Tocotronic „Dramaturgie ist für ein Konzert extrem wichtig“

Von Anja Rützel 

Tocotronic Foto: dpa-Zentralbild
Tocotronic Foto: dpa-Zentralbild

Tocotronic gastieren an diesem Freitag in Stuttgart im LKA – Ein Gespräch mit Sänger Dirk von Lowtzow über die Kunst der Setlist.

Stuttgart - Herr von Lowtzow, Sie sind mit Ihrer Band Tocotronic seit mehr als 20 Jahren zusammen unterwegs – erinnern Sie sich noch an die frühen Touren mit abenteuerlicher Logistik?

Unsere erste richtige Tour war zusammen mit der Hamburger Twee-Pop-Band Die Fünf Freunde. Sänger war Carsten Friedrichs, später bei Superpunk und heute bei Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Witziger­weise wurde die Tour gebucht und auch begleitet von Thies Mynther, meinem jetzigen Partner bei Phantom Ghost. Die Tour führte uns, wenn ich mich recht erinnere, vor allem durchs Sauerland.
Gibt es eine legendäre Horrorunterkunft aus diesen frühen Jahren, die es vielleicht sogar in die Band-Folklore geschafft hat?
Meist haben wir da privat bei den Veranstaltern geschlafen, meist sehr netten, idealistischen Menschen in kleinen Orten. Oder in billigen Hotels, die alle auf die gleiche Art schäbig, aber auch ganz okay waren. Auf Tour ist ohnehin alles aufregend, und eigentlich war man, muss man ehrlicherweise ­sagen, damals auch die meiste Zeit ­betrunken. Da fällt das auch nicht so ins Gewicht, wo man irgendwann genau zu liegen kommt.
Haben Sie einzelne Highlight-Konzerte, an die Sie sich besonders gut erinnern?
Die gibt es natürlich. Aus der jüngeren Geschichte ist es sicher das Konzert, das wir am Veröffentlichungstag unseres jüngsten ­Albums gegeben haben. Im Berliner SO36, am 1. Mai, draußen war Maifest und Demo, und Helikopter kreisten über Kreuzberg. Eine Wahnsinnsstimmung. Daran werden wir uns noch ewig erinnern.
Es gab ein frühes Tocotronic-Konzert in Ludwigsburg, etwa 1996 oder 1997, von dem im Nachhinein so viele Stuttgarter behaupten, dass sie da waren, dass es logistisch gar nicht möglich erscheint.
Wir haben eine Weile immer in Ludwigsburg gespielt und nicht in Stuttgart. Das angesprochene Konzert war in der Karlskaserne. Die Veranstalter hatten auch eine wahnsinnig gute Kneipe, in die man hinterher immer noch ging, die Indie-Punk-Version eines Dorfgasthofs. Das war spitze.
Schreiben Sie Ihre Setlist heute anders als früher – mit der ganzen Erfahrung, wie man ein Konzert idealerweise orchestriert?
Eine Setlist zu schreiben ist sehr schwierig, weil man das relativ weit im Vorfeld machen muss – heutzutage spielt ja auch Licht eine große Rolle, und da müssen die Effekte entsprechend eingerichtet werden. Ich finde Dramaturgie extrem wichtig, und die Lieder eines Konzerts in die richtige Reihenfolge zu bringen ist schon ein wenig so, als würde man ein DJ-Set erstellen. Stücke sollen korrespondieren, musikalisch oder inhaltlich, auch wenn das am Ende vielleicht kein Mensch merkt.
Als Konzertbesucher wird einem die Dramaturgie mit dem Alter auch wichtiger: Früher wartete man auf bestimmte Stücke und war zufrieden, wenn sie gespielt wurden, heute achtet man mehr auf den Spannungsbogen.
Dieses Gefühl ist durchaus gegenseitig, ­darum puzzeln wir da wirklich sehr lange herum. Und wenn man einmal die richtige Mischung gefunden hat, wird sie auch bei der Tour nicht mehr verändert.
Sie haben auch immer noch einige sehr alte Lieder im festen Konzert-Fundus, „Freiburg“ etwa. Ist das Nostalgie?
Das nostalgische Moment ist bei Rockmusik generell groß. Wenn ich zu Neil Young gehe, freue ich mich auch, wenn er „Hey Hey, My My“ spielt. Aber es ist natürlich auch ein bisschen schrecklich, man möchte ja schon, dass das Konzert gegenwärtig ist. Oder, noch besser: vielleicht sogar utopisch. Wir versuchen diese alte Sachen auch ein Stück weit zu dekonstruieren und neu zusammenzusetzen.
Haben Sie Lieder im Programm, die Sie selbst nicht mehr hören können, aber trotzdem spielen, weil sie eben dazugehören?
Nein, das sind alles Stücke, die wir selbst noch gerne spielen, weil sie etwas Magisches haben. Manches von früher hat sich nicht so gut erhalten, aber manches hat doch auch Bestand. „Freiburg“ gehört dazu, und „Drüben auf dem Hügel“. Wir haben dieses Stück bestimmt 3000-mal gespielt, aber es packt mich immer wieder.
Wenn Sie zusammen unterwegs sind, ist das dann so, als führe ein altes Ehepaar zum 25. Mal zusammen nach Berchtesgaden in den Urlaub, und jeder weiß genau, welche Marmelade sich der andere vom Frühstücksbüfett nimmt?
Eigentlich ist es genau so. Natürlich ist es in einer Band nach so langer Zeit ein bisschen wie in einer Ehe. Jeder kennt jede Marotte des anderen, aber das ist ja auch ganz witzig.
Welche Musik hören Sie im Tourbus?
Oft sind das Fassbinder-Soundtracks. Bei einer Tour gab es im Zimmer unseres Bassisten Jan Müller dann noch eine große Fassbinder-Retrospektive nach den Konzerten, weil er ein riesiger Fan ist. Wobei ich gestehen muss, dass ich nicht bei allen Filmen ­zugegen war.

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