Künftig wird weniger Wasser zur Verfügung stehen, auch in Baden-Württemberg. Das hat Auswirkungen, die man sich heute hierzulande noch schwer vorstellen kann.
Schon wieder wird der Südwesten von einer Trockenheit heimgesucht, in vielen Flüssen sinkt der Wasserspiegel rapide – ein Überblick über die Situation und über denkbare Auswege.
Wie ist die derzeitige Situation?
Für die jetzige Jahreszeit sind die Wasserstände in den Flüssen und Seen sehr niedrig – normalerweise werden solche Pegel, wenn überhaupt, erst im Spätsommer oder gar erst im Winter erreicht. Laut der Hochwasservorhersagezentrale liegen in diesem Jahr schon 44 Prozent der Pegel im Südwesten unterhalb des niedrigsten Wasserstandes in einem durchschnittlichen Jahr. Auch die Grundwasserstände in Baden-Württemberg lagen Ende Juni auf unterdurchschnittlichem Niveau.
Wie sind die Pegel im langfristigen Vergleich einzuschätzen?
Die jetzige Entwicklung ist vergleichbar mit jener vor einem Jahr. Insgesamt aber ist ein deutlicher Rückgang der Regenmengen und damit der Wasserstände zu verzeichnen. So regnete es im vergangenen Winter (Dezember bis Februar) um ein Drittel weniger als im langjährigen Durchschnitt von 1961 bis 1990. Im März und April waren die Regenmengen einigermaßen normal, seit Mitte Mai fällt dagegen nur noch sehr wenig Niederschlag. Der Juni war der trockenste Juni seit dem Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881.
Was bedeutet das für die Wasserversorgung?
Großräumige Engpässe seien derzeit nicht zu befürchten, betont die Hochwasservorhersagezentrale. Und auch der renommierte Wissenschaftler Karsten Rinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung betont: „Baden-Württemberg ist im Vergleich zum Rest von Deutschland beim Wasser noch eine Insel der Seligen.“ Das gilt aber vor allem für das Trinkwasser. Der Wassermangel in den Flüssen und die Austrocknung der Böden hat auch im Südwesten bedeutende Folgen. Die Nutzungskonflikte nehmen zu, es gibt Ernteeinbußen, manche Gebiete versteppen, Waldbäume gehen ein und das Artensterben wird verschärft.
Was bedeuten die Niedrigstände für Flora und Fauna?
Für Karsten Rinke gibt es „eine klare Evidenz, dass wir massiv Tierarten verlieren.“ Bei sehr niedrigen Pegeln verschlechtert sich die Qualität des Wassers, weil die Schadstoffe aus Kläranlagen und Landwirtschaft konzentriert werden. Zudem heizt sich das Wasser auf, Sauerstoff geht verloren. Nur in natürlichen Bachbetten, wo es zum Beispiel Mulden und Nischen gibt, könnten Fische und Insekten auch Niedrigstände überleben. Es müsse deshalb viel stärker renaturiert werden als bisher geschehen. Rinke stellt zudem die Frage, ob man wirklich alle kleinen Wasserkraftwerke und ob man wegen recht weniger Schiffe eine schiffbare Elbe benötige: „Wir brauchen radikale Ansätze, weil die Menschen einen radikalen Umgang mit der Natur an den Tag gelegt haben“, so Rinke.
Wie gehen die Kommunen mit dem Wassermangel um?
Mittlerweile erlassen immer mehr Kommunen und Landkreise Verfügungen, etwa der Landkreis Esslingen oder Bodenseekreis, nach denen kein Wasser mehr aus Seen und Flüssen entnommen werden darf, auch nicht zur Bewässerung von Feldern. Manche Kommunen verbieten auch die Autowäsche, das Rasensprengen oder das Befüllen von Pools.
Wer bekommt bei Wassermangel kein Wasser mehr?
Was passiert, wenn das Trinkwasser wirklich nicht mehr für alle Nutzungen reichen würde, ist noch nicht klar. In der neuen Wasserstrategie des Bundes vom März dieses Jahres heißt es, es sollen nun Leitlinien dafür entwickelt werden. Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) betonte aber schon, dass die Versorgung der Menschen mit Trinkwasser Vorrang haben werde vor allen anderen Nutzungen.
Wie könnte man den Wasserverbrauch senken?
Frankreich macht womöglich vor, was auch in Deutschland passieren könnte. Dort wird bis 2050 mit 30 bis 40 Prozent weniger Wasser gerechnet. Deshalb will Präsident Emmanuel Macron das Preisgefüge verändern: Nur die benötigte Grundmenge an Wasser soll günstig bleiben, alle weiteren Kubikmeter werden teurer. Unterm Strich könnten die Kosten also deutlich steigen. Daneben will man das aufbereitete Abwasser aus Kläranlagen, das bislang in den Flüssen und später im Meer „verschwindet“, besser nutzen. Und die Landwirtschaft soll mit technischen Neuerungen die Bewässerung deutlich effizienter gestalten.
Derzeit stehen Golfplätze in der Kritik – zurecht?
Der Vorsitzende der Linke, Martin Schirdewan, und auch einzelne Stadträte in Stuttgart haben vor Kurzem das Verbot der Bewässerung von Golfplätzen gefordert. Es gehe nicht mehr, dass man Millionen Hektoliter Wasser für das Bewässern von Wiesen verschwende. Kai Uwe Opifanti, der Präsident des Golfplatzes Teck bei Ohmden (Kreis Esslingen), kann diese Anfeindungen nicht wirklich verstehen. Denn er ist sich recht sicher, dass kein Golfplatz in Deutschland Trinkwasser zur Bewässerung zu verwendet: „Das wäre unbezahlbar.“ Viele, auch der Golfplatz Teck, hätten vielmehr Teiche angelegt, die sich mit dem Regen im Winter füllen. Einige dürfen Wasser aus nahe gelegenen Bächen entnehmen; teils müsse dies aber eingestellt werden, wenn die Pegel zu stark fallen, betont der Deutsche Golf Verband. Mittlerweile sei Braun das neue Grün: Die eigentlichen Spielbahnen (Fairways) würden gar nicht mehr bewässert, sondern nur noch die kleinen Flächen rund um die Löcher (Greens). Ein 18-Loch-Platz soll jährlich rund 35 000 Kubikmeter Wasser verbrauchen – das entspricht dem durchschnittlichen Trinkwasser-Bedarf von rund 750 Personen.
Was kann man langfristig tun, um den Wassermangel abzumildern?
Karsten Rinke verweist auf ein Projekt im hessischen Biebesheim, wo heute schon Flusswasser aus dem Rhein gereinigt und ins Grundwasser umgepumpt wird. So werde das Absinken der Grundwasserstände abgemildert, das Wasser bleibe vor Ort und stehe als Trinkwasserreservoir zur Verfügung. Auch sonst müsse man alles tun, um das Wasser zurückzuhalten, durch Entsiegelung der Böden oder Speicherbecken. Er betont, dass es keinen Anlass zur Panik geben, weil die fünf Prozent des Wassers, das als Trinkwasser genutzt werde, immer zur Verfügung stehen werde. Aber die sonstigen Folgen blieben gewaltig: „Wir sprechen von einer Mammutaufgabe, die vor uns liegt.“