2018 sollte Argirios Gianikis den damaligen Drittligisten VfR Aalen in die zweite Liga führen. Nach acht Monaten war er entlassen. Inzwischen steht er bei Topclub AEK Athen auf der Sonnenseite des Trainerlebens – und fiebert dem Duell mit Olympiakos entgegen.
Athen - Erst erkennt ihn der Ober, dann zücken auch diverse Gäste ihr Handy. Argirios Giannikis erfüllt geduldig und mit einem Lächeln sämtliche Selfie-Wünsche. Er hat an diesem Donnerstag in der Cafébar Cultivos im Athener Shoppingcenter Golden Hall nicht den allergrößten Zeitdruck. Das Europa-League-Spiel zwischen Olympiakos Piräus und Eintracht Frankfurt am Abend schaut sein Co-Trainer Gino Lettieri (54/zuletzt MSV Duisburg) im Stadion an. Giannikis trainiert den aktuellen Tabellenzweiten der griechischen Super League, den zwölfmaligen Meister AEK Athen, seit Mitte Oktober. „Als das Angebot kam, musste ich nicht lange überlegen. Diesen Spitzenclub zu übernehmen ist eine sehr reizvolle Aufgabe“, sagt der 41-Jährige, der mit dem AEK an diesem Sonntag (18.30 Uhr) im brisanten Derby auf Spitzenreiter Olympiakos trifft.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: VfB-Profi Konstantinos Mavropanos – wie das neue Kraftwerk läuft
In Griechenland ist Giannikis eine große Nummer. Dort kürten sie ihn in der Saison 2020/21 zum Trainer des Jahres, in Deutschland schwirrt Giannikis bisher eher unterm Radar. Er begann bei Phoenix Mannheim, Ex-KSC-Profi Stephan Groß holte ihn danach zum VfL Neckarau, ehe es zum Karlsruher SC ging. Der gebürtige Nürnberger übernahm Führungsaufgaben im Nachwuchsleistungszentrum, trainierte die U 19, förderte dort Hakan Calhanoglu (Inter Mailand) und arbeitete als Co-Trainer mit Markus Kauczinski zusammen, erst beim KSC, dann beim FC Ingolstadt. Als Cheftrainer kam er in Deutschland über West-Regionalligist Rot-Weiss Essen und den VfR Aalen nicht hinaus.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Argirios Giannikis – die nächste Stufe auf der Karriereleiter
Beim Club von der Ostalb fungierte er in Doppelfunktion auch noch als Sportdirektor. „Das war einfach zu viel. Wir spielten ansehnlichen Fußball, aber die Ergebnisse stimmten nicht. Der Abschied tat weh“, schildert er seine Erinnerungen an die Zeit in Württemberg. Wobei sein damaliger Spieler Nick Fennell nur Positives berichten kann: „Agi war einer meiner besten Trainer. Menschlich und taktisch absolut top, immer mit einem schlüssigen Plan. Aber damals in Aalen war er die ärmste S. . .“
Raus aus der Komfortzone
Sein Trainerglück fand er dann erst in Griechenland, er genießt dort einen exzellenten Ruf. „Ich wollte aus der Komfortzone raus“, sagt Giannikis. PAS Giannina FC, einen Club, der am Boden lag, führte er in der Saison 2019/20 mit attraktivem Offensivfußball in die erste Liga, schaffte 2020/21 souverän den Klassenverbleib, schlug aber das Angebot zur Vertragsverlängerung aus und zog zurück nach Deutschland. Zu seiner Familie, die in Frankfurt/Main ihren Lebensmittelpunkt hat. Wo seine Frau Rula einen guten Job im Personalmanagement bei der Deutschen Bank hat und sich die gemeinsamen Kinder Mattheo (5) und Damian (3) wohlfühlen.
Dann aber kam im Oktober der erneute Lockruf aus Griechenland. „Es gab auch immer wieder Anfragen und Angebote aus Deutschland, aber mich muss das Projekt reizen, ich will einen ordentlichen nächsten Karriereschritt machen“, betont Giannikis. Mit AEK ist ihm das wahrlich gelungen. Der Club, bei dem auch Ex-VfB-Profi Steven Zuber unter Vertrag seht, gehört neben Olympiakos Piräus, Panathinaikos Athen und Paok Saloniki zu den großen vier Clubs in Griechenland. Demitris Melissanidis, ein schwerreicher Reeder, pumpt viel Geld in den Club, nächstes Jahr entsteht ein neues Stadion, ein Stab von 25 Personen unterstützt Giannikis.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Deutsche Trainer in Belgien und den Niederlanden
„Es ist ein anderes Arbeiten in Griechenland. Im Sommer wird wegen der brütenden Hitze um 8.30 Uhr und 19.30 Uhr trainiert“, erzählt Giannikis. „Die Fans sind im Stadion extrem heißblütig. Sie leben intensiver, sie suchen den Kontakt. Ich werde von wildfremden Leuten zum Essen eingeladen“, erzählt Giannikis. Er selbst verbindet griechisches Temperament mit deutschen Tugenden wie Disziplin und Pünktlichkeit. „Die Mischung macht’s“, sagt er.
Wo ihn das einmal in seiner Trainerkarriere hinführen soll? „Ich möchte heute maximal gut sein, um morgen besser zu sein. Das ist mein Motto“, sagt Giannikis, der gemeinsam mit Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco und Pellegrino Matarazzo die DFB-Fußballlehrer-Lizenz erwarb. Orientieren will er sich an keinem. „Authentizität muss für einen Trainer über allem stehen“, sagt er zum Abschluss, ehe er aufsteht und die Wünsche der Selfie-Jäger erfüllt.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Trainer Rainer Kraft – ein Weltenbummler in Sachen Fußball