Sandra Hüller in Maren Ades Wettbewerbbeitrag „Toni Erdmann“ Foto: Festival

Frischer Wind aus Germany: Bei den 69. Festival von Cannes wird der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Toni Erdmann“ von Maren Ade mit der Ausnahmeschauspielerin Sandra Hüller an der Croisette von den Kritikern euphorisch gefeiert.

Cannes -

Auffallend leer ist es in Cannes zur Mitte des 69. Filmfestivals. Gerade viele US-Amerikaner, so ist zu hören, haben ihre Teilnahme aus Angst vor Terroranschlägen storniert. Nicht so der Regisseur Steven Spielberg: Er stellte in Cannes am Sonnabend seinen weitgehend Computer-generierten Familienfilm „The BFG“ vor, der auf dem Kinderbuch von Roald Dahl basiert und von der kleinen Sophie und einem freundlichen Riesen erzählt. „BFG: Big Friendly Giant“ läuft beim Festival außer Konkurrenz. Eingeschworene Kunstkinoanhänger ließen ihn mangels Interesse aus. Aufsehen erregt vielmehr ein deutscher Film: „Toni Erdmann“ von Maren Ade.

Lachstürme im Kinosaal und wiederholter Szenenapplaus – so etwas hat man noch nie bei einem deutschen Film erlebt in Cannes. Doch die 39-jährige Ade macht das Unvorstellbare möglich: Ihre neue Regiearbeit wurde an der Croisette euphorisch gefeiert. Immer wieder brauste während der Vorführung Gelächter auf. Mit dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag in Cannes seit dem Jahr 2008 ist am Sonnabend auch eine unerwartete Leichtigkeit des Erzählens ins Festivalpalais eingezogen. Die Geschichte ist weltweit anschlussfähig: „Toni Erdmann“ verhandelt eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung. Der 65-jährige Winfried ist Musiklehrer mit ausgeprägtem Hang zu Scherzen und Rollenspielen. Peter Simonischek verkörpert diesen Vertreter der Alt-68er-Spaß-Guerilla, der mit seinem alten Hund zusammenlebt. Nachdem das Tier gestorben ist, macht sich Winfried spontan auf die Reise nach Bukarest, wo seine Tochter als Unternehmensberaterin erfolgreich ist. Mit Scherzgebiss und Sonnenbrille wartet er in der Lobby ihrer Firma auf sie. Doch der unangekündigte Besuch führt zu heftigen Konflikten; zudem ist Ines das genaue Gegenteil ihres Vaters: leistungsorientiert, ernsthaft, eher distanziert. Allein schon durch sein Erscheinungsbild sabotiert der Vater die berufliche Respektabilität der Tochter, die sich in Rumänien bei einem großen Outsourcing Projekt profilieren will und in einer Männerdomäne behaupten muss.

Völlig durchgeknallte Einfälle

Was soll lustig sein an einem solchen Vater, der übergriffig ins Leben seiner Tochter eindringt, könnte man nun fragen. Das ist doch traurig, und tatsächlich sieht man Ines von einer latenten Schwere verschattet, wenn ihr der Vater nicht gleich peinlich ist. Er will sich so gar nicht einfügen, und ihre Abgrenzungsversuche ignoriert er. Völlig durchgeknallt sind Winfrieds absurde Einfälle; so behauptet er auf einem wichtigen Wirtschaftsempfang, zu dem ihn Ines mitnahm, dass er daheim in Deutschland eine Ersatztochter engagiert habe, weil er seine eigene kaum sehen würde. Einmal gibt er sich als Business-Coach aus, ein anderes Mal als deutscher Botschafter – jeweils mit anderer Faschingsperücke, immer im schlecht sitzenden Anzug. Man muss Simonischeks bei aller Massigkeit fast tänzelnde Erscheinung vor Augen haben, um sich den absurden Witz des Ganzen vorstellen zu können.

Zwei Welten prallen aufeinander. Gags und Körperkomik sind so gut getimt wie die Auseinandersetzungen; überhaupt besticht der Film durch einen guten dramaturgischen Flow. Doch es geht um weit mehr: Hier stehen zwei unterschiedliche Lebensmodelle und zwei Generationen gleichermaßen auf dem Prüfstand. Lange scheint das auf Kosten von Ines zu gehen: Karrierefrauen – interessant, dass es den Begriff Karierremann nicht gibt – wurden allzu oft als krankhaft ehrgeizig, notorisch unentspannt und unglücklich kompromittiert, ob im Kino oder anderswo. Doch Maren Ade untersucht auch, was Winfrieds ewige Scherzbereitschaft und seine Grenzübertretungen anrichten können, und am Ende sehen wir Ines freier agieren, und sie ist auf dem nächsten Karrieresprung nach Singapur. Sandra Hüller, ausgewiesene Ausnahmeschauspielerin, verleiht ihrer Unternehmensberaterin noch in der Diszipliniertheit unzählige Facetten. Und Hüllers Gesangsnummer im Film – sie interpretiert Whitney Houstons „Greatest Love of All“ – wurde in Cannes frenetisch bejubelt. Der Saal tobte. Was für ein Erfolg für Hüller und Simonischek! Die Weltfilmbranche schaut nun auf sie. Was für ein Triumph für Maren Ade und das deutsche Kino!

Jarmusch übertrifft sich selbst

Das Thema Familie habe sie schon länger beschäftigt, sagte Ade in Cannes. Der Filmtitel „Toni Erdmann“ meint eine von Winfrieds alternativen Identitäten: eine Kunstfigur, die die Entfremdung zeitweise überbrücken hilft. Überhaupt geht es in diesem Film um die Rollen, die man im Leben ausfüllen will oder muss. „Ein menschlicher, wahnsinnig komischer Triumph“, schreibt das US-Branchenblatt Variety am 14. Mai, alle anderen hier präsenten Medien stimmen ein. Mit dem in Cannes noch nie erreichten Score von 3,8 Punkten liegt „Toni Erdmann“ in der Gunst der Kritiker nahezu uneinholbar weit vorn. Nun scheint alles möglich, sogar ein Hauptpreis in Cannes.

Eine große Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit des Erzählens kennzeichnet auch die neue Regiearbeit von Jim Jarmusch. Mit „Paterson“ hat der US-Amerikaner für viele den vollkommenen Film geschaffen: einfach, humorvoll, poetisch, ohne Protzerei inszeniert. Im Mittelpunkt steht der Busfahrer Paterson, der Gedichte schreibt und ebenso heißt wie die Kleinstadt in New Jersey, in der er mit seiner verspinnert-kreativen Freundin Laura lebt. Strukturiert wird die Handlung durch die gleichmäßigen Abläufe von sieben Wochentagen; am Sonnabend frisst Lauras übelwollende Bulldogge die Lyrik, doch am Sonntag fasst Paterson (Adam Driver) neuen Mut nach dem Schock. „Paterson“ ist eine wundervolle Hommage an die Lyrik, die Liebe und an Kleinstadtbewohner, unprätentiös und von großer Zärtlichkeit.

Wo Jarmusch sich selbst übertroffen hat, blieb die Schottin Andrea Arnold, renommierte Autorenfilmerin und Festival-Liebling, unter den Erwartungen mit „American Honey“. Arnolds erster in den USA gedrehter Film unterliegt völlig der Faszination des Landes. Untersucht wird, was ein Neuling mit einer Gruppe macht. Die 18-jährige Star schließt sich eine Drückerkolonne von Magazin-Abo-Verkäufern an, die aus von daheim weggelaufenen Kids besteht. Im prekären Milieu werden Ausbeutungsmechanismen, aber auch Momente der Anarchie sichtbar. Man meint mitunter, Larry Clarks „Kids“ revidiert zu sehen. „American Honey“ dürfte ein Film so recht nach dem Geschmack des Wettbewerbsjurypräsidenten George Miller sein. Ein Film, der restlos überzeugte, war es nicht.

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