Glücklich: Ralf und Leonie Schambier einige Tage nach der Transplantation Foto: Lg/Piechowski

Die Zahl der Nierenverpflanzungen hat 2020 im Transplantationszentrum Stuttgart merklich abgenommen, wegen Corona. Um seiner Tochter das jahrelange Warten auf ein Spenderorgan zu ersparen, hat ein Vater ihr eine seiner Nieren gespendet.

Stuttgart - Die ersten Kindheitsjahre schien alles ganz normal zu sein. Mit zwei Schwestern ist die kleine Leonie aufgewachsen, die eine ein Jahr älter, die andere zwei Jahre jünger. Natürlich wollte das Mädchen Sport machen, Hockey. Doch bald stellten sich ungewöhnliche Reaktionen ein beim Spiel: Kopfweh, Bauweh, das Kind war schnell schlapp. Weitergemacht hat sie trotzdem, erst einmal. „Aber es war megaanstrengend“, erinnert sich die heute 25-jährige Leonie Schambier an diese Zeit.

 

Warum das so war, konnte sich lange niemand erklären. Bis eine Ärztin der Sache auf den Grund ging. Vor acht Jahren dann die Diagnose: juvenile Nephronophthise. Diese sehr seltene Erbkrankheit führt schon im Jugendalter durch Entzündungen zu einer Veränderung des Nierengewebes, zu Vernarbungen und zu einer immer schlechteren Filterleistung des Doppelorgans. Zur Schlappheit kommen Übelkeit, Appetitlosigkeit, Konzentrationsprobleme. Auch wenn Leonie Schambier ganz gut klarkam, wusste sie doch: Lange hätte es nicht mehr gedauert und sie wäre ein Fall für die Blutwäsche in der Dialyse gewesen. Das hätte für die Ergotherapeutin dreimal die Woche diese körperlich wie psychisch sehr belastende Prozedur bedeutet.

Wartezeit liegt bei bis zu neun Jahren

„Dialyse war keine Alternative“, sagt Ralf Schambier entschieden. Doch erst mit diesem Schritt wäre seine Tochter auf die Warteliste für ein Spenderorgan gekommen. Und das hätte „acht bis neun Jahre“ gedauert, sagt Markus Krautter, Leitender Oberarzt in der Nephrologie des Stuttgarter Katharinenhospitals (KH), der von internistischer Seite zuständig ist über das Transplantationszentrum des städtischen Klinikums. „Es waren auch schon mal sechs bis sieben Jahre“, weiß Krautter. „Aber die Wartezeit hat in den vergangenen Jahren leider zugenommen.“

Doch als das Thema Dialyse näher rückte, ist es für Ralf Schambier ,„eine selbstverständliche Entscheidung“, seiner Tochter eine seiner beiden gesunden Nieren zu spenden. „Da hat es für mich keine Diskussion gegeben“, sagt der 51-jährige Geschäftsleiter einer Agentur für Kommunikationsdesign. „Mir geht es danach nicht schlechter, meiner Tochter aber deutlich besser.“ Auch wenn die Lebendtransplantation für ihn ein schwerer Eingriff ist. „Das Risiko nehme ich in Kauf – da sind wir optimistisch genug“, sagt der Vater einen Tag vor der OP. Seiner Tochter war da, bei aller Euphorie, auch ein bisschen bang zumute. Auch wenn sie das, was ihr bevorstand, als „Geschenk, das mir wieder zu Kraft verhilft“, betrachtete.

Der Appetit ist zurück

Gut eine Wochen nach dem Eingriff hat sich an der Einstellung des Vaters nichts geändert. Auf dem Weg zum Bistrotisch im Lichthof des Katharinenhospitals geht er etwas gebückt und steif – Schonhaltung, um die manchmal noch auftretenden Schmerzen nach der Operation zu vermeiden. „Ein Spaziergang ist das nicht“, sagt er, „aber auch keine Marathon“. Seine verbliebene Niere übernimmt die Aufgabe der gespendeten. Als Ralf Schambier diese nach der OP auf einem Ultraschallbild im Bauchraum seiner Tochter sieht, ist das für ihn „beeindruckend“. Diese Erfahrung sei „nicht zu toppen“.

Auch Leonie Schambier ist froh, dass der Schritt getan ist, aber sie ist noch etwas gezeichnet von der stundenlangen Operation, noch trägt sie einen Urinbeutel mit sich. „Aber ich habe wieder Appetit“, sagt sie zuversichtlich. „Die Übelkeit ist weg, jetzt kommt die Energie zurück und mit ihr die Euphorie.“

Viele Untersuchungen sind nötig

Man spürt, wie innig verbunden Vater und Tochter sind. Kein Wunder, haben sie doch eine mehr als ein Jahr dauernde Prozedur gemeinsam durchlebt. „Das war eine intensive Zeit“, sagt der Vater. Nicht nur die Organempfänger, auch die Spender werden zuvor im wahrsten Sinne auf Herz und Nieren durchgecheckt. „Man wir einmal komplett auf den Kopf gestellt“, berichtet Ralf Schambier. Danach wusste er, dass er „hundert Prozent gesund“ ist. Seine Begründung für den Schritt musste er auch vor der bei der Kassenärztlichen Vereinigung angesiedelten Ethikkommission erläutern. Und wie seine Tochter musste der Vater zum Psychologen. Erst kam das getrennte Gespräch dran, dann eines zusammen. Dabei wird geprüft, ob Spender und Empfänger sich aller Aspekte und möglicher Folgen bewusst sind.

Auch für das interdisziplinäre Transplantationsteam im Katharinenhospital ist eine Lebendspende immer etwas Besonderes, wenn auch nichts Seltenes. Vor allem wegen des Spenders. „Man operiert jemanden, den man sonst nicht operieren müsste“, sagt Oberarzt Markus Krautter. „Das ist eine große Verantwortung.“ 48 Nieren wurden im Vorjahr im KH verpflanzt, 17 davon waren Lebendspenden, also rund 35 Prozent, der übliche Schnitt sind 25 Prozent. Die Zahl der Nierentransplantationen hat auch in Stuttgart im Jahr 2020 abgenommen (Vorjahr 62, Lebendspenden 21). Die Coronapandemie hat die Organspenden noch weiter vermindert. Dabei stehen auf der Warteliste des Stuttgarter Transplantationszentrums 234 Personen, die auf eine Niere warten.

Anfällig für Infektionen

Aber auch nach dieser Lebendspende muss Leonie Schambier sogenannte Immunsuppressoren einnehmen, um eine Abstoßung des neuen, aber doch fremden Organs durch ihren Körper zu verhindern. Dadurch ist sie anfälliger für Infektionen, auch beim Essen muss sie vorsichtig sein. Deshalb ist die 25-Jährige nicht unglücklich, dass die Menschen an vielen Orten noch Maske tragen müssen. „Corona kommt mir da entgegen“, sagt die junge Frau.

Jetzt geht sie erst einmal mit ihrem Vater zusammen in die Reha, wie das in solchen Fällen üblich ist. Um zu Kräften zu kommen. Der Beginn des neuen Lebens will vorbereitet sein. Auf dass sie, wie sie sagt, „wieder mehr Sport machen kann und ich morgens nach dem Aufstehen auch wieder fit bin.“

Seit 1986 gibt es das Stuttgarter Transplantationszentrum

Klinikum Stuttgart
Im Transplantationszentrum des städtischen Klinikums wurde im Jahr 1986 erstmals eine Niere transplantiert. Seither wurden im Katharinenhospital (KH), wo das Zentrum seinen Sitz hat, insgesamt rund 1870 Nieren verpflanzt, 483 von Lebendspendern, das sind 26 Prozent. Die Stuttgarter Einrichtung ist eine von insgesamt 38 in der Republik. Die nächsten sind in Tübingen, Heidelberg und Mannheim.

Rückgang
In den vergangenen Jahren waren die Zahlen der Nierentransplantationen schwankend und insgesamt tendenziell sinkend. 2015 wurden im KH 58 Nieren transplantiert (15 Lebendspenden), 2016 waren es 69 (23), 2017 dann 56 (21), 2018 waren es 66 (25), 2019 wiederum 62 (21) und im Vorjahr dann nur 48 (17).

Bundeszahlen
In der ganzen Republik ist die Zahl der Nierentransplantationen zurückgegangen. Von 2015 bis 2020 wurde folgende Zahlen erreicht: 2196 (645 Lebendspenden), 2094 (597), 1921 (557), 2291 (638), 2132 (520), 1909 (450). Dabei warten bundesweit etwa 7500 Menschen auf eine Niere.

Lebendspende
Bei der Lebendspende wird das Organ anders bei der sogenannten postmortalen Spende eines fremden Verstorbenen meist von einem Elternteil, von Geschwistern oder Großeltern verpflanzt. Die Übereinstimmung von Gewebemerkmalen, die ein Faktor für die Verträglichkeit ist, liegt bei Elternteilen bei 50 Prozent, bei Geschwistern kann sie von 25 bis zu 100 Prozent reichen.

Lebensdauer
Laut Markus Krautter vom Transplantationszentrum im Katharinenhospital beträgt die Lebensdauer einer Niere nach einer Lebendspende 15 bis 18 Jahre, mitunter hätten verpflanzte Organe aber „auch schon 30 Jahre gehalten“. Die durchschnittliche Lebensdauer von Organen nach postmortaler Spende betrage zwölf bis 15 Jahre. Nierentransplantationen können mehrfach vorgenommen werden, die Eingriffe werden aber „immer schwieriger“.