Am Vorderen Wasserfall stürzt der Hörschbach fünf Meter in die Tiefe Foto: Gottfried Stoppel

Wege und Wasser (2): In der wildromantischen Hörschbachschlucht sind festes Schuhwerk, Trittsicherheit und Gleichgewichtssinn gefragt.

Schwäbischer Wald - Wenn unsere Pfingstserie im Zeichen­ des Wassers steht, lässt sich diese Tour so zusammenfassen: Erst gab es davon zu wenig, hernach zu viel; und doch war die Wanderung eine trockene­ Angelegenheit. Bevor es Schritt für Schritt an die Lösung dieses kleinen Rätsels geht, sei das Ziel der Wanderung gewürdigt­: Die Hörschbachschlucht mit ihren beiden Wasserfällen, dem Hinteren am oberen Lauf, dem Vorderen in Richtung Murrhardt dann, sie hielt, was sie versprach. Was von der Wanderkarte und den Hinweisschildern nur bedingt behauptet werden kann.

Und damit sind wir schon auf dem Weg: Von Sulzbach an der Murr im Rems-Murr-Kreis geht es nach Ittenberg. Einen sprudelnden Bach, einen stillen See sucht man auf den ersten drei Kilometern, die auf einer schmalen, an diesem Montag menschen- und autoleeren Straße durch den Wald führen, vergebens. Es ist Natur pur da droben, die man in tiefen Atemzügen aufsaugen und sich so der Last des Alltags ein wenig entledigen kann. Der Eschelhof, ein Viertelstündchen nach der Durchquerung des bäuerlichen Ittenbergs am Weg, verstärkt dieses Gefühl der Enthobenheit. Vor Jahrhunderten gehörte er zu einem Ensemble vierer einsamer Höfe, heute ist er ein Wanderheim des Schwäbischen Albvereins und das schiere ländliche Idyll.

Wasser: zu wenig

Vor der Begegnung mit der eher wilden Seite der Natur kämpfen die Wanderer dann aber mit den Fallstricken der Orientierung: Zunächst lernen sie ungewollt den Weiler Siebenknie kennen, weil kurz nach einem Tümpel des Eschelbachs – ja, langsam wird es nass – die Wegführung nicht eindeutig ist. Dann verfehlen sie den Weiler Trailhof, denn der auf der Wanderroute vorgesehene Knick nach rechts beziehungsweise Süden war nicht erkennbar.

Somit taucht nach rund einer halben Stunde auf einer unangenehm verkehrsreichen Straße überraschend Murrhardt am Hang gegenüber auf – das Rauschen des Hörschbaches rechts unten hat die Wanderer da schon eine Weile begleitet. Also zurück – und da ist er dann, der Hintere Wasserfall, wo der Abstieg in die Schlucht vorgesehen ist. Ein Schieber lässt sich dort öffnen, damit das Wasser mit Wucht die insgesamt zwölf Meter über Terrassen fällt. Allerdings: Genug Wasser ist nicht immer hinter der kleinen Staustufe, dies hängt zum einen vom Wetter ab, zum anderen davon, ob zuvor schon andere das kleine Spektakel inszeniert haben.

Dann wird es abenteuerlich. Schon der Abstieg hinunter zum Grund unterhalb des Wasserfalls verlangt Trittsicherheit und Gleichgewichtssinn. Doch es lohnt sich: Drunten wartet eine Landschaft aus Steinen und Pflanzen, die an tropische Urwälder erinnert. Bemooste Baumstämme liegen quer über dem Bachlauf, tonnenschwere Kolosse sind von der Felswand gebrochen und verlegen Wanderer und Wasser den Weg. Wahlweise darf man bei dieser Ansicht an Robin Hood, „Fluch der Karibik“, Carl Maria von Webers Höllenschlucht im „Freischütz“ („Samiel, Saaamieel. . .!!“) oder, wie zu hören, an eine Tanzszene des Kultfilms „Dirty Dancing“ erinnern, in der Patrick Swayze und Jennifer Gray auf einem Baustamm tanzen, der über einem wildromantischem Bach liegt.

Wasser: zu viel

Das Idyll hat, davor sei deutlich gewarnt, ihre Schattenseiten. Die zwei Kilometer durch die enge Schlucht auf Pfaden entlang des Wasserlaufs verlangen gutes Schuhwerk und sind, ist es feucht, nichts für kleine Kinder oder ältere Spaziergänger. Was heißt: bis knöcheltiefer Matsch, bei dem auch gute Kletterer eine Rutschpartie in Richtung des Bachbetts nicht ausschließen können. Immer wieder überquert man malerische Holzstege, die mitunter schlüpfrig sind. Fast eine Stunde braucht man dann für die Strecke durch das dunkelgrüne Zwielicht. Und ganz sauber stehen am Ausgang in Richtung Murrhardt – nach dem Vorderen Wasserfall rechts vom Bach halten! – die wenigsten Entdecker da.

Erst zu wenig, dann zu viel: Fast alles wäre gesagt, doch warum war von einer trockenen Tour die Rede? Nun, wer seinen Durst in einer Gaststätte löschen möchte, hat unter Umständen Pech. In Ittenberg standen die VVS-StZ-Scouts vor der verschlossenen Tür der Gaststätte zum Schwäbischen Wald, das Gasthaus Wasserfall, ein Teil der Hörschhöfer Sägmühle am Hinteren Hörschbachfall, versteckt sich zuerst zu gut am Waldrand und enttäuscht dann wegen der Öffnungszeiten: montags und dienstags geschlossen. Wohl dem, der sein „Veschper“ in der Tasche hat bei dieser Wanderung, die zwar laut dem VVS-Führer nur 13,5 Kilometer misst, für die man aber mindestens vier Stunden ansetzen sollte.

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