Beide Clubs arbeiten professionell, und sie verfügen über einen Kader mit klangvollen Namen, aber es gibt auch viele Unterschiede zwischen dem SGV Freiberg und den Stuttgarter Kickers. Ein Vergleich der beiden Oberliga-Topteams.
Stuttgart - SGV Freiberg gegen Stuttgarter Kickers – das ist das große Duell in der Fußball-Oberliga um Meisterschaft und Direktaufstieg. So schätzt das die Konkurrenz in der fünfthöchsten Spielklasse ein – und daran ändert auch der für beide Favoriten unbefriedigende Punktspielstart in die neue Saison wenig. Die Kickers unterlagen daheim dem FC Astoria Walldorf II mit 0:1, der SGV kam beim SV Oberachern über ein 1:1 nicht hinaus, nahm aber am Mittwoch die WFV-Pokal-Achtelfinalhürde bei Ligakonkurrent SSV Reutlingen (2:1).
Beide Teams arbeiten als einzige in der Liga unter Profibedingungen. Das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, doch die Unterschiede überwiegen. Ein Vergleich vor dem mit Spannung erwarteten Duell am 14. August (14 Uhr) im Freiberger Wasenstadion.
Tradition In diesem Punkt liegen Welten zwischen den beiden Vereinen. Der erst 1973 gegründete Sport- und Gesangsverein (SGV) Freiberg kam über die Oberliga bisher nicht hinaus, feierte aber immerhin 2013, 2014 und 2015 jeweils die württembergische Meisterschaft. Die 1899 aus der Taufe gehobenen Kickers rangieren in der ewigen Tabelle der zweiten Liga immer noch auf Platz sechs. Sie standen 1987 im DFB-Pokal-Finale, gehörten in den Spielzeiten 1989/90 und 1991/92 der Bundesliga an. Am 5. Oktober 2021 jährt sich zum 30. Mal der legendäre 4:1-Auswärtssieg beim FC Bayern München.
Zuschauer Auch in der Oberliga verfügen die Kickers noch über ein beachtliches Fan-Potenzial, zu den Heimspielen strömten vor der Corona-Pandemie im Schnitt knapp 3000 Zuschauer, in Freiberg kommen im Durchschnitt rund 350 Besucher.
Stadion Das Wasenstadion in Freiberg fasst 4000 Zuschauer, davon sind 700 Sitzplätze. Der Zuschauerrekord liegt bei 2500 Besuchern. Ins Gazistadion auf der Waldau passen 11 408 Zuschauer (davon sind 2211 überdachte Sitzplätze und 4845 überdachte Stehplätze).
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Trainer Fußball-Lehrer Ramon Gehrmann (47), der vor seiner Kickers-Zeit insgesamt auch schon sieben Jahre beim SGV arbeitete, und der Freiberger A-Lizenz-Inhaber Evangelos „Laki“ Sbonias (38) gelten als mit die besten Fußballfachleute der Region. Beide sind für ihre taktische Finesse, ihre Akribie und ihre Leidenschaft für den Job bekannt. Was sie ebenfalls verbindet, ist ihr stets gutes, menschliches Verhältnis zu den Spielern ihrer Mannschaften. Selbst von Bankdrückern ist kein schlechtes Wort über den jeweiligen Chefcoach zu hören. Außerhalb der Region arbeitete Gymnasiallehrer Gehrmann schon in der Nachwuchsabteilung des Karlsruher SC, Versicherungskaufmann Sbonias war als Co-Trainer von Oliver Zapel bei Werder Bremen II tätig. Mit Zapel arbeitete Sbonias auch bei der SG Sonnenhof Großaspach zusammen. Doch klar ist auch: Beide werden gerade in dieser Saison an den Ergebnissen gemessen.
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Finanzen Bei Freiberg fließt der allergrößte Teil des Etats in die erste Mannschaft. Hauptgeldgeber ist Präsident Emir Cerkez, Inhaber einer Firma für Flachdachsanierung und Flachdachabdichtung. Wie sich der Verein den Kader mit ehemaligen Zweit- und Drittligaspielern leisten kann? „Wir können viele Spieler von unserem interessanten Projekt überzeugen, wir beschaffen Arbeitsplätze und bieten berufliche Perspektiven über die Karriere hinaus“, sagt SGV-Sportdirektor Christian Werner und wehrt sich gegen den Vorwurf, Spieler wie Torwart Kevin Rauhut (Fortuna Köln) oder Alexander Nandzik (Jahn Regensburg) nur über ein üppiges Salär nach Freiberg zu locken. Mit Werner zog viel Professional beim SGV ein, doch eine mindestens genauso wichtige Rolle kommt Kapitän Marco Grüttner zu. Der langjährige Zweitligaprofi fungiert nicht nur als Vorbild auf dem Platz, er verfügt als Sportlicher Leiter auch über eine gewisse Strahlkraft, durch seine persönlichen Kontakte kamen gute Spieler zum Oberligisten.
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Die Stuttgarter Kickers können hinter Hauptsponor MHP auf ein breites und treues Sponsoren-Netzwerk bauen. Auch Privatpersonen aus dem Dunstkreis des Blauen Adels helfen bei Engpässen immer wieder aus. Da auf der Geschäftsstelle und im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) nach wie vor einige hauptamtliche Angestellte arbeiten, wird auch viel Finanzkraft außerhalb der Oberligamannschaft benötigt. Andererseits ist die Unterstützung von Porsche (geschätzte 300 000 Euro pro Saison) an den Nachwuchs gebunden und würde bei einem Wegfall des NLZ eben nicht automatisch zu den Profis fließen. Dem erfahrenen Sportlichen Leiter Lutz Siebrecht gelingt es mit seiner pragmatischen Art und seinem dichten Netzwerk gut, die Verzahnung zwischen erster Mannschaft und Unterbau herzustellen.
Unterbau Die A- und B-Junioren der Kickers spielen jeweils in der Bundesliga. Die U19 und U17 der Freiberger jeweils eine Etage darunter in der Oberliga.
Stars Bei den Kickers ist Torjäger und Kapitän Mijo Tunjic der Topmann. Ebenfalls so etwas wie eine eingebaute Toregarantie haben Neuzugang Kevin Dicklhuber und Markus Obernosterer. Die meiste Erfahrung bringt Rückkehrer Julian Leist mit.
Beim SGV steht Marco Grüttner über allem. Gemeinsam mit Dominik Salz und Rückkehrer Marcel Sökler bildet der 35-Jährige eine starke Angriffsreihe. Im Mittelfeld sind Kevin Ikpide und Christian Mauersberger gesetzt, als Ausnahmetalent gilt Flamur Berisha (21).
Wir haben Fotos von Akteuren, die für die Stuttgarter Kickers und den SGV Freiberg tätig waren. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!
So lief die Kickers-Vorbereitung
30. Juni, 18.30 Uhr, Testspiel: TSG Salach – Kickers 0:14 (Tore: Braig/6, Dicklhuber/3, davon 1 Elfmeter, Profis/2, Baroudi, Hoxha, Obernosterer).
3. Juli, 14 Uhr, Testspiel: SC Geislingen – Kickers 0:1 (Tor: Dicklhuber).
4. Juli, 14 Uhr, Testspiel: SV Allmersbach – Kickers 1:5 (Kickers-Tore: Obernosterer/4, davon 3 Elfmeter, Baroudi).
11. Juli, 11 Uhr, Testspiel: TSG Tübingen – Kickers 2:4 (Kickers-Tore: Hoxha, Profis, Benkeser, Lulic).
11. Juli, 14.30 Uhr, Testspiel: VfL Pfullingen – Kickers 2:3 (Kickers-Tore: Kammerbauer, Polauke, Baroudi).
17. Juli, 17 Uhr, Testspiel: SSV Ulm 1846 – Kickers 2:1 (Kickers-Tor: Leist).
24. Juli 15.30 Uhr, WFV-Pokal, 1. Runde: TSG Tübingen – Kickers 0:2 (Tore: Braig/2).
28. Juli, 18 Uhr, WFV-Pokal, 2. Runde: SG Empfingen – Kickers 0:2 (Tore: Colic, Braig).
31. Juli, WFV-Pokal, 3. Runde: VfL Sindelfingen – Kickers 0:3 (Tore: Moos, Kammerbauer, Dicklhuber/Elfmeter)
11. August, WFV-Pokal, Achtelfinale: TSV Berg – Kickers (verlegt)
Viertelfinale am 22. September, Auslosung am 10. September.