Tischtennis ist eine der komplexesten Sportarten überhaupt. Foto: Getty Images Europe

Warum Tischtennis ein Imageproblem hat, aber trotzdem der tollste Sport der Welt ist: Eine persönliche Betrachtung eines ziemlich schrägen Sports anlässlich der WM in Düsseldorf, die am Montag begonnen hat.

Düsseldorf - Kürzlich war es mal wieder so weit. Als einer von seinen Fußballaktivitäten erzählte, fragte ein anderer: „Machst du eigentlich auch Sport?“

Tischtennis.

„Kommt man da ins Schwitzen?“

Höhöhö.

So was in der Art kennt jeder Tischtennisspieler. Tischtennis. Pingpong. Kann ich auch. Spiel’ ich im Freibad. Tischtennis kennt jeder. Tischtennis kann jeder. Das ist einerseits schön, weil es für dieses Spiel spricht, dass es jeder schon mal gespielt hat, in der Schule auf miesen Steinplatten oder im Freibad auf Uraltplatten.

Das Schöne ist: Jeder kann gut werden. Bis zu einem gewissen Grad sind körper­liche Mängel durch Ballgefühl, Taktik oder ein individuelles Spielsystem ausgleichbar. Wenn ein 25-Jähriger seinen Kumpels erzählt, er habe gegen einen 50-Jährigen ­verloren, ist ihm der Spott sicher. Dabei spricht das alles für diese Sportart ohne Ausschlusskriterien. Ob groß oder klein, dünn oder übergewichtig, ob alt oder jung.

Die massenhafte Verbreitung des Spiels hat aber leider negative Folgen: das Mexi-Problem. Jeder, der mal beim Mexi (Rundlauf) auf dem Pausenhof gewonnen hat, glaubt, einen Vereinsspieler locker von der Platte zu putzen. Dabei hat das mit Tischtennis so viel zu tun wie im Supermarkt in der Schlange stehen mit einem Marathon. Wohl keine andere große Sportart steht so unter Rechtfertigungszwang und wird so wenig für voll genommen.

Neuerdings haben ja sogar Hipster Tischtennis für sich entdeckt, und das ist im Prinzip ja eine sehr gute Nachricht, weil das heißt, dass Tischtennis endlich cool ist. Aber das ist halt Lifestyle. Die spielen in Jeans und Vollbart an Hotspots und nicht wie unsereins in kurzen Hosen in Hallen.

Es gibt Hipster-Tischtennis. Freibad-Tischtennis. Und Vereins-Tischtennis.

Letzteres ist ernsthafter Sport und hat leider ein Imageproblem. Tischtennis klingt nach ranzigen Schulturnhallen. Es riecht nach 1980er Jahren und Mettigel. ­Irgendwie veraltet. Von den Glanzzeiten Anfang der 1990er Jahre mit 800 000 Mitgliedern kann man heute nur träumen, der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) hat aktuell 560 000 Mitglieder. Der DTTB war mal der fünfgrößte Sportverband im Land, jetzt ist er die Nummer elf. Deutschland ist seit Jahren in Europa dominant und hat in Timo Boll einen der besten deutschen Individualsportler der letzten 50 Jahre. Einen Jahrhundertathleten. Doch einen nachhaltigen Effekt hat das nicht.

Die Welt hält uns für Nerds

Tischtennis wird den Makel des Schrägen nicht los. Die Welt hält uns für Nerds.

Tischtennis zieht ja auch in hoher Zahl spezielle Charaktere an. Tüftler, Eigenbrötler, Verkopfte, Freaks, Nerds. Tischtennisspieler sind hochsensible Wesen, weil der Sport so ist. Es ist ein Sport, dessen Maßeinheiten Millisekunden und Millimeter sind. Tischtennis verzeiht keine Unschärfen. Entsprechend detailversessen sind die Spieler – und empfindlich. Ist der Boden rutschig, sind die Bälle nicht vom gewohnten Hersteller, zieht es in der Halle leicht, liegt ein Staubkorn auf dem Tisch oder ist die Luft arg feucht und sind die Zuschauer zu laut – all das liefert viel Gesprächsstoff, in der Kreisklasse wie in der Weltklasse.

Dann ist da noch die Materialfrage . . . Die Hallen sind voll von Typen, die sich stundenlang über die Beschaffenheit von Belägen oder Schlägerhölzern austauschen können – es gibt ja auch mehr Kombinationsmöglichkeiten als auf dem Lotto-Schein. Ein neuer Schläger kostet um die 130 Euro und viel Zeit.

Da wären Hölzer für eher defensive oder Hölzer für sehr offensive Spieler – dazwischen gibt es Hunderte Abstufungen. Welche Form soll der Griff haben (anatomisch/konkav/gerade)? Aus wie vielen Schichten soll das Holz bestehen (3/5/7)? Welcher der vielen Tausend Beläge ist der richtige für mich? Spiele ich eher Defensiv minus oder Defensiv plus? Allround +/-? Oder doch Offensiv +/-? Ist der „Inferno Classic“ der richtige, der „Hexer Plus“ oder lieber der „Nimbus Delta V“? Soll mein Belag eher „Hard“ oder „Soft“ sein oder besser eine der 13 Zwischenstufen? Und wie dick soll der Schwamm unter dem Obergummi eigentlich sein (0,5/1,1/1,3/1,5/1,7/1,9/2,1,/2,5 Millimeter)?

Laien verstehen so viel wie bei einem ungarischen Film ohne Untertitel

Die Komplexität des Materials spiegelt die Komplexität des Spiels wider. Tischtennis vereint Raffinesse, Ballgefühl, Ideenreichtum, Kreativität, Intuition, Strategie. Tischtennis? Dahinter steckt ein kluger Kopf. Es ist Schach auf Speed mit Trainingsumfängen bei den Profis von 40 Stunden in der Woche, Fußballer kommen auf acht bis zehn Stunden. Es ist ein könig­liches Spiel bei Spitzengeschwindigkeiten jenseits der 150 km/h.

Timo Boll hat das Programm, das in seinem Kopf abläuft, mal so beschrieben: „Ich ­gehe nie mit einem starren Plan ins Spiel. Ich registriere fortlaufend, was passiert, dann versuche ich zu reagieren. Mit welchen Bällen hat der Gegner Punkte gemacht? Mit welchen ich? Was hat bei ihm funktioniert, was bei mir? Da führe ich eine Statistik im Kopf, ­daraus schließe ich, was kommen könnte. Zwischen den Ballwechseln überlege ich eine Schlagvariante und kalkuliere die zu erwartenden Rückschläge des Gegners, für die ich mir meine nächsten Schläge parat lege.“ Spitzenspieler spulen ihre Spiel-Software in Millisekunden ab.

Am Montag hat in Düsseldorf die Tischtennis-WM begonnen, dort zeigt sich der Sport bis Pfingst-Montag von seiner schönsten Seite. Die WM ist ein Event. Erstmals wird auf schwarzen Platten gespielt, die Halle wird an vielen Tagen ausverkauft sein. Lightshows, Soundeffekte, Pyrotechnik, eine rasante Kameraführung und noch manches mehr sollen die WM zu einem Spektakel machen. Von Düsseldorf aus werden großartige Bilder in die Welt gesendet werden. Aber wer wird sie sehen?

Wer sich nicht in den Feinheiten dieses Sports auskennt, versteht so viel wie der Durchschnittsdeutsche bei einem ungarischen Film ohne Untertitel – nur Bahnhof.

Die Komplexität dieses Sports macht ihn ja so wunderbar. Sie sorgt aber eben dafür, dass Tischtennis für ein Massenpublikum kaum anschlussfähig ist. Tischtennis ist zum Beispiel viel zu schnell. Es sollte entschleunigt werden. Der Ball wurde größer. Er ist von 38 auf 40 Millimeter Durchmesser angewachsen. Auch beim Material wurde manches verboten, damit Tempo aus dem Spiel genommen wird. Doch geändert hat sich nichts.

Dennoch: es gibt keine schönere Sportart

Tischtennis ist Sport im Grenzbereich. In Relation zur Länge der Platte (2,74 Meter) ist Tischtennis die schnellste Rückschlagsportart. Der Ball beschleunigt auf Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 170 Kilometer pro Stunde, die Reaktionszeit liegt an der Grenze des Menschenmöglichen. Oder drunter: Was Timo Boll oder die chinesischen Stars an der Platte teils zeigen, ist jenseits der menschlichen Biologie, weil die menschliche Reaktionszeit (mindestens 0,18 Sekunden) für die komplexe Auge-Hand-Koordination eigentlich nicht reicht. Theoretisch. „Da beim Tischtennis nicht nur einfache Reaktionen angesetzt werden können, sondern Mehrfach-Reaktionen die Abläufe bestimmen, erhöht sich die Reaktionszeit auf 0,25 Sekunden. Dies bedeutet, dass Tischtennis eigentlich mit Ballgeschwindigkeiten bis zu 170 Stundenkilometern nicht gespielt werden kann“, heißt es dazu in einer Seminararbeit auf der Seite des Bundesinstituts für Sportwissenschaft: „Tischtennis wird erst ermöglicht durch die Antizipation.“

Tischtennis lebt von Schnittvariationen, der Spieler hat einen Werkzeugkoffer an Optionen zur Verfügung, wie er den Ball, salopp gesagt, anschneidet – und das ist speziell beim Aufschlag ein Problem in der Außendarstellung. Wie im Tennis dient das Service der Zerstörung. Es soll Ballwechsel im Idealfall verhindern. Was im Tennis Härte und Platzierung sind, ist im Tischtennis der Schnitt. Durch möglichst raffinierte Drehungen und leichtes Verdecken des Schlägers soll verhindert werden, dass der Gegner erkennt, welche Art von Rotation und wie viel Schnitt dem Ball mitgegeben wird. Dadurch sollen Fehler provoziert werden oder ein schlechter Return. Tarnen. Tricksen. Täuschen.

„Wenn Tischtennis einfach wäre, würde es Fußball heißen“

Ein Hobbyspieler hat keine Chance, den Aufschlag eines Tischtennisprofis auf die Platte zurückzubringen. So wie ein Tennisanfänger niemals einen Aufschlag von John ­Isner retournieren könnte.

Aber während ein Ass im Tennis für den Zuschauer offensichtlich ist, führt ein brillanter Aufschlag im Tischtennis höchstens dazu, dass der Gegner den Ball ins Netz oder ins Aus spielt. Geschwindigkeit erkennt jeder. Schnitt sieht keiner. Der Laie erkennt nur einen scheinbar simplen Fehler und gähnt. Viel zu viele Ballwechsel in der Kreisklasse wie in der Weltklasse sehen leider so aus: Aufschlag-Rückschlag-Fehler. Es gab und gibt deshalb unzählige Überlegungen, den Aufschlag zu entschärfen. Doch eine Lösung ist nicht in Sicht. Das Problem setzt sich fort. Die meisten Ballwechsel enden mit einem Fehler statt mit einem direkten Punkt. Auch die spektakulären langen Schlachten weit hinter der Platte enden meist damit, dass ein Spieler die Kugel zwar berührt, aber nicht mehr richtig zurückspielen kann. Ein Ende ohne Wow-Effekt und Höhepunkt.

Und doch ist Tischtennis eben der schönste Sport der Welt. Ein im Tischtennis sehr beliebtes Shirt hat übrigens den Aufdruck: „Wenn Tischtennis einfach wäre, würde es Fußball heißen.“

Der Autor: Unser Redakteur Tobias Schall, 38, spielt für den Stuttgarter Club TV Plieningen in der Kreisliga.

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