Blau ist Trumpf – zumindest führt das spanische Team Movistar die Teamwertung an. Foto:  

Zwei Wochen sind bereits rum, doch die Tour de France ist längst noch nicht entschieden. Gemeinsam mit Ex-Profi und TV-Experte Jens Voigt, mit 17 Tour-Teilnahmen deutscher Rekordhalter, wagen wir die Prognose: Wer trägt am Sonntag in Paris welches Trikot?

Carcassonne - In der dritten Woche gibt es drei schwere Etappen in den Pyrenäen und ein 31 Kilometer langes Zeitfahren. Noch ist nicht entschieden, wer sich welches Trikot sichert. Eine Übersicht:

Gelbes Trikot

Geraint Thomas, im Sky-Team Edelhelfer von Chris Froome (der auf der ersten Etappe stürzte und Zeit verlor), liegt 1:39 Minuten vor seinem Chef. Bisher war er stark genug, um hin und wieder Arbeitsdienste zu verrichten und trotzdem immer an der Seite von Froome ins Ziel zu radeln. Oder ihm sogar Sekunden abzunehmen wie bei den Bergankünften in La Rosiére und L’Alpe d’Huez, die er völlig überraschend gewann. Wie das Duell ausgeht? Ist total offen. In der Geschichte der Tour gab es hin und wieder teaminterne Duelle zwischen Kapitän und Leutnant. 1985 war der US-Amerikaner Greg LeMond stärker als sein französischer Chef Bernard Hinault, wurde aber von der Führung des gemeinsamen Teams La Vie Claire ausgebremst und musste sich mit Rang zwei begnügen. 1997 gab der dänische Titelverteidiger Bjarne Riis dem aufstrebenden Jan Ullrich (beide Team Telekom) freie Fahrt, als er merkte, dass der junge Deutsche stärker ist. Und 2012 hätte Chris Froome die Tour gewinnen können, musste sich aber seinem Sky-Kapitän Bradley Wiggins unterordnen. Ob diesmal Froome von einer Teamorder profitiert? Zunächst mal ist für Sky wichtig, überhaupt den Sieger zu stellen – noch liegt der Niederländer Tom Dumoulin (1:50 zurück/Team Sunweb) in Lauerstellung. Das sagt Jens Voigt: „Bisher spielt Thomas das Spiel so clever, dass Froome nicht die Chance hat, ihm Zeit abzunehmen. Inzwischen glaubt er daran, die Tour sogar gewinnen zu können. Wenn er am Samstag mit dem Gelben Trikot ins Zeitfahren geht, verteidigt er es auch.“

Grünes Trikot

Was Peter Sagan bei dieser Tour leistet, ist enorm. Er hat bisher schon drei Etappen gewonnen, wurde dreimal Zweiter und beendete weitere vier Teilstücke unter den besten zehn. Der Weltmeister aus dem deutschen Team Bora-hansgrohe ist nicht nur in jedem Massensprint ganz vorne dabei, er sammelt auch in Ausreißergruppen bei den Sprintwertungen unterwegs Punkt um Punkt. Weshalb schon lange klar ist: Sollte er nicht stürzen, gewinnt er zum sechsten Mal bei der Tour das Grüne Trikot des Punktbesten – aktuell hat er mehr Zähler auf dem Konto (452) als seine drei Verfolger Alexander Kristoff (170), Arnaud Demare (133) und John Degenkolb (128) zusammen. Mehr Überlegenheit geht nicht. Das sagt Jens Voigt: „Sagan ist einer der Superstars dieser Tour. Die einzige interessante Frage ist, ob Degenkolb noch Demare überholen kann, was sich lohnen würde: Für Platz drei in der Punktewertung gibt es immerhin 10 000 Euro.“

Gepunktetes Trikot

Es wird wieder nichts mit einem französischen Tour-Sieg – den letzten holte Bernard Hinault 1985. Umso wichtiger ist den Gastgebern, dass wenigstens der beste Bergfahrer ein Franzose ist. Und in dieser Wertung sieht es gut aus: Julian Alaphilippe gewann nicht nur die erste Bergetappe in den Alpen, er hat sich seither auf das gepunktete Trikot fokussiert. Alaphilippe springt in jede vielversprechende Ausreißergruppe und holt auch an Bergwertungen der zweiten oder dritten Kategorie Punkte. Sein schärfster Konkurrent Warren Barguil bräuchte schon zwei gute Etappen in den Pyrenäen, um den Rückstand aufzuholen. Wenn es gelingt, wäre es für die einheimischen Fans kein Problem: Auch Barguil ist Franzose. Das sagt Jens Voigt: „Alaphilippe ist ein sehr cleverer, offensiver, attraktiver Fahrer, der auch mal ein Risiko eingeht. Er wird das Bergtrikot gewinnen – seine Konkurrenten sind nicht stark genug.“

Weißes Trikot

In der Liste der Jungprofis der Tour (unter 25 Jahre) stehen 24 der verbliebenen 150 Fahrer, Chancen auf das Weiße Trikot haben nur noch drei: Die Franzosen Pierre Roger Latour und Guillaume Martin (2:27 zurück) sowie der Kolumbianer Egan Bernal (6:16 zurück). Martin hat den Vorteil, Kapitän des Teams Wanty-Groupe Gobert zu sein. Er genießt dort alle Freiheiten und Unterstützung, hat aber auch Druck. Derzeit ist der studierte Philosoph 17. der Gesamtwertung mit 19:55 Minuten Rückstand – diese Position sollte er noch verbessern. Latour (Gesamt-14.) muss für seinen Kapitän Romain Bardet arbeiten und das Weiße Trikot verteidigen, was eine schwierige Gratwanderung ist. Bernal ist die Berg-Lokomotive des Teams Sky und in dieser Funktion stark gefordert. Das sagt Jens Voigt: „Obwohl Bernal enorm viel arbeiten muss, wird er das Trikot noch übernehmen. Er ist erst 21 Jahre alt, fährt eine sensationelle Tour. Ihm gehört auf jeden Fall die Zukunft.“

Gelbe Rückennummer

Für die Führung in der Mannschaftswertung (es zählen bei jeder Etappe die drei besten Fahrer eines Teams) gibt es kein eigenes Trikot, sondern eine gelbe Rückennummer. Und wenn die Equipe gut ausgestattet ist, radeln zudem alle mit gelben Helmen. Über die Teamwertung gibt es geteilte Meinungen: Für die einen ist sie Quatsch, weil sie in der Renntaktik der einzelnen Mannschaften nicht wirklich berücksichtigt wird. Andere beachten sie umso mehr – weil sie Auskunft darüber gibt, wie stark die Teams in der Breite besetzt sind. Derzeit liegt Movistar im Rennen um die 50 000 Euro Siegprämie vor Bahrain-Merida (7:10 Minuten zurück). Sky folgt abgeschlagen auf Rang drei (42:22 zurück) – weil das Team am Samstag und Sonntag nicht in den Fluchtgruppen vertreten war, die mit großem Vorsprung ins Ziel kamen. Das sagt Jens Voigt: „Ich habe mit meinem Team die Wertung 2008 gewonnen. In Paris mit allen Kollegen auf dem Podium zu stehen, war ein erhabenes Gefühl. Movistar lag schon 2015 und 2016 vorne und wird auch diesmal siegen, weil niemand sonst so viele Top-Bergfahrer hat.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: