Die Traceure trainieren an der Universität in Stuttgart-Vaihingen. Foto: Pressefoto Baumann

Das Ziel der Trendsportart Parkour ist es, auf dem schnellsten Weg kletternd, hangelnd oder springend ans Ziel zu kommen. Dabei nutzen die Athleten Mauern, Bänke und alle Arten von Hindernissen. Auch an der Uni Stuttgart.

Stuttgart - Ein Samstagmorgen in Stuttgart-Vaihingen. Auf dem Unigelände gleich neben der S-Bahn-Station trainiert eine Gruppe von rund 40 jungen Menschen. Im Stand lassen sie jedes Gelenk aktiv sanft in alle Richtungen kreisen. Das hat zunächst fast etwas Meditatives, und man denkt an asiatischen Kampfsport. Doch dann werden Stufen, Bänke und sogar Treppengeländer in das Aufwärmprogramm mit eingebaut – hier geht es um Parkour.

Parkour ist ein Wettkampf mit sich selbst

Die Athleten selbst nennen sich Traceure. Für ihren Sport nutzen sie alles, was sich ihnen in der Stadt bietet: Mauern, Streben, Hindernisse. Der Traceur überquert sie im Sprung oder kletternd und hangelnd, um auf dem schnellsten Weg ans Ziel zu kommen. Parkour fordert den eigenen Körper und fördert die Kraft, Beweglichkeit, Geschicklichkeit und geistige Entschlossenheit. „Es ist ein Wettkampf mit sich selbst, man will draußen mit Freunden Spaß haben“, sagt Falko Dietz, einer der Trainer.

Parkour kommt aus Frankreich. Sébastien Foucan hat als Teenager die Trendsportart Parkour zusammen mit seinem Schulfreund David Belle kreiert. Foucan kennen viele als Top-Terroristen Mollaka aus der atemberaubenden Verfolgungsjagd im 2006 gedrehten Bond-Film „Casino Royale“. Dort jagt ihn Bond-Darsteller Daniel Craig kreuz und quer über eine Großbaustelle, rast geländerlose Treppenhäuser hinab, klettert auf Baukräne und balanciert auf deren Auslegern in schwindelerregender Höhe. Doch anders als in Filmen wird die Kunst in Stuttgart meist auf öffentlichem Gelände praktiziert, wie hier an der Uni.

Trainieren kann man jederzeit und überall

Joel Kölbl hat den Film auch gesehen. Vor eineinhalb Jahren hat der Elfjährige aus Holzmaden Parkour für sich entdeckt und ist erstmals beim Einsteigertraining von Parkour Stuttgart dabei. „Parkour ist auch deshalb so toll, weil man es überall und zu jeder Tageszeit trainieren kann“, sagt Joel. Toni führt ihn mit 15 weiteren Teilnehmern an eine rund 1,80 Meter hohe Mauer. Hier lernen sie die Passe Muraille – die Wand zu überwinden. Dabei springt der Traceur die Mauer mit einem Fuß über Hüfthöhe an und katapultiert sich nach oben, um weiter an Höhe zu gewinnen und sich mit den Armen hochzuziehen. Die meisten schaffen es im ersten Anlauf. Zwischen Traceuren gibt es keinen Konkurrenzkampf, sie treiben sich gegenseitig an. „Es geht nicht darum, dass ich besser bin als ein anderer, sondern dass ich besser bin als letzte Woche“, sagt Toni.

Anschließend lernen sie, mit welcher Landetechnik sie am besten von der Mauer wieder runterkommen. Immer wieder stoßen sie sich ab, springen und rollen sich mit einer eleganten Flugrolle über die Schulter. „Versucht jetzt, mehrere Bewegungen zu verbinden, nehmt dabei alles mit wie Bäume, Geländer, Treppen – wir nennen das Flow“, sagt der Coach. Es ist jedoch kein klassisches Trainer-Schüler-Verhältnis. Jeder soll seinen eigenen Weg finden. Parkour hat viel mehr mit der Seele zu tun als mit der Struktur. Traceure sehen die Stadt als einen großen Spielplatz an, jede Stange, jede Mauer und jeden Stein.

Viele, die mit Parkour anfangen, waren Internet- oder PC-Junkies

Der Samstagskurs ist für viele der Einstieg – die Teilnehmer verabreden sich dann privat über Facebook zu weiteren Treffen. Hier lernen sie Koordination und Geschicklichkeit – Grundelemente der menschlichen Bewegung, die eine Generation bewegungsarmer Jugendlicher vor den Bildschirmen zu verlieren beginnt. Viele, die mit Parkour anfangen, waren Internet- oder PC-Junkies.

Dazu zählte auch Erik Erbslöh aus ­Schönaich, ehe er über ein Youtube-Video animiert wurde. „Erste Erfolge merkt man schon nach der ersten Woche, angefangen bei ganz kleinen Sachen. Der Moment, wenn man die Balance auf einem Geländer plötzlich halten kann, ist einfach unglaublich“, sagt der 17-Jährige. Wie die anderen Teilnehmer hat er auch das große Ziel, irgendwann einmal die Stadt durchqueren zu können, ohne Mauern und Gittern ausweichen zu müssen, sich lässig von einem Hindernis zum anderen zu schwingen, ohne den Flow zu unterbrechen. Davor steht aber noch jede Menge Training.

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