In den Bögen des Eisenbahnviadukts ist eine Markthalle untergebracht. Foto: © Zürich Tourismus/Christian Beutler

Zürich-West ist ein gelungenes Beispiel, wie Stadtentwicklung funktionieren kann. Das ehemalige Industriequartier zwischen den Bahngleisen und dem Fluss Limmat hat sich zum Trendviertel gemausert. Man findet hier kreatives Leben, Kultur und Szenekneipen. Ein interessanter Kontrast zur postkartengleichen Altstadt.

Auf einmal riecht es seltsam süßlich. Der schwer zu beschreibende Geruch erinnert an die Popcornmaschine im Kino oder an den Malzduft eines Sudhauses. „Das kommt von der Mühle. Swissmill produziert Mehl hier in Zürich“, sagt Fremdenführerin Annamària Pàl Müller (58). Die Getreideverarbeitung ist neben dem Supermarkt-Verteilzentrum der Kette Coop und dem Turbinenhersteller MAN Energy Solutions einer der wenigen noch aktiven Betriebe in Zürich-West, einem ehemaligen Gewerbegebiet.

 

Blick auf Zürich mit dem Stadtteil West im Vordergrund. Foto: Zürich Tourismus/Alex Buschor

Bis in die 1980er Jahre war der äußere Teil des Stadtkreises 5, eingeklemmt zwischen Escher-Wyss-Platz und Hardturm-Stadion, dem Fluss Limmat und den Bahngleisen, rein industriell geprägt. Hier wurde Müll verbrannt, Bier gebraut, man produzierte Kompressoren, Zahnrädli oder sogar Schiffe. Maschinen ratterten Tag und Nacht, Ruß und Staub lagen in der Luft. „Hier war richtig Rambazamba“, sagt Annamària Pàl Müller.

In den Mauern ehemaliger Fabriken entwickelte sich ein lebendiges Szeneviertel

Durch den Wandel von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft gingen in den energieintensiven Fabriken ab den 1970er Jahren nach und nach die Lichter aus. Die einen zogen weg aus der selbst in den Randbezirken sehr teuren Schweizer Stadt, andere mussten Insolvenz anmelden. Doch Zürich-West überstand den Strukturwandel fast ungestreift. Das 1,4 Quadratkilometer große Viertel wurde nicht zu einer trostlosen Gegend, sondern hat sich neu erfunden. Eine einzigartige Transformation: Erst kamen die Kreativen, dann das Partyvolk, zu guter Letzt entdeckten die bürgerlichen Teile der Gesellschaft die westliche Ecke von Zürich. Inzwischen mischt sich alles bunt miteinander. In Zürich-West kann man wohnen, studieren, arbeiten, ausgehen, es gibt Hotels, Kultur- und Freizeitangebote.

Stadtnähe und eine gute Anbindung – das sind einleuchtende Argumente für Investoren. Das Quartier liegt nicht weit von der City entfernt, mit der Tramlinie Nummer vier erreicht man den Bahnhof und die Altstadt ohne Umsteigen in rund 15 Minuten. „Die Banken hätten die Gegend gerne für sich alleine gehabt und ein reines Finanzviertel errichtet, doch die Stadt wollte eine gemischte Nutzung“, sagt Annamària Pàl Müller und erzählt, dass Zürich-West heute 6600 Bewohner und 39 000 Arbeitsplätze vorweisen kann.

Der Prime Tower könnte auch in Manhattan stehen. Foto: Zürich Tourismus/Lerichti/Philipp Heer

Für Architektur-Liebhaber ist Zürichs wilder Westen ein Fest. Auf einem Raum, den man gut zu Fuß erkunden kann, finden sich viele spannende Gebäude. Man hat eben nicht alles abgerissen, sondern vor allem umgenutzt und saniert. Ins Toni-Areal, eine ehemalige Molkerei, ist die Kunsthochschule gezogen. Das Löwenbräu-Areal gehört den schönen Künsten: das Migros Museum für Gegenwartskunst, das Museum für Gestaltung, Galerien und Verlage. 2025 folgt das Haus Konstruktiv, das aus seinem alten Standort rausmuss. Hotels haben sich angesiedelt, eines davon, das 25 Hours Zürich-West, hat der berühmte Designer Alfredo Häberli mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Der Zürcher ist bekannt für seine Arbeiten für Camper, iittala, Luceplan, Vitra oder Moroso.

Leuchtturm im Häusermeer

Die Seifenfabrik Steinfels und das ehemalige Produktionsgelände des Maschinen- und Anlagenbauers Müller-Martini wurden zu Wohnsiedlungen. Im Schiffbau, einer mächtigen Backsteinhalle, befindet sich eine Außenstelle des Züricher Schauspielhauses. Außer der Theaterbühne gibt es noch einen Jazzclub, das Restaurant La Salle und eine Bar. Obwohl der Betrieb der Firma Sulzer Escher-Wyss schon jahrzehntelang eingestellt ist, fahren noch zwei hier gebaute Schiffe auf dem Zürichsee herum – die „Rapperswil“ und die „Stadt Zürich“.

Der ehemalige Fabrik für Schiffe ist heute ein Theater. Foto: Hamann

Inzwischen ist Zürich-West so beliebt, dass die Gentrifizierung zugeschlagen hat. Grafiker, Künstler und Galeristen kommen und machen eine Gegend schick. Andere folgen, und dann wird es irgendwann so teuer, dass es sich kaum noch einer leisten kann, hier zu wohnen. Annamària Pàl Müller zeigt Immobilienannoncen, die sie aus der Zeitung ausgeschnitten hat: 3,5 Zimmer, 94 Quadratmeter, Kaufpreis 2,15 Millionen Franken. Der Mieterbund beklagt immer wieder, dass mehr Sozialwohnungen in Zürich-West hätten gebaut werden sollen.

Markant hervorstechend: der Prime Tower, ein gläsernes Hochhaus, das auch in Manhattan stehen könnte. In dem Entwurf der Architekten Annette Gigon und Mike Guyer residieren unter anderem die Citibank, die Deutsche Bank und Ernst & Young. Der 126 Meter hohe Glitzerturm war einmal das höchste Haus der Schweiz, bis es von den von Herzog & de Meuron entworfenen Roche-Towern in Basel abgelöst wurde, die 178 beziehungsweise 205 Meter hoch sind.

Die Freitag-Brüder Markus und Daniel. Foto: Freitag/Roland Tännler

Einen Steinwurf neben dem Prime Tower ragt der kleine Turm des Flagship-Stores der Firma Freitag in die Höhe. Die ungekrönten Schweizer Könige des Upcyclings kamen schon vor 30 Jahren auf die innovative Idee, Rucksäcke und Accessoires aus gebrauchten Lkw-Planen herzustellen. Auch die wichtigste Verkaufsstelle der Marke ist aus zweiter Hand. Sie besteht aus 19 Überseecontainern. Ganz oben gibt es eine Aussichtsplattform, von der aus man einen tollen Blick über ganz Zürich hat.

Urban Gardening und coole Umhängetaschen

„Ein Geschäft in 1-a-Lage würde nicht zu uns passen. Wir bleiben hier, wo die Firma ihren Ursprung hat“, sagt Kommunikationsleiterin Elisabeth Isenegger und deutet auf ein Haus jenseits der Bahnschienen. Direkt neben einer der größten Verkehrsadern der Stadt haben die beiden Freitag-Brüder Markus und Daniel gewohnt und einst den Prototypen der coolen Umhängetasche erfunden.

Beim Versuch, die widerstandsfähigen Planen zu verarbeiten, gingen ein paar Nähmaschinen drauf. Dafür sind die Taschen unkaputtbar. Fast zu unverwüstlich für den Geschmack des sehr auf Nachhaltigkeit bedachten Unternehmens, das Kunden einen umfangreichen Reparaturservice anbietet. „Wir arbeiten daran, dass man die Taschen am Ende ihres Lebens nicht wegwerfen muss, sondern dass sie das PVC weiter verwendet wird“, sagt Elisabeth Isenegger.

Der Freitag Store neben Frau Gerolds Garten. Foto: Freitag/Roland Tännler

Direkt zu Füßen des Freitag-Turms liegt das Urban-Gardening-Projekt „Frau Gerolds Garten“, eine hübsch verwilderte Oase in der Betonwüste. Die zusammengewürfelte Gartenwirtschaft aus ausrangierten Containern, selbst gezimmerten Hochbeeten, bunten Zelten, Schirmen und Bierbänken hat das ganze Jahr über geöffnet. Ein lustiges Völkchen aus Hipstern, Touristen und Bankern isst und trinkt hier Seit an Seit. Ein Provisorium, doch der Grundstücksbesitzer hat ein Herz für das originelle Projekt mit Hippie-Touch. „Frau Gerolds Garten“, benannt nach der Geroldstraße, existiert schon seit über zehn Jahren.

Unter den gemauerten Bögen des 1894 erbauten Eisenbahn-Viadukts sind kleine, feine Designerläden, Concept-Stores und Lokale eingezogen. Das Viadukt macht inzwischen sogar der berühmten Züricher Bahnhofstraße Konkurrenz – als alternative Einkaufsmeile. Die Zugstrecke ist noch in Betrieb, hin und wieder rauschen Züge auf dem Weg von und nach Winterthur und zum Flughafen vorbei. Auf den mittleren Ebene gibt es einen aussichtsreichen Spazierweg, quasi die Zürcher Antwort auf die Highline in New York.

András Németh kuratiert Schweizer Produkte von der Schokolade bis zum Gin. Foto: Hamann

An der breitesten Stelle des trutzigen Bauwerks wurde die Markthalle gebaut. Metzger, Bäcker, Blumenladen, Gemüse und Obst direkt vom Bauern, Käse aus Großbritannien – eine Kommission kümmert sich darum, dass nur besondere Waren hier angeboten werden. András Németh betreibt den Laden „Berg und Tal“ mit ausgesuchten Produkten aus der Schweiz. Eigentlich hat er Buchhändler gelernt, nun kuratiert er Feinkost, oder wie er sagt: Soul Food. „Die Leute kommen zu uns, wenn sie etwas Besonderes suchen und wissen wollen, wo es herkommt“, sagt Németh. Er kennt jeder Hersteller seiner Produkte persönlich. Ein Besuch an diesem zauberhaften Ort bietet sich ganz zum Schluss einer Zürich-Reise an. Dann kann man Käse, Brot, frische Pasta oder andere Mitbringsel kaufen und gleich heimtransportieren.

Das Raue und Kantige hat Charme

Das Szeneviertel ist dynamisch, bunt und lebendig, aber keine klassische Schönheit. Breite, mehrspurige Straßen und Hochbahntrassen durchschneiden die Gegend. Die regelmäßig vorbei ratterenden Züge und der Straßenverkehr sorgen für ein ständiges Grundrauschen. Es gibt viel Beton und Asphalt, wenig Grün, für Farbtupfer sorgen Graffiti und Street-Art. Manches Gebäude ist – seien wir ehrlich – ziemlich hässlich. Doch das Raue und Kantige versprüht auch einen gewissen Charme. Es ist der krasse Kontrast zur hübsch-herausgeputzten mittelalterlichen Altstadt Zürichs mit ihren zuckersüßen kleinen Gassen und dem prächtigen Grossmünster vor kitschig-schöner Postkartenkulisse aus See und Bergen.

Der Leuchtturm im Häusermeer: ein bunt gestrichener Schornstein einer Müllverbrennungsanlage. Foto: Hamann

Auch ohne professionellen Guide können sich Besucher viel selbst zusammenreimen, denn die meisten Straßen und Areale sind nach den alten Firmen benannt. Ein Hingucker und gutes Orientierungsmerkmal, falls man sich doch mal verläuft, ist der weithin sichtbare Schornstein der ehemaligen Kehrichtverbrennung. Der einst langweilig graue Turm trägt jetzt rot-weiß geringelt und lugt wie ein Leuchtturm aus dem Häusermeer heraus. Was mit der restlichen Anlage passieren soll, darüber wird noch gestritten. Ein Schwimmbad steht zur Disposition. Vieles ist noch im Entstehen, oft stolpert man über eine Baustelle. Zürich-West ist noch lange nicht fertig.

Info

Anreise
Mit dem Zug ab Stuttgart mit Umstieg in Mannheim oder Karlsruhe nach Zürich, www.bahn.de. Innerhalb der Stadt kann man sich sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen. Mit der Zürich Card fährt man gratis Bus, Bahn, Tram, Schiff und Seilbahn und erhält außerdem freien Eintritt in viele Museen. 24 Stunden kosten 27 Franken (rund 28 Euro), für 72 Stunden zahlt man 53 Franken (umgerechnet 55 Euro).

Unterkunft

In Zürich-West gibt es einige Hotels: Ein klassisches Businesshotel ist etwa das Sheraton Zurich, Doppelzimmer ab 208 Euro, www.marriott.com.

Farbenfroh wohnt man im 25Hours Zürich-West. Das originelle Haus wurde vom Züricher Designer Alfredo Häberli gestaltet, DZ ab 167 Euro, www.25hours-hotels.com.

Das in einem Turm untergebrachte Renaissance Hotel punktet mit einem Panoramablick auf die Stadt. DZ ab 244 Euro, www.marriott.com.

Essen und Trinken

Das Behindertenwerk St. Jakob betreibt sechs Cafés in Zürich, eines davon direkt am Viadukt. Im St. Jakob Beck & Kafi bekommt man wundervolle hausgemachte Backwaren und kann durch die Glasscheiben zugucken, wie sie gemacht werden, https://st-jakob.ch. Das Restaurant Markthalle ist perfekt, um sich beim Stadtbummel zwischendurch zu stärken. Es gibt französisch inspirierte Gerichte. https://www.restaurant-markthalle.ch/ Das Restaurant „Die Waid“ liegt auf einem Hügel nahe der Stadt. Von hier genießt man eine fantastische Aussicht auf Zürich-West, die Altstadt, den See und dazu gibt es neben Schweizer Spezialitäten auch raffinierte Wokgerichte, https://diewaid.ch/

Allgemeine Informationen

Zürich Tourismus, www.zuerich.com

Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com