Unfallort im Seeblickweg: Für eine 80-jährige Passantin kam jede Hilfe zu spät. Foto: 7aktuell/Nils Reeh

Seit Jahren wird für eine Straße im Nordosten Stuttgarts ein Kreisverkehr für mehr Sicherheit von Fußgängern gefordert, um Autofahrer auszubremsen. Bisher bremste die Stadt. Jetzt gibt es dort den zweiten tödlichen Unfall.

Stuttgart - Die 80-jährige Fußgängerin hat keine Chance: Die Frau steht auf einer vermeintlich sicheren Mittelinsel, als ein Autofahrer die Kontrolle verliert und die Passantin mit seinem Wagen mitreißt. Der tödliche Unfall am Dienstagabend im Seeblickweg in Hofen sorgt für blankes Entsetzen im Stadtbezirk – denn es ist der zweite Unfalltod eines Fußgängers binnen 19 Monaten.

Seit Jahren wird dort, sogar mit Unterstützung von Landesumweltminister Franz Untersteller, ein Kreisverkehr gefordert, der Autofahrer ausbremsen und Fußgänger absichern soll. Der Gemeinderat verweigerte aber die Finanzierung für den Doppelhaushalt 2018 und 2019. Inzwischen vertröstet die Stadt auf das Jahr 2021.

Die Unfallursache ist noch unklar

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei war der 58-jährige Fahrer eines Opel Meriva am Dienstag um 18.10 Uhr im Seeblickweg in Richtung Max-Eyth-See unterwegs, als er vor der Einmündung der Benzenäckerstraße die Kontrolle verlor. Das Auto geriet nach links und rauschte in die Verkehrsinsel in der Mitte der Fahrbahn. Dort stand die 80-jährige Frau, die darauf wartete, die Fahrbahn vollends überqueren zu können. Sie wurde vom Wagen erfasst, mitgeschleift und tödlich verletzt.

„Bisher gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass der Autofahrer zu schnell gewesen sein könnte“, sagt Polizeisprecher Martin Schautz. Auch über eine Alkoholisierung gebe es keine Erkenntnisse. Warum der 58-Jährige aus dem Landkreis Ludwigsburg von der Strecke abgekommen ist – das bleibt vorerst ungeklärt. Ein Gutachter wurde in die Ermittlungen eingeschaltet. Für einige Anwohner war am Dienstagabend dennoch das Maß voll. Schon wieder an dieser Stelle, war am Unfallort zu hören, es sei höchste Zeit, endlich etwas zu tun.

Vor 19 Monaten starb ein Neunjähriger

Für Mühlhausens Bezirksvorsteher Ralf Bohlmann ist der Unfall, „ der mir sehr nahe geht, sehr, sehr tragisch“. Schon lange vor seiner fünf Jahre währenden Amtszeit stehe ein Kreisverkehr im Bereich Seeblickweg, Benzenäckerstraße und Kochelseeweg auf der Wunschliste des Tiefbauamts. „Aber auch Interimslösungen sind an bestimmten Regularien und Regeln immer wieder gescheitert“, bedauert Bohlmann.

Dabei schien ein tragischer Unfall vor 19 Monaten die Dinge zu beschleunigen. Ein neun Jahre alter Bub war am 1. August 2017 an dieser Stelle unvermittelt auf die Straße getreten. Ein 26-jähriger Opel-Fahrer, in Richtung Neugereut unterwegs, konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und erfasste das Kind. Es starb tags darauf im Krankenhaus. Die Anwohner forderten Maßnahmen – die aber nicht kamen: Der Gemeinderat hatte eine Finanzierung im Haushalt 2018/19 abgelehnt. Ein Brief des Landesumweltministers Franz Untersteller (Grüne) an OB Fritz Kuhn im November 2017 hatte nichts bewirkt. Kuhn verwies in seiner Antwort im Januar 2018 darauf, dass man die Finanzierung deshalb zurückgestellt habe, weil die Kreuzung auf Hofener Gemarkung zunächst nicht im Sanierungsgebiet „Mühlhausen 3 – Neugereut“ lag. Die habe der Gemeinderat aber im Sommer 2017 beschlossen. Die Baumaßnahme für den Kreisverkehr solle „im nächsten Doppelhaushalt 2020/2021 angemeldet werden“, so OB Kuhn damals.

Die Pläne reifen langsam

Immerhin bekam der Bezirksbeirat Mühlhausen vor einem Monat Besuch vom Stadtplanungsamt. Dabei wurden Pläne für einen Kreisverkehr vorgestellt, der 1,85 Millionen Euro kosten soll. Allerdings müssten dafür noch Fördermittel des Landes beantragt werden, so Stadtplaner Andreas Hemmerich vor dem Gremium. „Noch dieses Jahr“ solle eine Vorlage erstellt werden, im Jahr 2020 wolle man den Antrag ans Land schicken. Baubeginn: vielleicht 2021.

„Das ist natürlich sehr ärgerlich, dass sich das schon wieder um ein bis zwei Jahre verzögert“, sagt Bezirksvorsteher Bohlmann. Freilich müsse man auch sehen, dass die beiden Unfälle unterschiedliche Abläufe gehabt hätten. „Und niemand kann natürlich wissen, ob ein Kreisverkehr diese Unfälle verhindert hätte“, so Bohlmann. Und doch werde er nicht locker lassen. „Ich werde mich erneut dafür einsetzen, dass man wenigstens eine Interimslösung hinbekommt“, betont Bohlmann.

„Wir müssen den Unfallbericht der Polizei abwarten“, sagt Stadtsprecher Sven Matis. Auf dieser Basis werde das Ordnungsamt entscheiden, ob man vor dem Bau eines Kreisverkehrs etwas tun müsse. Laut Tiefbauamt hängt alles nur an der Finanzierung. Würde diese für den nächsten Doppelhaushalt beschlossen, so Matis, „könnte 2020 mit dem Bau begonnen werden“.

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