An diesem Mittwoch steigt das mit Spannung erwartete Oberliga-Spitzenspiel Stuttgarter Kickers gegen SGV Freiberg. Wie schätzt Freibergs Torjäger und Sportlicher Leiter Marco Grüttner die Lage ein?
Freiberg/Neckar - Marco Grüttner feierte am Samstag eine Premiere: Beim 1:1 des Fußball-Oberligisten SGV Freiberg bei den SF Dorfmerkingen fälschte er einen Freistoß mit dem Kopf zum 0:1 ins eigene Tor ab. Es war sein erstes Punktspiel-Eigentor in seiner langen Karriere. Dass er mit seinem 20. Saisontor noch das 1:1 rettete, war für den 36-Jährigen ein schwacher Trost: „Keine Frage, das Unentschieden ist für uns zu wenig.“ Jetzt geht’s punktgleich in das brisante Spitzenspiel an diesem Mittwoch (19 Uhr) bei den Stuttgarter Kickers . Was an der Ausgangsposition für ihn aber nichts ändert: „Der Aufstieg wird nicht in diesem Duell entschieden“, ist sich Grüttner sicher und führt den jüngsten Ausrutscher als Beispiel an: „Es warten noch weitere unangenehme Gegner der Marke Dorfmerkingen.“ Wer sich weniger Patzer gegen die vermeintlich Kleinen leistet, werde das Rennen um den direkten Sprung in die Regionalliga machen.
Grüttner ist zweifelsohne der wichtigste Mann beim SGV. Der Kapitän macht nicht nur Tore am Fließband, er zieht auch abseits des Feldes als Sportlicher Leiter gemeinsam mit Sportdirektor Christian Werner die Fäden.
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Wie sein Zwischenfazit mit Blick auf diese Doppelrolle ausfällt? Grüttner muss nicht lange überlegen: „Sehr positiv. Mir macht alles unheimlich viel Spaß.“ Für diese Herausforderung hatte er sich vor der laufenden Saison bewusst entschieden – nach davor fünf Jahren beim Zweitligisten Jahr Regensburg, für den er in 121 Pflichtspielen 46 Tore erzielte. „Der Zeitpunkt war einfach der Richtige“, sagt Grüttner. In Weiler bei Affalterbach ist er mit seiner Frau Natalie und den Kindern Laia (6) und Lunis (3) sesshaft geworden. Als ihm das Angebot seines Heimatclubs ins Haus flatterte, musste er nicht lange nachdenken – er unterschrieb in Freiberg bis 2024.
Abgeschlossenes Sportmanagement-Studium
Schließlich hat er ein Sportmanagement-Studium abgeschlossen, sich im Bereich Spielanalyse/Scouting weitergebildet, auf der Jahn-Geschäftsstelle ein Praktikum absolviert und sich auch immer wieder mit dem früheren Regensburger und künftigen Kölner Geschäftsführer Christian Keller (Grüttner: „Eine Koryphäe“) intensiv ausgetauscht.
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All diese Erfahrungen und sein dichtes Netzwerk bringt er nun in Freiberg ein. „Ich bin in alle Transfers involviert, entwickle die Strukturen weiter und unterstütze auch unsere Ehrenamtlichen in allen Bereichen“, sagt der gebürtige Ludwigsburger. Mit Trainer Evangelos Sbonias und Sportdirektor Werner (früher Austria Lustenau), dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, steht er in permanentem Austausch. „Wir sind für Oberligaverhältnisse professionell aufgestellt, aber wir wollen ja auch in die Regionalliga“, stellt er klar.
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Vieles hängt an Emir Cerkez
Der Zweikampf mit den Kickers hat es in sich. Dieses Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden vollkommen unterschiedlich strukturierten Clubs elektrisiert die Fans in der Region. „Über 2700 Zuschauer zuletzt gegen Backnang sind natürlich überragend. Wir haben nicht diese Fan-Kultur und Tradition wie die Kickers, aber wir arbeiten daran, interessanter zu werden, mehr Fußball-Sympathisanten und auch Sponsoren zu finden. Der Aufstieg würde uns dabei enorm helfen“, betont Grüttner. Bisher hängt ungemein viel an den Finanzspritzen von Präsident Emir Cerkez (50), dem Inhaber einer Firma für Flachdachsanierung und Flachdachabdichtung.
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Wie es dem Verein immer wieder gelingt, höherklassige Spieler zu verpflichten? „Es heißt immer, wir hauen die Spieler mit Geld zu, aber es geht vor allem darum, Spieler, die vielleicht noch nicht so viel erreicht haben, von unserem interessanten Projekt zu überzeugen. Zudem beschaffen wir Arbeitsplätze und bieten berufliche Perspektiven über die Karriere hinaus“, erklärt Grüttner. So sei das auch bei Winter-Neuzugang Marco Kehl-Gomez von Drittligist Türkgücü München gewesen.
„Rückschläge brachten mich weiter“
Grüttner selbst haben seine Vereinswechsel immer weitergebracht. Vor seiner Zeit in Regensburg spielte er für die SG Sonnenhof Großaspach, den TSV Schwieberdingen, den SGV Freiberg (wie auch schon in der Jugend), den SSV Ulm 1846, den VfR Aalen, die Kickers und den VfB II. In jeder dieser Stationen schoss er regelmäßig seine Tore. Genauso wichtig: Immer war er ein Vorbild in Sachen, Kampf, Wille, Leidenschaft, Disziplin. Auch schwere Verletzungen steckte er immer wieder weg.
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Grüttner – das Stehaufmännchen. Im Herbst seiner aktiven Karriere ist er nun auf dem besten Weg auf und außerhalb des Platzes mit Freiberg in die Regionalliga durchzustarten – doch die Kickers haben etwas dagegen.
Wir haben Fotos von Trainern und Spielern, die schon für Freiberg und die Kickers im Einsatz waren. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!