Die Märklin-Bahn hatte schon immer ihre Fans. Wer aber so richtig in die Welt der Eisenbahn eintauchen will, sollte zu den Eisenbahnfreunden nach Bietigheim-Bissingen.
Ohne Unterlass dreht sich die Weltkugel auf Hotel Atlantis. Der bekannte Dauerbewohner Udo Lindenberg ist zwar nicht zu sehen, doch das berühmte Hamburger Hotel thront über dem Modelleisenbahnareal, das dem Bonner Hauptbahnhof nachempfunden ist. Mit wachen Augen verfolgt Stefan Mayer, wie sich etwa 20 Züge gleichzeitig auf den H0-Schienen bewegen. Kleine Monitore erlauben dem Vereinsmitglied der Eisenbahnfreunde Bietigheim-Bissingen auch einen Blick in die abgelegenen Seitenabschnitte. Das aktuelle Problem: eine Straßenbahn ist umgekippt.
Die Bärenschlucht des Schwarzwalds lenkt die Blicke auf sich
Von dem kleinen Unfall bemerkt das Gros des Publikums im mehrstöckigen Vereinsheim an der Kammgarnspinnerei nichts. Gebannt verfolgen die Gäste an der H0-Bahn, wie sich die im Maßstab „eins zu 87“ nachgebauten Züge durch die verschiedenen Streckenabschnitte bewegen: So lenkt besonders die Bärenschlucht des Schwarzwalds mit ihrer Stahlbrücke die Blicke auf sich. Dem Charme der Miniaturwelten erliegen Jung und Alt. Die Fans von Eisenbahnen und Modellbau treten bei den sonntäglichen Treffen zu Beginn des Jahres eine Reise in ein Nostalgiereich der Bahngeschichte an. Kleine Details erinnern überall im Gebäude an die Zeit, in der die Züge vom 19. Jahrhundert an einen Industrialisierungsschub in Deutschland auslösten und Wohlstand brachten.
Die kleine umgefallene Straßenbahn beschäftigt Rainer Weber. Mit einem langen Lineal versucht der Vereinsvorsitzende das Gefährt wieder aufzurichten. Aber das ist nicht so einfach. Weber delegiert schließlich die Aufgabe an ein jüngeres Mitglied. „Wahrscheinlich hat Staub die Bahn aus der Spur gebracht.“ Die mitgebrachten Partikel der Besucher sind das größte Problem für die Modellbauer. Sie müssen zwischendurch die Eisenbahnen, die sonst nicht so lange am Stück fahren, reinigen. Die Mühe an den rund 450 Meter langen Gleisen machen sie sich gern, der Stolz über die Modellbaulandschaften ist ihnen anzumerken. Weber freut sich über den Andrang: „Wir brauchen die Einnahmen für unser Vereinsleben.“
Die Materialkosten beanspruchen das Vereinsbudget stark
An der H0-Spur ist viel Faszination an den Gesichtern ablesbar. „Jeder Zug kann überall hin“, ruft der kleine Lorenz, der mit Papa Florian Sorg aus Ludwigsburg als einer von etwa 500 Besuchern an diesem Tag angereist ist, und mit seiner Familie nun vor einem der Abschnitte steht. In der mittelalterlichen Stadt mit dem Namen Gösselstein tummeln sich rund 1200 Menschenfiguren – auf den Dächern mussten etwa 82 000 Schieferplatten mühselig aufgelegt werden. Vereinsmitglied Siegfried Schmegner investierte drei Jahre Arbeit. Die Materialkosten verschlingen laut Rainer Weber einen Großteil des Budgets. So kosteten 50 Rohlinge der Figuren etwa 20 Euro.
Angefangen mit seinen Ausstellungen hat der 1982 gegründete Verein zehn Jahre später, im Jahr 1992. „Ein Mitglied legte damals 300 D-Mark auf den Tisch – das war das Startkapital für die erste Veranstaltung“, erinnert sich der zweite Vorsitzende Sven Skrabal. Modelleisenbahn sei ein typisches Winterthema. Und nach Weihnachten spielten viele mit ihrer Märklin-Bahn. Die meisten Besucher der Vereinsanlagen„HP-Spinne“ und „Gleis 2/3“ kämen aus dem Kreis Ludwigsburg, vereinzelt aber auch aus dem Kreis Heilbronn und dem Großraum Stuttgart.
Für die Kinder liegen in den Güterwaggons Gummibärchen bereit
Im Untergeschoss fachsimpelt Siegfried Ade mit einigen Gästen. Der 82-Jährige aus Walheim hat einen Teil seiner Lehmann-Groß-Bahn aufgebaut, die sonst bei ihm daheim zirkuliert. Ade und seine Helfer begleiten in roten Polohemden die Fahrt von zwei Eisenbahnen, die nicht zusammenstoßen dürfen. „Es sind alles Züge der rätoromanischen Bahn, sie werden mit Dampföl angetrieben“, erklärt Ade. Für die Kinder liegen in den Güterwaggons Gummibärchen bereit, Naschen sei ausdrücklich erlaubt.
Für den kleinen Appetit wartet wenige Schritte entfernt das Mitropa-Restaurant im Vereinsheim – und zwar nicht als Miniatur, sondern in Realgröße. Stilecht mit Mahagonimöbeln und einem Interieur eingerichtet, das an die Bordrestaurants der alten Züge erinnert, die einst gediegen durch Europa rollten, fühlt sich der Gast bei einer Tasse Kaffee und einer Butterbrezel preiswert in die Vergangenheit gebeamt. Hinter dem Konzept steht Vereinsmitglied Thomas Atzig, der als Dekorateur die Inneneinrichtung des Heims maßgeblich gestaltete. Dazu zählt auch die Treppe, die der Verein selbst bauen durfte – das Gebäude gehört der Firma Bessey, die das Haus gegen einen vierstelligen Jahresbetrag an den Verein vermietet, und laut Weber viel Verständnis für das Hobby aufbringt.
Die nächste Schau findet am 4. Februar statt
Sehr ernst nehmen es die älteren Vereinsverantwortlichen, ihre Begeisterung für den Modellbau weiterzugeben. Im geräumigen Jugendraum sind die Bastelversuche der Jüngeren zu sehen, derzeit kommen sieben Kinder und Jugendliche. Einen Jugendleiter gibt es seit zwei Jahren. Jede Woche ist der Eppinger Andreas Renner im Vereinsheim. „Es ist für mich wie ein Stammtisch“, sagt der 35-Jährige, der an diesem Sonntag im Obergeschoss dem Publikum den Neubau einer Anlage vorstellt. „Es soll die Region widerspiegeln.“ Sogar die alte Bottwartalbahn dreht dort unter digitaler Regie ihre Runden – für Gäste noch einmal am 4. Februar.
Wie fördert der Verein den Modellbau?
Bauen
Die Eisenbahnfreunde erneuern ständig ihre Anlagen. An der alten Clubanlage wurde im Jahr 2023 das Betriebswerk digitalisiert. Der Verein begann, ein Sondermodell der Firma Faller aufzubauen. Es zeigt Schloss Dracula, angelehnt an das Musical „Tanz der Vampire“: mit einem Spezialeffekt, bei dem sich eine Figur im Nebel bewegt.
Wissen
Der Verein ist froh über jedes neues Mitglied. Es gebe kein „Müssen“, sagt der Vorstand – man könne aber alles im Verein lernen, das nötig sei, um das Hobby kenntnisreich pflegen zu können.