Das Wildniscamp Gutellbach zwischen Kniebis und Baiersbronn. Foto: Faltin

Touristiker sind immer auf der Suche nach neuen Ideen: Ein Renner sind derzeit Camps im Wald. Zwischen Baden-Baden und Freudenstadt stehen derzeit sechs solcher Naturzeltplätze zur Verfügung. Anspruchsvoll darf man nicht sein.

Freudenstadt - In Deutschland ist ja so ziemlich alles geregelt, natürlich auch das Übernachten im Wald: Nach Paragraf 37, Absatz 4, Satz 2 des baden-württembergischen Waldgesetzes ist das Zelten im Wald (ebenso wie das Aufstellen von Bienenstöcken) verboten. Dabei gibt es für viele Wanderer nichts Schöneres, als auch die Nächte draußen in der Natur zu verbringen. Seit einiger Zeit hat der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord dafür eine Lösung gefunden: Auf sechs Wildniscamps darf man das Zelt mit offiziellem Segen aufbauen. „Gleich am ersten Tag hatten wir 100 Buchungen“, sagt Jochen Denker vom Naturpark: „Bis heute müssen wir kaum Werbung machen.“

Gewiss, Baden-Württemberg scheint für Urlauber immer attraktiver zu werden, wie das Statistische Landesamt erst am Montag gemeldet hat. 10,6 Millionen Gäste haben sich im ersten Halbjahr 2019 den Südwesten als Reiseziel ausgeguckt – ein Plus von 2,8 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten 2018. Die Zahl der Übernachtungen stieg sogar um 3,8 Prozent auf annähernd 25,8 Millionen. Und doch wissen die Touristiker, dass es immer neue Ideen und Angebote braucht, um als Urlaubsgegend attraktiv zu bleiben – so wie die neuen Wildniscamps.

Die Übernachtungsstellen liegen zwischen Baden-Baden und Freudenstadt, teilweise direkt im Nationalpark. Wer will, kann seine Trekkingtouren so planen, dass er von einem Naturzeltplatz zum nächsten wandert. Das Prinzip ist immer gleich. Im Wald ist eine Fläche mit Holzhackschnitzeln ausgelegt, oder es wurden Holzplattformen gebaut. Dort dürfen höchstens drei Zelte für je drei Personen aufgestellt werden. Es gibt eine Feuerstelle und Sitzgelegenheiten, in einiger Entfernung steht ein Klohäuschen in bajuwarisch-romantischem Stil. Man muss sich vorher im Internet anmelden und pro Platz zehn Euro bezahlen – dann erst erhält man die genauen Standortdaten und auch den Code für Toilette und Holzkiste. Wasser gibt es in der Nähe, aus einer Quelle oder einem Bach – aber die Betreiber empfehlen, es abzukochen. Alles Weitere muss mitgebracht werden.

Ein bisschen Mut braucht es schon, nachts allein im Wald

Um eine Nacht an einem dieser geheimen, wilden Orte zu verbringen, muss man also ganz schön schwer bepackt sein: Zelt, Isomatte, Schlafsack, Kocher und Lebensmittel bilden die Grundausstattung. Tatsächlich habe deshalb mancher schon bemängelt, dass man nicht mit dem Auto zu den Plätzen fahren könne, erzählt Denker. Aber das ist ja der Sinn der Sache – in den Camps kommt man dem ursprünglichen Leben in der Natur, ohne Technik und ohne Luxus, wieder nahe. Handyempfang gibt es fast nirgendwo. Wer das einmal ausprobieren will, ist in den Wildnis­camps richtig. „Wiederholungsgefahr 100 Prozent“, schrieb jemand am Camp Gutellbach ins Lagerbuch. „Wir haben die Erdung­ genossen“, so ein anderer Eintrag. Respektabel: Keiner notierte, dass er sich nachts, so ganz allein im Wald, vor dem Wolf gefürchtet hätte, der seit November 2017 im Nordschwarzwald beheimatet ist.

Diese Naturzeltplätze sind eine der neuen Ideen, mit denen die Touristiker das Interesse an ihrer Region wachhalten wollen. Mit zehn Euro pro Zelt und Nacht ist daran nicht viel verdient, aber es spricht doch viele junge Leute und Familien an, um die die Wanderregionen verstärkt werben. Und solche Wildniscamps stärken natürlich den Ruf des Schwarzwalds als Idyll, ganz nach dem Motto des Nationalparks: eine Spur wilder. Ein weiterer Ausbau der Camps auch in den Südschwarzwald hinein ist deshalb geplant.

Auch im Pfälzer Wald und in der Eifel gibt es Wildniscamps

Das Konzept scheint aufzugehen. Der Schwarzwald war schon immer das Topreisegebiet im Südwesten; im vergangenen Jahr entfielen auf ihn mehr als 40 Prozent aller Übernachtungen im Land. Zum Vergleich: Der Bodensee hat gerade mal einen Anteil von zehn Prozent. Interessant: 2018 legten die Übernachtungszahlen auf Campingplätzen landesweit um stolze 15 Prozent zu. Das lag teilweise am trockenen Sommer, aber das Outdoor­erlebnis liegt doch im Trend.

Anderswo hat man das noch früher erkannt als im Schwarzwald. Vorreiter bei den Trekkingplätzen war der Pfälzer Wald, wo es mittlerweile 15 Plätze gibt. Dort dürfen sogar jeweils bis zu sechs Zelte aufgebaut werden, da muss man bei voller Belegung fast schon wieder von Rummel sprechen. In der Eifel hat man ebenfalls sechs Camps eingerichtet. Man nennt sie dort „Eine-Million-Sterne-Hotel“.

Natürlich habe man bei der Wahl der Standorte Kompromisse machen müssen, sagt Jochen Denker – Rücksicht nehmen musste man auf den Natur- und den Gewässerschutz. Das sieht man dem einen oder anderen Platz an: Das Camp Kniebis ist zwar sehr schön, aber es liegt kaum 200 Meter von der Bundesstraße 28 entfernt. Auch so wahnsinnig geheim sind die Standorte nicht mehr: Auf den einschlägigen Online-Wanderkarten sind alle sechs Zeltplätze bereits exakt verzeichnet. Aber ohne Buchung dort zu zelten kann einen trotzdem in Schwierigkeiten bringen. Denn es gibt für jeden Platz eine Aufsichtsperson, die abends gerne mal nach dem Rechten schaut. Blöd, wenn man dann sein Zelt wieder abbauen und nachts noch durch den Wald heimlaufen müsste.

Weitere außergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten

Baumhäuser

Etwa in Calw, Bad Herrenalb und im Naturcamp am Schluchsee gibt es schwebende Baumhäuser in Form einer Pyramide. Sie bestehen aus Holz, sind aber rundum mit Plexiglas versehen. Das Baumhaus hängt frei an Seilen, der Zugang erfolgt über eine Leiter. Erfunden von den Calwer Pfadfindern, findet diese Form des Baumhauses im Schwarzwald immer mehr Verbreitung.

Hängezelte

Im Schwarzwaldcamp, ebenfalls am Schluchsee, können Besucher im Wald in einem von vier Hängezelten übernachten. Diese sind an Gurten an Bäumen festgemacht und haben darunter ein Sicherheitsnetz – so schläft man doch ruhiger. Das Camp hat sich auf ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten spezialisiert. Es gibt auch Tipis und eine Gondel, die allerdings auf dem Boden steht. Im Hirschgrund bei Schiltach ist ebenfalls ein Hängezelt im Angebot. Tagsüber ist dort eine Zipline-Area, an der man an Seilen über Täler und Hügel fahren kann, abends wird an einem der Seile ein eiförmiges Zelt aufgehängt. Man steigt über einen kleinen Natursteg ein.

Waldhütten

Zwischen Wald und Reben stehen bei Oberkirch-Bottenau vier Hütten in einem Hang auf Stelzen. Sie sind komfortabel ausgerüstet, sogar mit Bad und WC. Der schöne Ausblick ist inklusive.

Weinfässer

In vielen Größen und Formen gibt es sie mittlerweile, die Weinfässer zum Übernachten. Auf dem Äckerhof bei Wolfach schläft man im Podhaus: Auf sieben Quadratmetern passen nicht nur die Betten, sondern auch ein Essplatz und ein Kühlschrank. Auf dem Hof der Familie­ Wild in Sasbachwalden stehen in den Weinbergen zwölf Fässer, jeweils zwei gehören zusammen. In einem Fass schläft man, im anderen wohnt man. Auch auf dem Campingplatz Erbenwald in Neubulach und auf dem Haberjockelshof­ in der Nähe des Titisees gibt es Weinfässer zum Übernachten.

Schäferwagen

Schon seit 2011 bietet ein Förderverein in Bad Wildbad Übernachtungen in einem von drei Schäferwagen an.

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