Vergleich zu 10,67 Prozent im Vorjahr. Insgesamt sind 57 596 Personen in Stuttgart verschuldet. „Stuttgart entwickelt sich weg vom Bundestrend und verschuldet sich stärker“, so Thomas Schlegel. Die Verschuldung in Stuttgart hat ihren höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2004 erreicht. Am höchsten verschuldet sind die Einwohner der Stadtbezirke Mitte (17,17 Prozent), Wangen (14,93), Zuffenhausen (14,26) und Bad Cannstatt (14,22), am ­wenigsten in Plieningen (6,91), Vaihingen (6,78), Birkach (6,77) und Sillenbuch (6,46).

In der Region zeichnet sich der gleiche Trend ab. In allen Kreisen ist die Verschuldungsquote angestiegen. Sie liegt jetzt bei 8,62 Prozent (2015: 8,41 Prozent). Insgesamt sind 192 900 Personen verschuldet. Die Stadt Stuttgart führt die Schuldenquote in der Region mit 11,12 Prozent an. Es folgen Göppingen (8,45 Prozent), der Rems-Murr-Kreis (8,36), Ludwigsburg (7,98) Esslingen (7,62) und Böblingen (7,10).

Die Verschuldung ist in allen Altersgruppen angestiegen

Die Verschuldung in der Region ist in allen Altersgruppen angestiegen. „Verschuldung ist kein Altersphänomen“, sagte Thomas Schlegel. Sogar bei den unter 30-Jährigen ist die Verschuldung in der Region gewachsen (von 7,36 auf 7,67 Prozent) – im Gegensatz zum übrigen Bundesgebiet, wo die Verschuldung in dieser Altersgruppe rückläufig ist. Am stärksten ist die Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen verschuldet (10,6 Prozent), gefolgt von der Gruppe der 40- bis 50-Jährigen (9,65 Prozent). „Diese Altersgruppen haben aber auch noch die Möglichkeit, ihre Schulden abzubauen“, so Schlegel. Von Alters­armut betroffene Menschen könnten dies oft nicht mehr. Sowohl bei den 60- bis 69-Jährigen (von 6,35 auf 6,78) als auch bei den über 70-Jährigen (von 2,11 auf 2,33) seien die Quoten gestiegen.

In der Region überschulden sich Männer fast doppelt so häufig wie Frauen (Männer 11,21 Prozent, Frauen 5,94 Prozent). In Stuttgart sind 14,73 Prozent der Männer und 7,33 Prozent der Frauen verschuldet. „Männer sind nach wie vor Hauptverdiener. Sie gehen oft Verpflichtungen ein, die sie nicht erfüllen können“, so Schlegel.

Warum die private Verschuldung trotz guter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen zugenommen hat, sei nicht eindeutig zu beantworten, sagte Schlegel. Das Thema sei vielschichtig. Typische Ursachen seien Arbeitslosigkeit und geringes Einkommen, Schicksalsschläge und Erkrankungen, aber auch eine unwirtschaftliche Haushaltsführung. Steigende Energie- und Mietpreise und hohe Lebenshaltungskosten seien ebenfalls Gründe dafür, dass Privatleute sich verschulden, sagte Schlegel.

Das Problem ist in Städten größer als auf dem Land

„Verschuldung ist ein stark städtisches Problem“, sagte Schlegel. Selbst in eher ­gering verschuldeten Bundesländern wie Baden-Württemberg und Bayern seien die Menschen in Städten höher verschuldet. In Städten komme durch größere Konsumanreize das Phänomen hinzu, dass Menschen viel konsumieren, die es sich eigentlich nicht leisten könnten, so Schlegel. Die „Konsumlaune“ sei an sich positiv – nur stecke sie oft Menschen an, die eigentlich nicht die Mittel hätten. Zudem beobachte man, dass immer mehr Menschen auf Kredite zurückgriffen, um Anschaffungen zu finanzieren – vor ­allem Ratenkredite würden häufiger.

Auch die Niedrigzinspolitik spiele eine Rolle, meinte Schlegel. Die Menschen konsumierten lieber, statt ihr Geld ertraglos auf der Bank zu parken. Sorge bereitet ihm noch ein anderes Problem: „Die hohe Überschuldungsintensität hat weiter zugenommen“, sagte er. Heißt: Wer sowieso schon stark verschuldet war, hat sich weiter verschuldet.

Es gibt aber auch einen gegenläufigen Trend: Menschen, die mit geringeren Summen in der Kreide stehen, konnten ihre Finanzen ordnen und Schulden abbauen.

Inwiefern die starke Zuwanderung die Zahlen beeinflusse, könne man noch nicht sagen. Eins aber stellte Schlegel klar: „Die hohe und steigende Überschuldung kann man damit keinesfalls begründen.“

Verschuldung könne vermieden werden, betonte Schlegel. „Es ist eine Frage von Wissen und Information, von Bildung und Ausbildung.“ Durch Prävention und Beratung könne man vermeiden, dass Menschen in die Schuldenfalle tappten. „Man muss Themen wie Finanzkompetenz und Sensibilisierung für Finanzfragen stärker fördern, etwa durch ehrenamtliche Finanzpaten“, sagte Schlegel. Der Beratungsbedarf steige stetig. Bereits seit fünf Jahren engagiere sich Credit­reform zusammen mit der Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart an Schulen und werbe für einen vernünftigen Umgang mit Geld. „Wir müssen dem Phänomen mit Information begegnen“, sagte Schlegel.

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