Nicht jeder ist ein guter Verlierer. Bei vielen neuen Gesellschaftsspielen steht deshalb das Wir-Gefühl im Fokus. Man lernt, was auch in Pandemiezeiten punktet: Zusammenhalt.
Stuttgart - Studien zum Thema Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Vertrauen belegen es: Gruppenerlebnisse machen glücklich. Menschen, die regelmäßig im Chor singen, spüren diesen Effekt am eigenen Leib. Beim Singen mit anderen fällt der Ärger und Stress des Alltags ab, man fühlt sich wohl, integriert, geborgen. Ähnlich geht es Menschen, die sich regelmäßig zu gemeinsamen Spieleabenden treffen und mit anderen ihr Hobby ausleben. Dabei müssen die Gruppen nicht einmal groß sein.
Manche fühlen sich bei einer Niederlage ausgegrenzt
Soziale Beziehungen – sie heben die Stimmung. Zwar sind diese wegen der Coronapandemie beschränkt. Doch auch zu zweit lässt sich Harmonie und Zusammenhalt empfinden. Wie wäre es also, dem Lebenspartner eine Partie „Monopoly“ vorzuschlagen oder „Mensch, ärgere dich nicht“ auf den Tisch zu bringen?
Wer jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich sicher ist, dass Spielen das Glücksempfinden zumindest desjenigen beschädigt, der die Partie verliert, ist damit nicht alleine. Denn tatsächlich ist es alles andere als eine Wonne, ein Spiel zu verlieren. Manche Spieler fühlen sich durch ihre Niederlage sogar richtiggehend am Boden oder von den Mitspielern gemobbt. Obwohl sie es faktisch nicht sind, fühlen sie sich plötzlich ausgegrenzt von der Gemeinschaft beziehungsweise isoliert im Schatten des strahlenden Siegers.
Kindern fällt es schwer, Niederlagen zu verschmerzen
Kinder haben besonders große Mühe, den Frust des Verlierens aushalten zu können. Durch die Luft fliegendes Spielmaterial, Wutgeschrei und lautes Geheul – laut dem Reutlinger Psychologen Matthias Dauenhauer sind diese Verhaltensweisen und Emotionen zutiefst menschlich. Niederlagen, so sagt er, hätten viele Gesichter und „können am Selbstwertgefühl der Verlierer kratzen“. Ihm zufolge sind Kinder erst ab einem Alter von etwa fünf oder sechs Jahren reif genug, Misserfolge verschmerzen zu können. „Verlieren will geübt sein. Das gilt für Heranwachsende ganz besonders“, so der 64-Jährige, der Spielen als eine gute Vorbereitung auf das Leben sieht. Schließlich laufe auch später in der Schule und im Beruf nicht immer alles so, wie man das gerne möchte. Dauenhauer: „Niederlagen gehören dazu, und es ist wichtig, danach wieder aufstehen zu können.“
Doch was tun, wenn „schlechten Verlierern“ die Übung fehlt und am Spieletisch im Lockdown die Harmonie zu kippen droht? Teamspiele, auch kooperative Spiele genannt, bieten einen interessanten Lösungsansatz. Hier spielen die Leute nicht gegeneinander, sondern miteinander gegen das Spiel oder gegen einen imaginären Gegner. Sprich: Bei kooperativen Spielen verliert niemand alleine, denn alle Spieler spielen als Team, und wenn das Team verliert, verlieren alle Spieler gemeinsam. Dies schwächt das Gefühl des Scheiterns. Andersrum stehen die Spieler natürlich auch bei einem Sieg nicht alleine da – und Glück verdoppelt sich bekanntlich, wenn man es teilt.
Escape-Room- und Detektivspiele sind der Renner
Beim Blick auf den aktuellen Spielejahrgang zeigt sich, dass die Verlage stark auf Teamspiele setzen, denn die meisten Neuheiten haben ein kooperatives Konzept. Vorangetrieben wurde dieser Trend durch den Boom der so genannten Exit- und Rätselspiele, bei denen es darum geht, gemeinsam diverse Aufgaben zu meistern, Codes zu knacken und Rätsel zu lösen. Hitverdächtig erfolgreich ist dabei der Stuttgarter Kosmos-Verlag: Allein 2020 hat er über 1,5 Millionen „Exit“-Titel abgesetzt, mehr als 250 000 „Exit“-Bücher wurden bislang verkauft.
Aus dem Erfolg der Escape-Room-Spiele ist ein weiterer Trend hervorgegangen: Detektiv-Spiele, bei denen die Spieler als Team versuchen herauszufinden, wer von mehreren Verdächtigen ein Verbrechen begangen hat oder wie es zu einem Unglück kam. Besonders gut gelungen sind etwa die „Detective Stories“ von iDventure, die „Sherlock“-Fälle von Abacusspiele sowie die neue Reihe „Crime Story“ von Noris. Doch auch Titel ohne Rätsel- und Detektiv-Thema kommen bei den Spielern sehr gut an. Womöglich auch, weil den Leuten angesichts der Pandemie mehr denn je das Zusammengehörigkeitsgefühl mit anderen fehlt, und weil in einer Zeit voller Entbehrungen eines immer wichtiger wird: endlich wieder ein Wir-Gefühl zu spüren.