Wer im Kreis Böblingen die 112 wählt, landet in der Leitstelle im Röhrer Weg in Böblingen. So auch Heike Schröder. Foto: Eibner-Pressefoto/Fleig

Eine 87-Jährige aus Weil im Schönbuch befindet sich im April 2023 in einer medizinischen Notlage. Die Tochter wählt die 112. Ein Notarzteinsatz wird von der Leitstelle abgelehnt. Drei Tage später stirbt die Seniorin. Unvermeidlicher Ausgang oder Fehleinschätzung der Leitstelle?

Der 18. April 2023 wird Heike Schröder nicht mehr aus dem Gedächtnis gehen. Als Schreckenstag wird ihr das Datum in Erinnerung bleiben. Begonnen hat alles mit einem spätabendlichen Anruf ihres Vaters aus Weil im Schönbuch: Seiner Frau, Heike Schröders Mutter, gehe es sehr schlecht. Er bittet seine Tochter schnell ins Elternhaus zu kommen.

 

Schröder fährt aus dem benachbarten Breitenstein nach Weil. Auch sie empfindet den Zustand ihrer 87 Jahren alten Mutter als besorgniserregend. „Meine Mutter lag auf der Couch, schmerzgekrümmt. Sie hatte vor allem Unterleibsschmerzen. Es konnte ihr kaum schlechter gehen“, erinnert sich Schröder. Ihr Vater war mit der Situation überfordert, und letztlich tut Heike Schröder das, was vermutlich die meisten Menschen intuitiv tun würden: Sie wählt die 112.

An den Ärztlichen Bereitschaftsdienst verwiesen

Am anderen Ende der Leitung, so erzählt Schröder unserer Zeitung, sprach ein Disponent der von Landkreis, Stadt Böblingen und DRK gemeinsam getragenen Integrierten Leitstelle in der Feuerwache im Röhrer Weg in Böblingen. „Ich habe die Symptome geschildert. Da der Leitstellenmitarbeiter die Situation aber nicht als lebensbedrohlich einschätzte, lehnte er einen ärztlichen Einsatz ab und verwies stattdessen an die 116 117“, erzählt Schröder. Schon da habe die Breitensteinerin ein mulmiges Gefühl gehabt: „Ich habe meine Mutter gesehen und bekam gleichzeitig diese Einschätzung über das Telefon.“

Irritiert, aber entschlossen wählte Heike Schröder die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienst – ohne Erfolg, wie sagt. „Ich bin nicht durchgekommen. Dann ging doch jemand ans Telefon. Der Dame erzählte ich wieder, was passiert ist. Auf die Ankündigung, dass man einen Arzt auf Bereitschaft schicken würde, folgte aber nichts, sodass ich mich nach 30 Minuten wieder melden musste“, so Schröder. Der Arzt, mit dem Heike Schröder dann doch nach ein paar Minuten sprechen kann, konnte nicht weiterhelfen. „Vorbeikommen könne er in zwei Stunden, sagte er mir“, sagt Schröder.

Zweiter Anruf in Leitstelle folgt

Und so greift die Breitensteinerin wieder zum Hörer, diesmal mit reichlich Wut im Bauch, wie sie schildert. „Ich habe wieder die 112 angerufen und den Druck erhöhen wollen. Der Leitstellenmitarbeiter versprach mir, einen Notarzt zu schicken, drohte mir aber mit einer Anzeige, sollte sich herausstellen, dass die Symptomatik nicht so dramatisch sei, wie sie beschrieben habe. Das Verhalten hat mich fassungslos gemacht.“

Nach weiteren 20 Minuten erreicht ein Notarzt das Haus. Er nimmt die 87-Jährige mit ins Klinikum Sindelfingen, wo erste Untersuchungen eingeleitet werden. Daraufhin wird die herzkranke Seniorin nach Böblingen verlegt. Dort wird unter anderem eine nicht mehr behandelbare Dünndarmerkrankung diagnostiziert. Die schlechte Prognose der Ärzte bestätigt sich drei Tage nach dem Notruf: Gisela Schröder stirbt am 21. April in der Klinik in Böblingen.

Warum die Situation nicht als Notfall eingeschätzt wurde, sei Heike Schröder nie erklärt worden. Kontaktaufnahmen mit der zuständigen Leitstelle in Böblingen im Nachhinein haben bis heute keine Aufklärung ergeben. Die Rechtsaufsicht für die Leitstelle liegt beim Landratsamt. Auf die Nachfrage unserer Zeitung reagiert es jedoch nicht. Bis zum späten Dienstagnachmittag wurden die eingesandten Fragen nicht beantwortet.

Notrufe werden aufgezeichnet und drei Monate gespeichert

Wolfgang Heubach, Sprecher des Kreisverbands des in der Leitstelle integrierten DRK, sagt dafür auf kurzfristige Anfrage: „Ohne den Fall aus Weil im Schönbuch zu kennen, lässt sich für alle Disponenten in der Leitstelle sagen: Es handelt sich um Profis, die jeden Anruf ernst nehmen und häufig sogar eher dazu raten, bei Unsicherheiten nochmals anzurufen.“ Anrufe würden zudem für 90 Tage gespeichert, bevor sie gelöscht werden. „Wenn dies bis Mitte Juli getan wurde, konnte der Notruf nochmals angehört werden“, bemerkt Heubach.

Im Notrufsystem im Kreis Böblingen gebe es jedenfalls keine personellen Engpässe – weder im Bereich der Disponenten noch im Rettungsdienst. Dass deshalb mit Notärzten oder Rettungswagen besonders sparsam umgegangen wurde, erscheine unwahrscheinlich. Statistiken, wie viele Anrufe bei der 112 wirklich Notfälle darstellen, gibt es nicht. Beschwerden von Disponenten, dass die Nummer zu oft wegen Nichtigkeiten gewählt werde, kann Heubach aus seiner Böblinger Warte jedenfalls nicht rekapitulieren.

Erschüttertes Vertrauen

Ob die 87-Jährige auch wegen der spät eingetroffenen Hilfe verstarb oder auch bei früherer notärztlicher Hilfe nicht zu retten gewesen wäre, ist wohl nicht mehr zu klären. Dennoch ist das DRK um Transparenz bemüht: „Die Aufarbeitung läuft weiter“, versichert Heubach. Heike Schröder lässt das Geschehen nicht ruhen: „Mir geht es nicht um eine juristische Auseinandersetzung. Ich bin aber enttäuscht. Wenn man anruft und Hilfe braucht, erwartet man schnelle Hilfe. Das erschüttert mein Vertrauen.“ Sollten die internen Aufklärungsbemühungen doch noch vertrauensstiftende Antworten liefern, könnte dieses zumindest ein wenig wieder hergestellt werden.

Die Integrierte Leitstelle – ein komplexes Notfallsystem

Einrichtung
 Die Integrierte Leitstelle in der Feuerwache im Röhrer Weg in Böblingen ist unter der Notrufnummer 112 zu erreichen. Sie wird gemeinsam getragen von Landkreis, Stadt und Deutschem Roten Kreuz.

Aufgabe
 Die 35 Disponenten aus Feuerwehr und DRK in der Leitstelle nehmen Notrufe entgegen. Sie sind speziell geschult und werten daher auch medizinische Notfälle aus – rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr.

Zahlen
 Im Jahr 2022 sind in der Integrierten Leitstelle knapp 61 600 Notrufe eingegangen. Wie viele davon akute Notfälle waren, die einen Rettungswagen- oder Notarzteinsatz zur Folge hatten, wird nicht erfasst.

Einsatzfahrzeuge
 Der Leitstelle stehen in der Notfallrettung planmäßig 15 Rettungswagen, sieben Notärzte sowie zwölf Krankentransportwagen zur Verfügung. Dazu – noch – der Rettungshubschrauber Christoph 41 in Leonberg.