Timur Vermes Foto: Eichborn Verlag

Bestseller-Autor Timur Vermes über die Wehleidigkeit der Nazis und die Banalisierung des Bösen – Ein Gespräch in einem Münchner Café .


München. Am 30. Januar 1933 begann mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die zwölf Jahre währende Naziherrschaft in Deutschland. In „Er ist wieder da“ lässt Timur Vermes Hitler im Berlin des Jahres 2011 Star einer Comedy-Show werden. Das Buch – zum sinnigen Preis von 19,33 Euro – steht auf Platz eins der Bestsellerlisten.

Herr Vermes, „Er ist wieder da“ hat sich mehr als 400 000-mal verkauft. Hat Sie der Erfolg überrascht?
In dem Umfang habe ich das natürlich nicht erwartet. Was mich besonders verblüfft hat, war, dass das Buch noch ins Weihnachtsgeschäft gerutscht ist. Ich weiß ja nicht, ob ein Buch über Hitler das passende Geschenk zu Weihnachten ist. Aber die Leute haben das Buch eben für sich entdeckt. Offenbar, weil sie sich gut dabei unterhalten haben.

Hatten Sie Bedenken, das Thema anzubieten?
Man muss den Leuten beim Thema Hitler erst mal eine gewisse Schwellenangst nehmen. Der Agent fällt einem ja nicht um den Hals, wenn man sagt, ich schreibe über Hitler. Deshalb habe ich ihm 50 Seiten geschickt und gesagt: Schau, ob du davon mehr lesen willst. Denn wenn man es genau betrachtet, galt das Thema eigentlich als durch. Ich wollte einen Stoff, der mich unterhält. Wenn es der Agent nicht loskriegt, kann ich wenigstens sagen: Mir hat es Spaß gemacht.

Die Idee ist auf den ersten Blick aber . . .
. . . wenig revolutionär. Da gibt’s andere . . .

Wie kam es dann dazu? Nachdem Sie nächtelang „Mein Kampf“ gelesen und beschlossen haben, so möchte ich auch schreiben?
(Lacht) Die Idee erstand aus Unwissenheit. Im Türkei-Urlaub habe ich eine englische Ausgabe von Hitlers zweitem Buch gefunden. Meine erste Reaktion war: „Hä? Ich kenn’ ja nur das eine, wieso gibt’s da ein zweites?“ Der Gedanke, dass Hitler ein zweites Buch geschrieben hat, war für mich so abstrus, dass ich mir dachte: „Okay, dann schreib ich das dritte.“ Ich bin dann automatisch in die erste Person reingerutscht. Wenn man so arbeiten will, ergibt das aber nur Sinn, wenn ich einen möglichst echten Hitler nehme, sonst sagt dir jeder nach dem dritten Satz: „So war der doch gar nicht!“ Also muss man sich in „Mein Kampf“ reinlesen, und wenn man die ersten paar Seiten durchhat, den Stil erkennt, dann will man ihn auch parodieren, denn der ist schon merkwürdig.

Haben Sie „Mein Kampf“ laut vor dem Spiegel vorgelesen, um den richtigen Klang zu finden?
Nicht ganz. Das wäre ja auch etwas mühsam. Man muss sich aber eine gewisse Selbstsicherheit anlesen – (lacht) es schickt einen ja schließlich die Vorsehung.

Kritiker sagen, Sie verharmlosen Hitler . . .
Ich wüsste ganz gerne, was diese Kritiker für ein Bild von Hitler haben. Vielen ist mein Hitler zu menschlich, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie ihn gerne 24 Stunden am Tag unmenschlich hätten. Aber so kann’s ja nicht gewesen sein, mit einem Nonstopmonster arbeitet doch keiner zusammen. Seine Politik war unmenschlich, aber er selbst? Bestimmte Momente dieser vorgeblichen Verharmlosung bestehen darin, dass wir im Buch eine gewisse Wehleidigkeit drinhaben. Das kommt aus „Mein Kampf“. Das ist das Praktische: Ich muss nicht die Wahrheit rausfinden, ich muss nur überlegen, wie Hitler sich dargestellt hätte – glorifizierend: „Ich hatte eine harte Jugend, habe gelitten, ochje, und einsam war ich auch, aber das tu ich alles fürs Volk.“

Man hat Hitler zu einem Monster gemacht, auch, um ihm die Schuld geben zu können.
Eindeutig. Das ist doch das Prinzip der Verharmlosung. So wie wir ihn bisher kennen – der Monster-Hitler von früher, der Gag-Hitler von „Switch Reloaded“ –, führt das dazu, dass kein Mensch nachvollziehen kann, wie der an die Macht kam. Der war doch entweder so ein Unsympath oder so ein Idiot. Wer soll den denn jemals wählen? Aber die Leute haben ihn gewählt. In einer Menge, da wäre die SPD heute froh. Die machen das doch nicht, weil er so furchtbar ist. Die machen das, weil sie irgendwas in ihm sehen. Irgendeine Form von Attraktivität. Und das ist ein Teil des Erfolgs des Buchs: diese Überraschung, dass man eine Form der Attraktivität nachvollziehen kann. Dass man selbst so ein bisschen aus der Bahn geworfen wird, weil man feststellt: Es ist möglich, dass jemand wie Hitler irgendwie attraktiv ist. Dass es Stellen gibt, an denen man sagt: Da hat er schon recht.

2012 hat der Journalist Daniel Erk das Buch „Soviel Hitler war selten“ veröffentlicht. Darin beklagt er die Banalisierung des Bösen . . .
Den Vorwurf hat Erk ja nicht auf mein Buch bezogen, da es erst später erschienen ist. Die Frage ist: Würde er es dazusetzen? Ich kann nicht jedem Leser reinschreiben, was er davon zu halten hat, aber wer an den lustigen Stellen vorbeigekommen ist, ist auch an der Belagerung von Leningrad vorbeigekommen, die über eine Million Menschen das Leben gekostet hat. Wenn er das auch toll gefunden hat, kann ich ihm nicht mehr helfen. Die Leute drücken sich das Buch in die Hand, das machen sie nicht mit banalen Dingen, sondern mit Dingen, die sie in irgendeiner Art berührt haben.

Kennen Sie Marion Maerz’ Schlager „Er ist wieder da“, der dem Buch den Titel gibt?
Natürlich. Sonst hätte ich ihn ja nicht verwendet. Ich habe mir damals überlegt, wie könnte eine Hitler-Show beginnen, wie würde die Eingangsmelodie klingen – und dann kam mir plötzlich Marion Maerz in den Sinn. Das Thema ist ja recht hart – und dazu so eine gefällige, einschmeichelnde Melodie.

Wie verlief Ihre erste Begegnung mit Hitler?
Ich hatte immer ein Faible für Kriegsfilme, und als ich in der zweiten Klasse war, ließen mich meine Eltern länger aufbleiben und beide Teile von „Der Längste Tag“ sehen. Da taucht dann zwangsläufig Hitler auf, übrigens schon hier der Hitler, den man frühmorgens nicht wecken darf, auch nicht bei einer Invasion. Kinder denken ja oft sehr direkt, also war damals meine erste Frage ganz naiv: Warum hat dieser Hitler nicht früher aufgehört? Das lief doch alles so toll! In den Büchern wird ja deutlich, dass die Situation der Deutschen alles andere als gut war: Links die Amerikaner, rechts die Russen, das schien auch mir ein bisschen viel auf einmal. Also: Warum hört er nicht auf? Das ist eine Frage, die heute kaum gestellt und die auch nicht beantwortet wird. Das wird abgehandelt, als sei das alles zwangsläufig. Vielleicht trauen sich die Leute nicht, weil sie Angst haben, dumm dazustehen. Dabei ist das nicht unerheblich: Warum macht denn der, was er macht? Warum so und nicht anders?

Sie lassen Hitlers Produzentin sagen, dass Witze über Juden ein Tabu sind. War das ein Kniff, um den Punkt thematisieren zu können?
Wenn man das Thema Hitler angeht, muss man es richtig angehen. Dann darf ich nicht an Hitler rumbiegen. Angenommen, er hätte das Thema verschwiegen, hätte man das auch so schreiben müssen. Im Grunde genommen stellen wir aber fest: Das mit den Juden ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und so muss es dann auch behandelt werden. Brutal, aber ganz beiläufig.

Als er mit seiner jüdischen Sekretärin spricht, zeigen Sie einen sentimentalen Hitler . . .
Irgendjemand hat geschrieben, dass das ein bisschen bemüht ist – und da hat er vielleicht sogar recht. Aber ich wollte ihn einmal auf das Thema Juden so konsequent ansprechen, wie es geht. Ich kann das Thema mit ihm aber nicht ernsthaft diskutieren, denn dann müsste sein Gesprächspartner davon ausgehen, dass er es wirklich ist. Und diese Erkenntnis kann ich keiner der handelnden Personen zumuten. Wie sollen die darauf kommen? Der Einzige, der eine Zeitreise für möglich hält, ist er – und die Leser. Also kann ich nur die Diskussion führen lassen: „Bitte distanzieren Sie sich einmal von dem Thema!“ Näher komm’ ich da nicht ran.

Was ist Ihre Botschaft?
Schwer, da eine herauszufiltern. Manche lesen es als Warnung: Es könnte wieder geschehen – obwohl er es ist. Einfach weil man sich so sicher fühlt. Manche erleben aber auch Verführung am eigenen Leib, aus einer Ecke, aus der man es nicht erwartet, weil man denkt, wie soll eine Komödie schon verführen? Das geht auch. Das Buch soll Fragen aufwerfen, keine Antworten geben. Deswegen sind ja auch einige Rezensenten enttäuscht, weil sie meinen, Satire müsse explizit sagen, was falsch ist: „Ich muss doch die Lehre präsentiert bekommen.“ Aber es ist keine drin, der Leser muss sie selber ziehen.

In Deutschland war es lange undenkbar, über Hitler zu lachen. Nun lachen wir mit ihm . . .
Ich habe das nicht von vorneherein so durchkonzipiert. Dass wir mit Hitler lachen, fiel mir erst auf, als wir am Klappentext gearbeitet haben und ich anhand der ersten Version feststellte: „Nee, über Hitler lachen wir ja eigentlich nicht.“ Das Buch ist keine Parodie, keine Satire auf Hitler, es sind auch keine Witze drin . . .

. . . Hitlerjunge Ronaldo und die türkische Blitzreinigung?
. . . das entsteht nicht in den handelnden Personen, für die ist das absolut ernst. Den Gag kriegt nur der Leser mit. Die Hitler-Aufarbeitung muss ja immer im zeitlichen Kontext gesehen werden: Zuerst haben wir ihn totgeschwiegen, dann haben wir ihn zu einem Monster gemacht. Dann haben wir ihn veralbert. Jetzt geht es eine Runde weiter. Sehen Sie, James Bond wurde relaunched, damit ein erwachsenes Publikum ihn wieder ernst nehmen kann. Wie ist diese Figur wirklich – und ich nehme an, etwas Ähnliches könnte hier passiert sein. Hitler ist eine reale Person, und trotzdem ist es auch eine Geschichte, die wir seit 60 Jahren nach wandelnden Mustern erzählen. Hitler ist im Buch wieder auf eine Art gefährlich, die man nachvollziehen kann. Die meisten sagen, bei so einem Relaunch kann ja nur was Ernstes herauskommen. Wie man sieht: Nein!

Gab es Lob, das Sie geärgert hat?
Wenn irgendeiner sich seinen Hitler daraus zusammenbasteln will, kann ich das nicht ändern. Dann stellt er halt nach 400 Seiten fest: Ich bin Nazi. Es ist nicht mein Job, ihn zu bekehren. Er kann aber nicht behaupten, er hätte alles nicht so genau gewusst.

. . . aber in „Mein Kampf“ steht doch auch schon genau drin, was passieren wird . . .
In „Mein Kampf“ legt Hitler mit einer gewissen Überheblichkeit seine Karten auf den Tisch. Und da sucht sich der Leser dann raus, was ihm passt. Etwa: „Demokratie ist scheiße? Ja, das finde ich auch. Und ob der Rest so ernst gemeint ist, warten wir ab.“ Man bastelt sich also den Hitler zusammen, den man braucht. Was einfach ist, weil man in „Mein Kampf“ nach einer halben Seite einschläft. Das geht bei mir nicht: Wenn einer die Gags gut findet, hat er auch die Grausamkeiten ­geschluckt, die sind nämlich genau daneben.

Ist Ihr Buch ein Demokratie-Test?
Ja. Da drin hebt keiner den Zeigefinger. Wenn Sie es nicht tun, tut es keiner. Wenn Sie die Demokratie gegen Hitler verteidigen wollen, müssen Sie Argumente finden.

Das Buch endet mit der Rückkehr Hitlers in die Politik. Warum hören Sie an dieser Stelle auf?
Weil hier die großen Fragen gestellt sind und Hitler die meisten Möglichkeiten hat.

Ist das offene Ende ein Versprechen auf Band II?
Ganz am Anfang dachte ich, Band zwei ist möglich. Aber was soll ein zweiter Band. Der erste wirft Fragen auf, und neue hätte der zweite nicht. Das Interessante ist ja, dass sich viele Leser einen zweiten wünschen. Weil die Welt mit seinen Augen so unterhaltsam aussieht. Das Bizarre ist: Der Hitler, den sie sich wünschen, ist echt – wenigstens so echt, wie ich ihn hinbekommen habe. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass ich in zehn, 15 Jahren vor der Wahl stehe: zweiter Band oder Dschungelcamp? Dann muss man sich überlegen, was macht man lieber? Wenn ich feststelle, dass ein zweites Buch einen weiteren Anstoß liefern könnte, würde ich es machen. Im Augenblick sehe ich das nicht.
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