An Spätsommertagen ist die Aussicht von der Zugspitze überwältigend. Foto: Gabriele Kiunke

Das Gebirge ist massiv bedroht. Tourismus hat nur eine Zukunft, wenn er nicht weiter zur Zerstörung der Natur beiträgt, kommentiert unsere Reise-Redakteurin Gabriele Kiunke.

Stuttgart - Wer einmal im Spätsommer auf der Zugspitze war, wird diesen Anblick nie vergessen: das überwältigende Panorama der unendlich anmutenden Bergkette, wie es in dieser Klarheit nur diese Jahreszeit ermöglicht. Ja, die Alpen sind schön. Aber: Sie sind auch massiv bedroht. Ob unsere Nachkommen diese einzigartige Landschaft noch so erleben werden, war nie so ungewiss wie heute.

 

Winter wie der vergangene, der ausnahmsweise schon Schnee im November brachte, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Klimawandel auch die Alpen mit voller Wucht trifft. Die Gletscher schrumpfen Jahr um Jahr. Naturschnee ist in niedrigeren Höhenlagen zur Ausnahme geworden. Sein Ausbleiben wird zwar mit Kunstschnee kompensiert, doch immer öfter sinken die Temperaturen gar nicht so weit ab, dass die Schneekanonen angeworfen werden können. Im schlimmsten Fall, so ein Szenario der Klimaforscher, könnten die Alpen eines Tages aussehen wie das Atlasgebirge Marokkos, wüst, steinig, kahl. Welch grauenhafte Vorstellung.

Eine Mischung aus Disneyland und Oktoberfest

Damit würden die Alpen auf andere Art wieder zu jenen „montes horribilis“ (schrecklichen Bergen), vor denen in der Antike den Römern grauste, damals wegen des unwegsamen Geländes und seiner unzivilisierten Bewohner. Es gehört zu den Verdiensten des Deutschen Alpenvereins, der dieser Tage sein 150-Jahr-Jubiläum feiert, dass die Wahrnehmung heute eine völlig andere ist und die Alpen längst touristisch erschlossen sind. Ihre Erhabenheit und Schönheit allein genügen dem modernen Urlauber indes immer weniger: Was für Touristen aufgeboten wird, ist krass. Die Area 47, ein alpiner Freizeitpark im Ötztal, oder der Alpin-Coaster bei Oberammergau, eine Art Achterbahn am Berg, sind nur einige Beispiele, wie die Natur zur Kulisse für den durch technische Geräte aller Art befeuerten Adrenalinschub ihrer Besucher degradiert wird. Wintersportorte wetteifern zu Beginn der Saison um die berühmtesten Popstars für das Opening-Konzert an der Piste. Vergangenes Jahr sangen in Schladming die Toten Hosen, in Obertauern die Kultband Wanda. So verkommen die Alpen immer mehr zu einer Mischung aus Disneyland und Oktoberfest.

Unverdrossen setzen Touristiker und Skibahngesellschaften auch in den Ausbau der Skigebiete – was angesichts unübersehbarer Signale des Klimawandels nur Kopfschütteln auslösen kann. An vielen Orten stemmen sich Natur- und Umweltschützer gegen eine weitere Ausbeutung der Berge. Ein Glück, dass sie manchmal erfolgreich sind, wie etwa am Riedberger Horn im Allgäu oder im Malfontal bei St. Anton, wo die Erweiterung der Skigebiete in unberührte Täler verhindert wurde. Ob es ihnen auch im Pitztal, wo das größte Gletscherskigebiet Europas entstehen soll, gelingen wird, ist dagegen ungewiss.

Angesichts der drängenden Probleme muss doch Touristikern wie Naturschützern klar sein: nur eine halbwegs intakte Natur sichert auch künftig den Wohlstand und die Lebensqualität des Gebirges für seine Bewohner und die Besucher. Das Ziel ständig steigender Gästezahlen kann im 21. Jahrhundert langfristig keine tragfähige Perspektive mehr sein. Die touristische Infrastruktur darf in dieser Weise nicht weiter ausgebaut werden, darüber muss endlich ein Konsens erzielt werden.

Bergsteigerdörfer setzen auf Ruhe und Ursprünglichkeit

Gefordert sind touristische Konzepte, die das Gebirge an sich wieder in den Mittelpunkt rücken und die auf Qualität statt Quantität setzen. Wie das gelingen kann, zeigen beispielsweise die Bergsteigerdörfer. Diese Orte, wie etwa Ramsau, setzen auf Ruhe, Ursprünglichkeit und pure Natur. Richtig ist auch die Entwicklung touristischer Ganzjahreskonzepte, wie sie ja bereits einige Wintersportorte verfolgen.

Schließlich sollte auch jeder Besucher seinen Beitrag leisten: Bus oder Bahn für die Anreise nutzen, mindestens drei statt nur einen Tag bleiben, abgelegenen Seitentäler statt große Hotspots wählen. Es geht schließlich um nichts weniger als die Bewahrung der Alpen.