Das Projekt Lacrima der Johanniter will Kindern Platz zum Trauern geben. Die Trauer wird spielerisch thematisiert – das ist einer der Kernansätze des Projekts. In München gibt es Lacrima seit über 20 Jahren (siehe Bild), jetzt will man auch nach Gerlingen kommen. Foto: Johanniter/Birte Zellentin

Die Stuttgarter Johanniter wollen in Gerlingen ein Projekt zur Trauerbegleitung für Kinder aufbauen. Denn die Kleinsten gehen mit einem Verlust ganz anders um als Erwachsene – und werden oft übersehen.

Wenn Kinder um einen geliebten Menschen trauern, ist es ein wenig, als würden sie in Pfützen hineinhüpfen. „Kinder springen in die Trauer rein und ganz schnell wieder raus“, erklärt der Diakon Tobias Rilling. „In einem Moment sind sie tieftraurig und auf einmal wollen sie wieder Fußball spielen.“ Was nicht bedeutet, dass für sie ein Verlust nicht schmerzhaft ist – Kinder trauern nur eben ganz anders als Erwachsene.

 

Deshalb gibt es auch spezielle Angebote, die gezielt die Kleinsten in dieser schwierigen Zeit begleiten. Wie Lacrima, ein Projekt der Johanniter zur Trauerbegleitung für Kinder, das erstmals 2002 in München auf Initiative von Tobias Rilling startete. Mittlerweile gibt es bereits in vielen Städten Trauergruppen für Kinder im Zuge von Lacrima. Jetzt soll das Projekt auch in der Region Stuttgart aufgebaut werden, genauer in Gerlingen.

„Wir möchten Familien begleiten, die Trauer bewusst machen und ihr Raum und Zeit geben“, erklärt Tobias Rilling, der das Projekt in der bayerischen Hauptstadt leitet und selbst Trauerbegleiter ist, den Ansatz hinter Lacrima. Der Bedarf dafür ist aus seiner Erfahrung hoch, die Hemmschwelle jedoch auch. Schließlich ist Trauer immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Viele Familien wenden sich laut ihm erst an Lacrima, wenn der Leidensdruck groß ist, das Kind sich etwa auffällig verhält. Denn wenn die Kleinsten ihre Trauer unterdrücken, zum Beispiel, um ihre Angehörigen nicht zu belasten, verwandelt sich diese langfristig in etwas anderes: Kinder können aggressiv werden, sich zurückziehen oder Rückschritte in ihrer Entwicklung machen, weiß Rilling.

Wird die Trauer unterdrückt, hat das Folgen

Weil sich die Trauer bei Kindern eben ganz anders äußert als bei Erwachsenen, wird sie oft von der Gesellschaft übersehen – dabei haben gerade die Kleinsten die wenigsten Ressourcen, um damit umzugehen, betont Ira-Kristin Soldner. Sie war als Gemeindereferentin im Strohgäu tätig und ist nun Projektleiterin für Lacrima bei den Stuttgarter Johannitern.

Momentan befindet sich das Projekt noch im Aufbau. Für den Standort Gerlingen hat man sich vor allem aus praktischen Gründen entschieden: Die Stadt sei angebunden an die Autobahn und gut erreichbar, dadurch habe man einen weiten Einzugsbereich, erklärt Soldner. Dass die Stuttgarter Johanniter Lacrima erst jetzt auf die Beine stellen, während die Gruppen in anderen Städten bereits seit einiger Zeit laufen, liegt daran, dass die Organisation erst die nötige fachliche Expertise im Bereich Kinder- und Jugendarbeit aufbauen wollte. Jetzt habe man auch intern mit Ira-Kristin Soldner die richtigen personellen Ressourcen, um das Projekt zu realisieren, heißt es von den Johannitern.

Was Lacrima von anderen Trauergruppen unterscheidet

Angebote zur Trauerbegleitung – auch für Kinder – gibt es in der Region bereits. Warum braucht es jetzt noch ein weiteres Projekt? Laut Soldner verfolgt Lacrima einen besonderen Ansatz, der sich zwar auf die Kinder konzentriert, sie aber nicht isoliert in den Blick nimmt: Es gibt eine Trauergruppe für Kinder, parallel dazu treffen sich aber auch deren Eltern und Angehörige in einer eigenen Gruppe. „Dadurch schafft man die Situation, dass die Familien einerseits gemeinsam auf dem Weg sind, andererseits aber die Eltern und Kinder genau das bekommen, was sie brauchen“, erklärt die Projektleiterin.

Die Gruppenstunden sollen alle zwei Wochen stattfinden. Während es in der Angehörigengruppe dann vor allem um den Austausch geht, machen die Kinder gemeinsam Aktivitäten, backen oder basteln zum Beispiel, erklärt Ira-Kristin Soldner. Die Trauer selbst wird spielerisch thematisiert, das ist einer der Kernansätze von Lacrima. Kinder verarbeiten ihren Verlust gerade beim Spielen, Malen und Toben erzählt Tobias Rilling.

Wichtig ist auch die Beziehungsarbeit, betont Ira-Kristin Soldner. Betreut werden die Kinder von geschulten Ehrenamtlichen, zu denen sie durch die gemeinsamen Aktivitäten ein Vertrauensverhältnis aufbauen und die ihnen ein offenes Ohr bieten. Es gehe aber nicht nur darum, über die Trauer zu sprechen, sondern auch den Kindern die nötigen Ressourcen zu geben, damit sie innerlich stark werden, betont die Projektleiterin. „Der Trauerprozess ist ein Integrieren der Trauer ins Leben. Das bedeutet, dass die Trauer immer da sein wird, man muss nur lernen, wie man damit umgeht. Das wollen wir den Kindern vermitteln.“

2024 soll es in Gerlingen losgehen

Dass dieser Ansatz funktioniert, hat sich schon in München gezeigt. Dreieinhalb Jahre lang werden die Familien im Schnitt von Lacrima begleitet, von den Teilnehmern gibt es laut Tobias Rilling sehr positive Rückmeldungen. Vor allem das Gemeinschaftsgefühl in den Gruppen gebe sowohl Kindern als auch Erwachsenen Halt. „Die Familien unterstützen sich gegenseitig und finden zusammen wieder ins Leben.“ Für viele Kinder bringe Lacrima auch Erleichterung: Sie können sich wieder über Erinnerungen an die verstorbene Person freuen.

Die Johanniter in Stuttgart erhoffen sich jetzt ähnlich gute Resultate. Losgehen soll es in Gerlingen im Frühjahr oder Sommer 2024. Momentan läuft noch die Suche nach ehrenamtlichen Betreuern und den richtigen Räumlichkeiten – zu letzterem sind die Johanniter mit Kirchengemeinden im Kontakt. Geplant ist, erst einmal eine Gruppe für Kinder zwischen sechs und zehn Jahren anzubieten, erklärt Soldner. „Und wenn wir genügend Menschen haben, die gerne bei dem Projekt mitmachen wollen, kann man schauen, ob man später auch eine Gruppe für Ältere startet.“