Wer die Etappe zur Zielankunft in L’Alpe d’Huez auf 1850 Metern gewinnt, geht in die Radsport-Geschichte ein und wird in einer der Kurven verewigt.
„Mythen erweisen sich langlebigerals wissenschaftliche Erkenntnisse.“Helmut Glaßl,deutscher Aphoristiker
L’Alpe d’Huez - Viele Sportarten haben einen Ort, der für sie steht. Symbolisch. Aber zugleich als Synonym für heldenhafte Siege, große Dramen, tragische Niederlagen. Einen Ort, der den Athleten alles abverlangt. Das Tennis hat Wimbledon, die Formel 1 Monaco, der alpine Skisport Kitzbühel. Und der Radsport hat L‘Alpe d‘Huez.
Der Anstieg in den auf 1850 Metern gelegenen Retortenskiort in den französischen Alpen ist nicht der steilste, nicht der längste, nicht der härteste. Aber ist trotz Tourmalet, Galibier oder Mont Ventoux der bekannteste. Auch an diesem Donnerstag, bei der zwölften Etappe der Tour de France, werden hunderttausende Fans am Berg feiern und die Fahrer anfeuern. Es ist ein Volksfest des Sports, wie es kein zweites gibt. „Hier leben die Zuschauer besonders nahe an der Legende“, sagt der Radsport-Historiker Patrick Fillion, „an diesem Anstieg geht die Leidenschaft der Zuschauer einher mit dem Leiden der Sportler.“ Und das sogar spürbar.
Für die Fahrer bedeuten die auf 13,8 Kilometer und 1090 Höhenmeter verteilten 21 Kehren eine große Herausforderung. Physisch, zumal sie diesmal vorher schon die 2000er-Pässe Col de la Madelaine und Col de la Croix Fer erklimmen müssen. Aber auch psychisch. Nirgendwo sonst kommen ihnen die Fans so nahe. Das Asphaltband ist für die Radler kaum sichtbar, erst im letzten Moment teilt sich die Zuschauermenge auf der Straße, gibt einen schmalen Korridor frei. „Dieses Spektakel ist faszinierend“, sagt Jens Voigt, mit 17 Tour-Teilnahmen deutscher Rekordhalter, „allerdings auch bedrohlich. Die Fans feiern den ganzen Tag in der Hitze, und wenn dann die Fahrer kommen, sind sie teilweise sturzbetrunken und nicht mehr zurechnungsfähig. Trotzdem versuchen sie, die Fahrer anzufassen oder anzuschieben.“ Da muss man als Profi erst mal durch.
Hinault fuhr stets mit bösem Blick nach oben
Besonders Chris Froome dürfte die Etappe an diesem Donnerstag Sorgen bereiten – und das weniger wegen der rund 70 Kilometer Anstiege und der 5000 Höhenmeter. Bisher haben sich die Unmutsbekundungen gegen den ungeliebten Favoriten, der nach dem Freispruch in seiner Salbutamol-Affäre noch mehr unter Beschuss steht, in erträglichem Rahmen bewegt – Buhrufe und Plakate störten den Briten nicht groß. Doch hinauf nach L’Alpe d’Huez begibt sich Froome, der bei der Tour 2015 mit einem Becher Urin beworfen wurde, in eine unkontrollierbare Menge, ohne den Schutz des Pelotons. Vielleicht hilft es ihm ja, so aufzutreten wie einst Bernard Hinault. Der Franzose, der die Tour 1985 zum fünften Mal gewann (Froome kommt bisher auf vier Siege), verriet damals seine Taktik für den Anstieg nach L’Alpe d’Huez: „Man muss schnurgerade, mit bösem Blick und zusammengepresstem Kiefer auf die Leute zufahren. Dann weichen sie im letzten Moment zurück.“
Wer von den Bergen, die L’Alpe d’Huez gegenüber liegen, auf das Serpentinen-Spektakel schaut, könnte meinen, in ein kolossales Amphitheater zu blicken – in dem die besten Radprofis der Welt die Hauptrolle spielen, aber auch andere die bunte Bühne nutzen. Zum Beispiel tausende Fans in Orange. Seitdem niederländische Profis, der Erste war Joop Zoetemelk 1976, in eineinhalb Jahrzehnten an dem legendären Anstieg insgesamt acht Siege holten, feiern ihre Landsleute in der Holländer-Kurve auf halber Höhe immer dann ein dreitägiges Fest mit viel Musik und noch mehr Bier, wenn es wieder mal hinaufgeht nach L’Alpe d’Huez. Doch auch Norweger, Iren oder Dänen haben ihren festen Platz, machen aus dem größten Radrennen der Welt ein internationales Festival. Sie bejubeln die Profis, die Tour, die Werbekarawane, jeden Hobbyfahrer, der sich hinaufquält. Und am Ende auch sich selbst.
Jedem Sieger sind Schlagzeilen sicher
Aber der Mythos L’Alpe d’Huez speist sich natürlich nicht nur aus der Aktualität. Er lebt vor allem von seiner Geschichte. Und den Geschichten. Über Fausto Coppi, der 1952 die erste Bergankunft in dem Wintersportort gewann. Über Joop Zoetemelk, nach dessen Sieg 1976 Priester Jaap Reuten die Glocken seiner Kirche Notre-Dame-des-Neige in L’Alpe d’Huez zu läuten begann. Über die Teamkollegen und Erzrivalen Bernard Hinault und Greg LeMond, die 1986 Hand in Hand über die Ziellinie fuhren. Oder über Telekom-Profi Giuseppe Guerini, der 1999 alleine oben ankam, von einem aufgeregten Hobby-Fotografen vom Rad geholt wurde, sich wieder aufrappelte und trotzdem noch gewann.
Jedem Sieger sind die Schlagzeilen sicher. Aber nicht nur. Alle werden auch verewigt. Die Gewinner erhalten eine eigene Plakette in einer der 21 Serpentinen. Da die Tour an diesem Donnerstag zum 30. Mal in L’Alpe d’Huez gastiert, sind einige Haarnadelkurven mittlerweile doppelt besetzt. Teilweise mit Namen, über die man im Radsport nur noch ungerne spricht. Super-Doper Lance Armstrong zum Beispiel. Oder der mittlerweile verstorbene Marco Pantani, der den Streckenrekord seit 1997 hält, weil er ein absoluter Top-Bergfahrer war, aber leider auch ein großer Betrüger. „Er ist damals hinaufgebraust, als säße er auf einem Motorroller“, sagte Fabrice Hurth, der Tourismusdirektor von L’Alpe d’Huez, einmal gegenüber einem Schweizer Journalisten. Und erklärte ihm auch, warum er trotzdem nichts davon hält, die Plaketten überführter oder umstrittener Fahrer abzumontieren: „Wer auf diesem Berg gewinnt, hat auf jeden Fall eine physische und taktische Meisterleistung vollbracht, Epo hin oder her. Mit Verlaub, hier kotzt sich jeder aus.“ Das nächste Mal an diesem Donnerstag.