Schon das erste Wettbewerbsprogramm am Eröffnungsabend hat einmal mehr gezeigt, welche visuellen Qualitäten der künstlerische Animationsfilm mitbringt – besonders, wenn er gut kuratiert im Kino läuft. Viele Filmemacher bewegen sich hart am Puls der Zeit.
Trickfilmer sind frei – ungebunden durch die Gesetze der realen Welt können sie ihre Fantasie schweifen lassen. In ihren künstlerischen Bildwelten spiegelt sich die Realität wie unter einem Brennglas – schärfer, prononcierter, pointierter. Gleich mehrfach zu beobachten war das bei der Eröffnung des Stuttgarter Trickfilm-Festivals (ITFS) am Dienstagabend im Gloria-Kino. An Stahlseilen in der Felswand hängt das Kühlhaus, in dem Vater und Sohn Eis gewinnen, das sie täglich per Fallschirm ins Tal transportieren. Schwindelerregend ist jeder Blick hinauf wie hinab in „Ice Merchants“, der portugiesische Trickfilmer João Gonzalez dehnt die Perspektiven bis zum Anschlag. Endlos erscheinen die Seile der Kinderschaukel über dem Abgrund und die Schatten in der warmen Stube.
Eine Traumsequenz später scheint ein Neuanfang möglich
Eines Tages gibt es morgens kein Eis: Es ist zu warm. Oben am Berg löst sich der Schnee, ein Stahlseil reißt, der Absturz droht – doch eine Traumsequenz später, in der die abwesende Frau und Mutter erscheint, wird ein Neuanfang möglich. Kein Medium eignet sich besser als der Animationsfilm, um ein hochverdichtetes menschliches Drama zum Klimawandel in einer Viertelstunde zu erzählen.
Ein „unreines“ Tier rettet ein Menschenleben
Tal Kantor gelingt das in „Letter to a Pig“ (Israel) mit einem Holocaust-Schicksal. Ein Überlebender erzählt Schülern, wie er als Junge vor Nazi-Schergen in einen Stall floh und ein Schwein den Häschern den Blick verstellte. 2-D-Zeichentrick und Realfilm verschwimmen, es geht um Rachegelüste und Vorurteile: Das Schwein hat ihn gerettet, obwohl er es nach jüdischer Lehre als „unreines“ Tier verabscheute. Die gelangweilten Schüler geraten ins Grübeln und in eine Traumsequenz, in der sie zu Häschern werden und das Schwein zum Gejagten.
Leichte Kost ist das nicht – aber die reale Gegenwart ist eben auch nicht, wenn man sie nicht erfolgreich verdrängt. Nur selten hat es beim ITFS schon bei der Eröffnung so viele so brisante Filme gegeben. Die sind sonst praktisch nirgends zu sehen. Das Netz mag voll sein mit unterhaltsamen Animationsfilmen aller Art, die höhere Trickfilmkunst, auch noch kuratiert, gibt es nur beim Festival.
Die Frösche sterben, eine Eisbärin emigriert nach Zürich
Das sieht offenbar auch ein größeres Publikum wieder so. Das Corona-Tief scheint überwunden, das Gloria 1 ist gut gefüllt. Und die politische Rückendeckung steht: Das ITFS sei „ein Glücksfall für das Land Baden-Württemberg“, sagt der Kunststaatssekretär Arne Braun, „ein buntes Fest der Bilder mit kreativem Tiefgang und echtem Pop-Appeal.“ Die Animation gehöre „mittlerweile fest zur DNA“ des Landes, sie biete „enorme Potenziale für benachbarte Bereiche wie Games, Gesundheit und Wirtschaft. Hier investieren wir in die Zukunft“. Auch Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper ist gekommen, sein Bekenntnis klingt so: „Mit der FMX und den Animation Production Days bildet das Trickfilm-Festival das Stuttgarter Dreigestirn der Animations- und Medienkunst, das nach Europa und in die ganze Welt ausstrahlt.“ Die Stadt ist bereits Gesellschafter des Festivals, das Land, bislang vertreten durch die Ludwigsburger Filmakademie, hat angekündigt, es werden zu wollen.
Das brennendste Thema taucht immer wieder auf: der Klimawandel. In „The Waiting“ (Deutschland) von Volker Schlecht erzählt eine Forscherin zu virtuos ineinanderfließenden Mustern, Strukturen und Tieren, wie Pilzinfektionen Frösche weltweit dezimieren – weil Menschen die Sporen über den Globus verteilt haben. In „The Invention of Less“ (Schweiz) von Erni Noah zieht eine Eisbärin vom eisfreien Nordpol nach Zürich und gründet ein Nachhaltigkeits-Startup. Bald entdecken die Menschen, dass weniger mehr sein kann und die Natur ein Erlebnis, wenn man sich auf sie einlässt und sie pflegt. So viel Optimismus in fröhlicher 2-D-Animation wirkt ansteckend.
Als Stuhl eine sinnvolle Funktion erfüllen
Herrlich absurd: Der haarige Puppentrick im Dreiminüter „Ressources Humaines“ (Frankreich) von Isaac Wenzek, Titouan Tillier und Trinidad Plass. Ein junger Mann gibt sich selbst bei der Recyclingstelle ab: Er möchte einen Stuhl aus sich machen lassen, um eine sinnvolle Funktion zu erfüllen. Die Regale ringsum sind voll mit seinen Vorgängern, Rollerskates, Kissen oder Vasen warten auf Käufer. Eine Letzte rauchen will er nicht – er versucht, es sich abzugewöhnen . . .
Auch Alltagssorgen haben Platz. In „Faux Plat“ (Belgien) zeigt Denis de Wind das selbstgerechte Lamento eines Verlassenen. Der behauptet, er bewahre Frauen in Taschen auf, um Konflikten zu entgehen. Eine Assoziationskette entspinnt sich: Eine Tür im Bauch öffnet einen Schrank voller Koffer und Taschen, eine Pferdezeichnung erwacht zu wildem Leben, eine Pistolenkugel wird zum Flugzeug.
Ebenso bewusstseinsströmend arbeitet Jevremovic Vuk in „11“ (Kroatien). Er verdichtet fließende Strichzeichnungen und Ölgemälde zu dramatischen Fußballszenen. Spieler und Schiri verwandeln sich für Sekunden in Spinnen und Teufel, vor dem Elfmeter zeigt Vuk in rasanten Collagen das flackernde Kopfkino der Schützen, als schritten diese nicht zum Punkt, sondern zum Schafott. Ein hochdynamischer Bilderrausch ist das, wie ihn nur der Animationsfilm bietet.
Trickfilm-Festival am Mittwoch
Wettbewerbe
Der Internationale Wettbewerb 1 (Gloria 1) wird um 15 Uhr wiederholt, Teil 2 folgt um 21 Uhr. Young Animation startet um 18 Uhr (Gloria 2), Tricks for Kids um 15 Uhr (Gloria 2). Im Langfilmwettbewerb AniMovie zeigt das Festival die Deutschlandpremiere des norwegischen Films „Titina“, in dem eine putzige Hündin eine Polarexpedition via Zeppelin rettet. Trickstar Nature läuft um 16 Uhr (Gloria 1).
Rahmenprogramm
Die lettische Animationsfilmerin und Ehrenpreisträgerin Signe Baumane zeigt ihre Kurzfilme (14 Uhr, Gloria 1). Um 20.30 Uhr steht „Best of Animation“ (Gloria 2) auf dem Programm, die ihren Titel zu Recht trägt.
Open Air
Um 15 Uhr gibt es „Wie die Mucklas zu Pettersson und Findus kamen“, um 17 Uhr „The Gruffalo“. Um 17.30 Uhr gibt es unter dem Titel „Homemade Films“ Trickfilme aus dem Südwesten zu sehen, um 20.15 Uhr den Spielfilm „Persepolis“.