Ab in den Urlaub - für manchen fallen Flugreisen jedoch wegen Flugangst flach Foto: dpa

Einfach in den Flieger steigen und in den Urlaub fliegen – vielen Menschen fällt das nicht leicht. Denn sie haben Flugangst. In Seminaren können sie lernen, ihre Angst zu überwinden.

Was sind die Ursachen für Flugangst?

Unter Flugangst, auch Avophobie genannt, leiden laut Institut für Demoskopie Allensbach 15 Prozent der Deutschen, weitere 20 Prozent fühlen sich an Bord einer Maschine nicht wohl. Die Gründe für Flugangst können ganz unterschiedlich sein, sagt Frank Eisenberg-Meyer. Der Pilot hilft Menschen in Seminaren, ihre Angst vor dem Fliegen zu überwinden. Nicht immer ist ein Vorfall während eines Fluges die Ursache. Menschen fürchten sich vorm Fliegen, weil sie mal einen Autounfall hatten oder sich davor fürchten, eingesperrt zu sein. Diesen Menschen fällt es dann auch zum Beispiel schwer, Aufzug zu fahren. Experten sprechen von Klaustrophobie.

Andere wiederum leiden darunter, die Kontrolle abgeben zu müssen – auch Beifahrersyndrom genannt. Sie müssen sich dem Flugzeugpersonal komplett ausliefern ohne die Möglichkeit, eingreifen zu können.

Viele fürchten sich auch vor unerwarteten Turbulenzen. Beim Fliegen kann man, anders als beim Autofahren, nicht den Verlauf einer Straße einschätzen und sieht nicht, was auf einen zu kommt, sagt Eisenberg-Meyer.

Die Flugangst kann auch dadurch verstärkt werden, dass man dem Piloten nicht vertrauen kann, weil man ihn ja selten zu Gesicht bekommt. Man hat kein Gesicht zu dem Menschen, dem man sein Leben anvertraut. Die Angst kann auch durch die Unwissenheit über die Technik und Funktionsweise eines Flugzeugs verstärkt werden.

Wie äußert sich die Angst?

Die Angst vor dem Fliegen äußert sich in einer allgemeinen Angespanntheit. Hinzu können Zittern, Schweißausbrüche, Unruhe, Übelkeit oder Herzrasen kommen. Viele ziehen sich auch zurück und werden ganz ruhig.

Angst ist ein Mechanismus des Körpers, der uns das Überleben sichern soll, sagt Eisenberg-Meyer. Ein Reflex ist die Flucht. So lässt sich auch erklären, dass viele Flugängstliche das Fliegen gänzlich meiden, um so ihrer Angst aus dem Weg zu gehen. Rational gesehen ist Flugangst total unbegründet, sagt er. Denn das Flugzeug ist eines der ­sichersten Verkehrsmittel. Flugzeuge befördern weltweit jedes Jahr 3,7 Milliarden Menschen. 2014 gab es 900 Tote, ein Jahr zuvor waren es 388.

Haben die Unglücke die Sorgen der Menschen verstärkt?

Nach den Unglücken mit der verschwundenen Maschine der Malaysia Airlines, dem Absturz eines Fluges derselben Gesellschaft in der Ukraine und dem Unglück des Germanwings-Flugs von Barcelona nach Düsseldorf haben sich die Fragen der Seminarteilnehmer verändert, sagt der Trainer: Werden die Piloten wirklich so intensiv medizinisch überprüft? Muss ich mich auf einem Flug der Lufthansa fürchten? Wie kann es zu einem Unglück kommen, wenn doch alles streng geprüft wird?

Eisenberg-Meyer hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Sorge vor dem Fliegen vor allem nach dem Germanwings-Absturz verstärkt hat. Es besteht eine emotionale Nähe, da es sich um ein deutsches Flugzeug gehandelt hat.

Wie läuft ein Seminar ab?

Die Seminare dauern in der Regel zwei Tage. Es gibt Einzel- und Gruppentrainings. Im Einzeltraining kann intensiver auf die Bedürfnisse des Teilnehmers eingegangen werden. An einem Gruppenseminar nehmen aber auch maximal nur vier bis fünf Betroffene teil, um sie optimal betreuen zu können. Vor dem zweitägigen Seminar erhalten die Teilnehmer einen Fragebogen. Dort wird erfragt, wie sie selbst ihre Flugangst einschätzen und welche Gründe es für die Angst geben könnte.

Im ersten Teil des Seminars gibt es eine Vorstellungsrunde, wo jeder etwas über sich erzählen kann und die Teilnehmer feststellen, dass sie mit ihrer Angst nicht alleine sind. Im anschließenden Technikteil wird geklärt, warum ein Flugzeug fliegen kann, wie Turbulenzen entstehen und zu bewerten sind und wie die Piloten ausgebildet werden. Auch das Thema Wetter wird besprochen: Wie entsteht Wetter? Welchen Einfluss ­haben Gewitter, Wind und Regen auf das Flugzeug? Wie reagieren die Piloten darauf?

Im Anschluss erklärt der Trainer, wie Ängste entstehen, wie zu bewerten sind und was man dagegen tun kann. Die Seminarteilnehmer lernen, mit Hilfe von progressiver Muskelentspannung ihre Angst zu kontrollieren. Eine spezielle Atemtechnik hilft gegen Panikattacken. Ziel des Seminars ist es auch, sich kognitiv umzupolen. Das heißt herauszufinden, was genau bereitet mir Angst vor dem Fliegen, wie ist das zu bewerten und was ist die Hilfe zur Selbsthilfe, sagt Eisenberg-Meyer.

Am zweiten Tag steht dann ein gemeinsamer Flug an. Die Teilnehmer stellen sich dort ihrer Angst und merken, dass das Fliegen gar nicht so schlimm ist, sagt Eisenberg-Meyer. Der Flug dauert in der Regel ein bis zwei Stunden. Der Flug ist ein normaler Linienflug, um die Trainingssituation so realistisch wie möglich zu gestalten.
Den letzten Schritt gehen die Teilnehmer dann alleine: Sie fliegen. Denn die meisten Betroffenen besuchen ein Seminar, wenn ein Flug unmittelbar bevorsteht. Sei es eine Fernreise oder ein geschäftlicher Termin.

Wer nimmt an einem Seminar teil?

Sechs bis sieben Jahre – so lange vermeiden Betroffene durchschnittlich das Fliegen. Erst dann besuchen sie ein Seminar. Meist steht dann ein Ereignis an, das das Fliegen erforderlich macht. Aus der Erfahrung weiß Eisenberg-Meyer, dass Frauen eher bereit sind, sich der Angst zu stellen und darüber zu sprechen. Die meisten Teilnehmer sind zwischen 25 und 50 Jahre alt.

Welche Tipps helfen gegen die Angst?

Schon für die Anreise zum Flughafen sollte der Passagier genug Zeit einplanen. Durch Hektik wird die Angst vor dem Flug vielleicht noch verstärkt. Damit der Flug so angenehm wie möglich ist, kann man das Personal darüber informieren, dass man ängstlich ist – am besten schon beim Check-in. Dann wundern sich die Mitarbeiter auch nicht, wenn man viele Fragen stellt. „Man kann auch einfach beim Einsteigen mal fragen, ob der Kapitän zu sprechen ist“, sagt Eisenberg-Meyer.

Wenn man im Flieger vor den Tragflächen sitzt, ist es leiser als weiter hinten. Die Triebwerke sind an den Tragflächen angebracht und produzieren viel Lärm. Bewegungen des Flugzeugs beispielsweise bei Start und Landung spürt man im hinteren Teil auch deutlich stärker. Die Luft ist vorne auch besser.

Grundsätzlich sollte man einen Platz wählen, auf dem man sich wohlfühlt, und sich nicht in einen Mittelplatz einer Vierer-Sitzreihe quetschen. Auch die Kleidung sollte nicht einengen. Ideal ist der Zwiebel-Look. Je nach Empfinden kann man so leicht Kleidung aus- und wieder anziehen. Filme und die Lieblingsmusik helfen, sich abzulenken. Wer kann, sollte auch eine vertraute Person mitnehmen. Das gibt Sicherheit.

Wie äußert sich Flugangst?

Nervosität, Herzrasen, Schweißausbrüche, schnell gehender Atem, Übelkeit oder Durchfall bis hin zu Panikattacken können typische Symptome von Flugangst sein, sagt Dr. Leslie Trautrims-Michelitsch, Ärztin bei der AOK Baden-Württemberg. Diese Furcht könne in manchen Fällen schon Wochen vor dem Abflug auftauchen.

Was hilft gegen Flugangst?

Das wichtigste ist, sich zu entspannen. Langsam und tief durch die Nase ein- und durch den Mund auszuatmen, kann dabei helfen, lockerer zu werden. Bei weiten Flugstrecken ist es sinnvoll, immer wieder aufzustehen und ein paar Schritte im Flugzeug zu laufen. Das entspannt nicht nur, sondern tut auch dem Kreislauf gut. Auch Übungen zur progressiven Muskelentspannung können helfen: Dabei werden alle Muskeln des Körpers gleichzeitig angespannt und die Spannung für einige Sekunden gehalten. Wenn man die Muskeln wieder locker lässt, macht sich eine angenehme Entspannung breit. Auf kreislaufanregende Getränke wie Kaffee und schwarzen Tee sollte man besser verzichten – ebenso auf Alkohol, denn er macht stressempfindlicher. Besser ist es, sich abzulenken, beispielsweise mit Musik oder einem Hörbuch.

Und wenn man mit Kindern reist?

Eltern sollten mit ihren Kindern vorher über den Flug sprechen. Kinder sollten darüber Bescheid wissen, was beim Flug passiert, damit sie nicht erschrecken, wenn das Flugzeug beispielsweise beim Start wackelt. Viele Kinder leiden unter Ohrendruck beim Start und bei der Landung. Bei Babys hilft es, ihnen den Schnuller oder etwas zu trinken zu geben. Ältere Kinder können Bonbons lutschen oder Kaugummi kauen.

Was tun bei krankhafter Flugangst?

Wenn die normalen Entspannungsmethoden nicht mehr ausreichen, empfiehlt es sich beispielsweise, an einem Seminar gegen Flugangst teilzunehmen. Diese werden von vielen Fluggesellschaften angeboten. Betroffene lernen hierbei, sich ihrer Angst zu stellen und sie zu kontrollieren.

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