Will nach dem ersten Rennen das Gelbe Trikot tragen: Tony Martin. Foto: dpa

Tony Martin hat bei der Tour de France schon Geschichte geschrieben. Nun soll an diesem Samstag, beim Auftakt in Düsseldorf, das wichtigste Kapitel dazukommen.

Düsseldorf - Usain Bolt ist es gewohnt, dass sich der Erfolg einer ganzen Saison in nicht mal zehn Sekunden entscheiden kann. Es ist riskant, aber natürlich auch reizvoll, wenn alles in einem Lauf gipfelt – die Arbeit, Kraft, Hoffnung eines ganzen Jahres. Denn so ein Moment kann unvergleichliche Emotionen freisetzen. Tony Martin ist Radprofi, kein Leichtathlet. Und trotzdem spürt er gerade intensiver als je zuvor, wie sich alles auf ein paar Minuten fokussiert. Auf ein Zeitfahren, über das er selbst sagt: „So ein Rennen werde ich nicht wieder erleben. Es ist eine unheimliche, einmalige Chance für mich und den deutschen Radsport. “

An diesem Samstag startet die Tour de France in Düsseldorf: 14 Kilometer gegen die Uhr, flach, direkt am Rhein entlang. Die Begeisterung der Fans wird riesig sein, sie soll Tony Martin tragen. Alle erwarten einen Sieg von ihm, dem stärksten Zeitfahrer der Welt. Auch Christian Prudhomme. „Die Strecke ist wie gemacht für Tony Martin“, sagt der Chef der Frankreich-Rundfahrt, „es gibt keinen besseren Rouleur.“ Und keinen besseren Sieger für die Tour. Es wäre der perfekte PR-Coup.

Die härtesten Konkurrenten fehlen bei der Tour

Martin (32) ist der klare Favorit. Weil er viermaliger Weltmeister im Zeitfahren ist. Weil seine beiden härtesteten Konkurrenten Tom Dumoulin (Niederlande) und Rohan Dennis (Australien) bei der Tour nicht dabei sind. Und weil er mit Hilfe seines Katjuscha-Teams seine gesamte Saisonplanung auf dieses Rennen ausgerichtet hat. „Allen in seiner Mannschaft ist klar, wie wichtig dieser Tag für ihn ist“, sagt Hans-Michael Holczer, der ehemalige Katjuscha-Manager, „es wird rund um Tony Martin eine Medienpräsenz geben wie nie zuvor. Und ein Sieg würde seinen Marktwert grandios steigern.“

Ein Triumph ist möglich. Selbstverständlich ist er nicht. Das weiß auch Tony Martin. Er gewann zwar schon fünf Tour-Etappen, trug 2015 das Gelbe Trikot und hat viele andere Erfolge eingefahren, er kennt aber auch die andere Seite. Die Schmerzen nach Stürzen, Verletzungen, geplatzte Träume. Zum Beispiel in Rio de Janeiro. Im August 2016 reiste er nach Brasilien, um Olympiasieger zu werden. Am Ende war er Zwölfter. Völlig ausgepumpt, leer, mit ausgezehrtem Körper stand er danach an der Küstenstraße von Barra im Regen. „Vergangene Saison habe ich es übertrieben, gerade mit der Gewichtsreduktion“, sagt er, „aber auch so etwas muss man in seiner Karriere mal durchleben. Gut bei mir ist, dass ich Negativerlebnisse ganz gut verdrängen kann.“ Das macht es leichter. Und es hilft auch, wenn die Familie Gewicht hat im Leben.

Nach den Olympischen Spielen wurde Martin nicht nur Weltmeister im Zeitfahren, sondern auch Vater einer Tochter. Das veränderte die Perspektive. Auf den Sport. Und auf alles andere. „Mein Ehrgeiz ist kein bisschen eingeschränkt, aber so eine Geburt relativiert viele Dinge“, sagt Tony Martin, „auch den Druck. Es gibt weiß Gott Wichtigeres als einen Sieg im Radsport.“ Und trotzdem wäre ein Sieg in Düsseldorf einer seiner wichtigsten.

Zweifel? Nicht bei Martin

Entsprechend hat Tony Martin sich physisch vorbereitet, sein Material weiterentwickelt, an der Sitzposition gearbeitet. Im Zeitfahren kann eine Hundertstel Sekunde entscheiden, es kommt auf jedes Detail an. Weshalb der gebürtige Cottbusser, der mit seiner Familie in der Schweiz am Bodensee lebt, mit der Generalprobe auch nicht ganz zufrieden war. Zwar gewann er vor einer Woche in Chemnitz seinen sechsten DM-Titel in Serie, aber weniger souverän, als es sein Anspruch gewesen war. „Ohne überheblich zu sein: Alles andere als ein Sieg wäre inakzeptabel gewesen“, meint Martin, „doch der Weg dorthin war nicht so wie erhofft.“

Zweifel? Kommen trotzdem keine auf. Dafür ist Martin zu gut in Form. Und zu selbstbewusst. Er weiß, was er kann. Allerdings weiß er auch, was seine Konkurrenten können. Erst recht in einem Zeitfahren über nur 14 Kilometer – Martin hätte es gerne ein bisschen länger. „Ganz sicher“, sagt er, „wird es ziemlich eng.“

Martin dürfte an diesem Samstag in Düsseldorf einen Schnitt von 55 km/h benötigen, um am Ende vorne zu liegen. Dann wäre er nach knapp 15 Minuten im Ziel. Er müsste länger arbeiten, als Usain Bolt für einen Olympiasieg oder WM-Titel. Aber die Emotionen wären ähnlich unvergesslich.

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