Spektakulär ist es immer, wenn die Trabers das Hochseil spannen – am Sonntag nun in Stuttgart Foto: dpa

„Ein Traum wird wahr“ – so sehen es die Organisatoren des noch jungen Vereins Aufbruch Stuttgart. Bundesweites Aufsehen jedenfalls ist gesichert, wenn an diesem Sonntag von 10 bis 14 Uhr die Bundesstraße 14 auf 1,2 Kilometern im Stadtzentrum zur autofreien Bürgerbühne wird.

Stuttgart - Kommen Hunderte? Kommen Tausende? Die Initiatoren der Aktion „Eine Stadt in Bewegung – Für den Wandel von der autogerechten zur menschengerechten Stadt und für ein lebendiges Kulturquartier“ sind selbst gespannt. Von 10 bis 14 Uhr verwandelt sich an diesem Sonntag in Stuttgart die Stadtautobahn ­zwischen Wilhelmsplatz und Staatsgalerie in eine autofreie Bühne – forciert von „Aktivisten und Artisten“, wie es auf Plakaten heißt.

Uwe Brückner forderte schon 2011 „mehr Oper“

Uwe Brückner, der mit seinem Atelier Brückner weltweit Themenräume entwickelt, dürfte aufhorchen. Im April 2011 wirbt er mit einer knappen Botschaft für ein offensiveres Verständnis der Gestaltung des öffentlichen Raums: „Die Stadt braucht mehr Oper.“ Johannes Milla, ebenfalls Vordenker erlebbarer Räume, konkretisiert 2012 dieses „mehr Oper“ auf seine Weise. In einer zuerst in unserer Zeitung präsentierten Ideen­skizze präzisiert er frühere Vorstöße, das Neue Schloss, Sitz etwa des ­Finanz- und Wirtschaftsministeriums, im Erdgeschossbereich komplett neu zu nutzen. „Bürgerschloss“ überschreibt Milla seine Idee, den Innenhof des Schlosses etwa über Cafés zu einem erlebbaren Teil des Schlossplatzes zu machen.

Artistenfamilie Traber agiert über der Stadtautobahn

An diesem Sonntag bekommt Stuttgart „mehr Oper“ in Brückners Sinn – mit einem Auftritt der Hochseilartistentruppe Johann Traber hoch über der Adenauerstraße. Initiiert hat die von Land und Stadt mitgetragene Aktion der von dem ehemaligen SWR-„Nachtcafé“-Moderator Wieland ­Backes gelenkte Verein Aufbruch Stuttgart. Zu den Mitsteitern zählt Christian von Holst, bis 2006 Direktor der Staatsgalerie. Ein durch ihn erarbeiteter historische Rückblick auf die Stadtentwicklung ist an diesem Sonntag ebenfalls Teil des Programms.

Die Jüngeren will man aufrütteln

„Mit den Aktionen am 17. September“, sagt von Holst, „will Aufbruch Stuttgart einen Anstoß geben, die B 14 im Herzen Stuttgarts als das wahrzunehmen, was sie ist: ein Desaster in den Bereichen Verkehr und Stadtraum. Es ist an der Zeit, auch diejenigen Jüngeren aufzurütteln, die Stuttgart nicht anders als mit einer autobahnartigen Schneise kennen.“

Seit 2013 steuert Christiane Lange das Museumsflaggschiff des Landes. Welche Hoffnungen verbindet sie mit dem Aktionstag? „Die Staatsgalerie ist mit ihrer weg­weisenden postmodernen Architektur ein prägendes und lebendiges Wahrzeichen Stuttgarts“, sagt sie. „Ganz im Sinne ihres Erbauers James Stirling laden wir mit ,Eine Stadt in Bewegung’ zu einer offenen und vielfältigen Kulturmeile ein. Mit unseren Programmen, nicht nur jetzt am Sonntag mit dem freien Eintritt, wollen wir die Bürgerinnen und Bürger zur Teilhabe an den Kulturinstitutionen ihrer Stadt auffordern.“

Mut zum Stadtumbau gefragt

„Stuttgarter Nachrichten“ rufen 2002 das Kulturquartier aus

Ein Rückblick: Im Dezember 2002 kommentiert unsere Zeitung: „Wer das Vorgärtchen Kulturmeile pflegt, begrenzt die Stadt, lässt sie nicht atmen, lässt sie keine Fragen stellen“. Und weiter: „Mutlos bleiben Stuttgarts Rollenspiele – von der ‚Stadt am Fluss‘ bis hin zum Thema Kulturquartier – unbeantwortet. So scheint die Beschwörung der Kulturmeile nicht mehr nur Zufall zu sein, sondern kalkulierte Absicht, nicht ausgreifen zu müssen, nichts wirklich infrage stellen zu müssen. Umgekehrt gilt: Kulturquartier ist nicht nur ein Wort, es ist ein Thema, das die Stadt in ihrer jetzigen Struktur infrage stellt. Dazu gehörte auch, dass die ­Kultureinrichtungen diese Chance, ihre Chance, wahrnehmen, Möglichkeiten formulieren, ihre geografische Nähe als Kraftfeld spürbar, erlebbar zu machen.“

Spektakel soll Rückenwind geben

15 Jahre später? Hoffen die Macher von „Eine Stadt in Bewegung“ auf einen „bunten Tross, der um 11 Uhr am Wilhelmsplatz startet“. Die Marching Band Stuttgart wird ihn anführen. Das Versprechen: „Auf der 1,2 Kilometer langen Strecke Richtung Gebhard-Müller-Platz warten künstlerische und musikalische Aktionen der Staatstheater Stuttgart und der beteiligten Museen“. Wie aber geht es nach diesem Sonntag weiter? „Es tut gut, die Stadt so in Bewegung zu sehen“, sagt Petra Olschowski, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. „Die Bürgerinnen und Bürger verbinden zwei wichtige Themen miteinander: Die stärkere Sichtbarkeit unseres großartigen Kulturangebots und die Aufwertung der Innenstadt als lebenswertes und erlebenswertes Ganzes.“ „Ein dauerhafter Erfolg wird am Ende davon abhängen, ob es uns gelingt, kulturelle, verkehrstechnische und ökologische Aspekte zusammenzudenken und in Einklang zu bringen.“

Das Ziel: Mehr Lebensqualität im Zentrum

Darauf zielt auch Stuttgarts Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos ab, wenn sie sagt: „Als Kunstmuseum Stuttgart sind wir Teil des Kulturquartiers, das sich durch ­seine Dichte herausragender Kultureinrichtungen mitten in der Innenstadt auszeichnet. Wir als Museum sind an der Initiative beteiligt, weil wir dieses Quartier noch besser gestalten möchten, mit mehr urbaner Lebensqualität im Zentrum der Stadt, durch einen mutig gedachten Stadtumbau mit einem von den Stadtautobahnen befreitem Zentrum. Zentral ist der Schlossplatz als öffentlicher Raum und Ort etwa des Internationalen Trickfilm-Festivals, der Jazz Open oder auch einer temporären Skaterrampe, wie wir sie 2012 von Michel Majerus realisiert haben.“ Dieses Mal, so scheint es, könnte Stuttgart nicht nur in Bewegung gebracht, sondern auch in Bewegung gehalten werden.

Das Programm für Sonntag

Stichwort Kulturquartier

Die Initiative „Das Kulturquartier“, schrieb unsere Zeitung im Juli 2002, „ist Realität, es muss nicht neu erfunden werden. Und doch ist es nur ein Wort und muss belebt und gelebt werden.“ Und: „Der hiermit vorgeschlagene Begriff ­Kulturquartier weicht nicht vor den Pro­blemen entlang der Adenauer­straße aus. Im Gegenteil: Die inhaltliche ­Debatte um die Stadtraumfiguration der kulturellen Einrichtungen in Stuttgarts Zentrum geben der Auseinandersetzung um die Stadtautobahn zusätzliches Gewicht. Sie vermeidet indes eine Verkürzung auf eine lineare Gestalt, wie sie der Begriff Kulturmeile vorgibt und wie sie mit dem ­Neubau der Städtischen Galerie und dem Projekt Kunsthalle Stuttgart (im Kunstgebäude) als Motor neuer Diskussionen im Spannungsfeld Kunst und Gesellschaft stadträumlich wie inhaltlich absurd erscheinen muss.“

Lnnges Zögern

Die Reaktion Fünf Jahre dauerte es, bis die Diskussion über das Kulturquartier die Politik erreichte. 2007 sagte Stuttgarts ­damaliger OB Wolfgang Schuster: „Es reicht nicht, in Baumreihen zu denken. Wir haben es hier mit einem Quartier zu tun, das von der Staatsgalerie bis zum Institut für Auslandsbeziehungen, vom ­Alten Schloss bis zum Kunstgebäude mit hochrangigen Kultureinrichtungen dicht besetzt ist und sich entsprechend als Kulturquartier fassen lässt.“ 2008 sagte Marion Ackermann als Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart: „Ich bin eine Verfechterin des ­Begriffs Kulturquartier, und ­dieses Thema sollte wirklich grundlegend angegangen werden.“ Marion Ackermann wechselt wenige Monate später nach ­Düsseldorf.

OB Kuhn will in die Stadtrum-Offensive

Neun Jahre später, im Februar 2017, sagte ­Stuttgarts OB Fritz Kuhn unserer ­Zeitung: „Stuttgarts Innenstadt hat eine intensive Dichte kultureller ­Einrichtungen auf höchstem Niveau. So was finden Sie ­nirgends. Wir müssen das pflegen, ­erneuern, ausbauen und gut miteinander verbinden.“

Das Programm am 17. September

10 Uhr Treffpunkt am Wilhelmsplatz. Aufstellung und Ausgabe von Luftballons.

11 Uhr Abmarsch auf der B 14 Richtung Gebhard-Müller-Platz. In der Folge gibt es auf der 1,2 Kilometer langen Strecke künstlerische Aktionen der verschiedenen Kultureinrichtungen. Szenische Momente steuert das Staatstheater Stuttgart bei.

13 Uhr Original Johann-Traber-Show.

14 Uhr Straßensperrung wird aufgehoben.

Umsonst und drinnen Ganztägig kostenfreien Eintritt bieten an diesem Sonntag: die Staatsgalerie Stuttgart, das Haus der Geschichte Baden-Württemberg, das ­Wilhelmspalais (künftiges Stadtmuseum Stuttgart), das Landesmuseum Württemberg, das Linden-Museum Stuttgart und das Kunstmuseum Stuttgart Alle genannten Einrichtungen bieten an diesem Sonntag zudem weitere Sonderveranstaltungen.

Stimmen zum Aktionstag

Christian von Holst (Aufbruch Stuttgart)„Die Probleme mit der B14 und Proteste dagegen sind bald ein halbes Jahrhundert alt, nichts ist seitdem geschehen. Ministerratsbeschlüsse im Kontext der Wettbewerbe Erweiterung des Landtags/Staatsgalerie der 1970er Jahre, Kolloquien, Symposien usw. verliefen im Sand. Dass ausgerechnet eine Stadt in topographisch besonders schöner Lage in einer Talmulde auf der B 14 rund 100.000 Autos täglich zu verkraften hat, ist kein Naturgesetz, sondern ein Unding und eine wohl einmalige Fehlentwicklung unter den Großstädten Deutschlands.“

„Schnelle, kleine Lösungen wird es nicht geben. Daher ist ein Zusammenwirken von Stadt, Region, Land und Bund geboten. Ein vorrangiges Ziel muss der Ausschluss des Durchgangsverkehrs wie in anderen Großstädten sein. Das allein würde schon den Verkehr um rd. 25.000 Fahrzeuge täglich reduzieren. Auch ist der Rückbau der B 14 nötig, von der reinen Autostraße hin zu einem Boulevard, der auch von Fußgängern geschätzt wird, der den Namen Kulturmeile wirklich verdient und in der Breite der früheren Neckarstrasse angenähert wird. Ein fernes, aber lohnendes Ziel. Stuttgart soll und kann nicht wieder so werden, wie es war, könnte aber seine spezifische stadträumliche Eigenart zurückgewinnen und damit an Schönheit und Lebensqualitäten zunehmen.“

Petra Olschowski (Staatssekretärin Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst)

„Es tut gut, die Stadt so in Bewegung zu sehen. Bei so viel Engagement kann ganz am Ende eigentlich nur eine gute Lösung herauskommen. An diesem Sonntag wird aber sicher auch Gelegenheit sein, Themen anzusprechen, die in der Debatte nicht fehlen dürfen.“

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