Spielmacher Tim Kneule ist bei seinen kraftvollen Durchbrüchen von der gegnerischen Abwehr nur schwer zu stoppen. Foto: Baumann/Julia Rahn

Er spielte 18 Jahre lang in der Handball-Bundesliga, 18 Jahre lang für den gleichen Verein. An diesem Mittwoch bestreitet Tim Kneule sein letztes Heimspiel für Frisch Auf Göppingen. Der Blick auf eine bemerkenswerte Karriere.

Wie es wird am Mittwoch? „Mit Sicherheit sehr, sehr emotional“, sagt Tim Kneule vor seinem letzten Heimspiel für Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen. Für dieses ganz besondere Ereignis gegen die MT Melsungen (Anpfiff 20.30 Uhr) hat der Spielmacher extra eine Loge in der EWS-Arena gemietet. Ehefrau Julia, die Kinder Ida (11), Emil (8) und Lotta (3) werden dabei sein, dazu weitere Familienmitglieder, Freunde und alte Weggefährten.

 

512 Bundesligaspiele am Ende

Nach dem Finale zu Hause folgt am 2. Juni (16.30 Uhr) noch das Auswärtsspiel beim VfL Gummersbach, dann kann der Kapitän unter 18 Jahre Handball-Bundesliga einen dicken Haken machen. Aus. Ende. Schluss. 512 Erstligaspiele hat er dann absolviert, immer nur für einen Verein, immer nur für Frisch Auf Göppingen. Nur einer hat in der Branche noch länger für einen Club gespielt – und das war Volker Zerbe, der 22 Jahre für den TBV Lemgo im Einsatz war.

„Mein halbes Leben habe ich hier verbracht, eine unglaubliche Zeit. Ich habe nie etwas anderes kennengelernt. Das zeigt meine Verbundenheit zum Verein“, sagt Kneule. Immer wieder einmal gab es Offerten anderer Clubs, einmal sogar von der SG Flensburg-Handewitt. Doch die treue Seele blieb. Einmal Frisch Auf, immer Frisch Auf. 2006 war der heute 37-Jährige vom TV Neuhausen/Erms ins Filstal gekommen. Vier Mal (2011, 2012, 2016 und 2017) hat er mit den Grün-Weißen den EHF-Pokal gewonnen. Es waren die Highlights seiner Laufbahn, garniert mit Anekdoten.

Schuberts rote Nase

„Nach dem ersten internationalen Triumph 2011 gegen den TV Großwallstadt feierten wir bei einem Sponsor. Mein Mitspieler Max Schubert sprang mit dem Pott in einen Pool mit zu wenig Wasser und holte sich eine rote Nase“, erinnert sich Kneule. Dann war da noch die knapp 1000 Kilometer lange Rückfahrt nach dem Titelgewinn 2016 in Nantes. „Es war ein einziger Party-Marathon.“ Ähnlich wie beim bisher letzten Triumph 2017 in eigener Halle. „Da flog das Dach der EWS-Arena weg, so extrem laut war es damals.“

Kneule war immer mittendrin, statt nur dabei. Nie Mitläufer. Immer im Zentrum des Geschehens. In der Abwehr und im Angriff. Seine kraftvollen Durchbrüche, seine unglaubliche Dynamik in Eins-gegen-Eins-Situationen zeichnen ihn aus. In 30 A-Länderspielen war der Junioren-Europameister (2006) für Deutschland am Ball. Zu der Teilnahme an einem großen Turnier hat es nie gereicht. Kneule, der Unvollendete? „Keineswegs, ich bin mit mir und meiner Karriere total im Reinen“, sagt der gebürtige Reutlinger, der seit 2020 wieder in seinem Heimatort Dettingen/Erms wohnt.

Älter, reifer, besser

Unterkriegen ließ er sich nie. Ein Kreuzbandriss 2011 und ein Riss des Syndesmosebandes 2016 warfen ihn zurück, machten ihn danach aber nur stärker. Zusatzschichten im Kraftraum, verstärkte Pflegeeinheiten bei den Physios gehörten zu seinem Standardprogramm. Weshalb der 1,90 Meter große Modellathlet selbst kurz vor seinem Karriereende noch sagt: „Ich habe das Gefühl, dass im Alter alles besser wird.“

Warum das Phänomen Kneule dann überhaupt aufhört? Zumal ihn der künftige Frisch-Auf-Trainer Ben Matschke für den bevorstehenden krassen Umbruch liebend gerne als Führungsspieler unter vielen Jungspunden weiter an Bord gehabt hätte? „Ich wollte mein Karriereende selbst bestimmen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, mich verstärkt um die Familie zu kümmern, beruflich ein neues Kapitel aufzuschlagen.“ Bereits 2015 hat er sein Sportwissenschaftsstudium abgeschlossen, seine Masterarbeit im Bereich Gesundheitsmanagement steht vor dem Abschluss.

Vorerst kein Job im Verein

Was er künftig genau machen wird, steht noch nicht fest. Überlegungen, eine Tätigkeit im Verein zu übernehmen, haben sich vorerst zerschlagen. Grund: Ein geplantes Projekt von Stadt und Verein mit Kneule ist durch den bisher nicht zustande gekommenen Anbau an die EWS-Arena (mit Räumlichkeiten für verschiedene Trainingsmöglichkeiten) fürs Erste ad acta gelegt. „Ich habe mich beim Arbeitsamt gemeldet, vielleicht mache ich auch mal ein, zwei Monate nichts“, sagt Kneule. Wenn es einer verdient hätte, mal vorübergehend die Beine hochzulegen, dann dieser nimmermüde Dauerbrenner nach 18 Jahren Handball-Bundesliga.