Auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach will die App bald bespielen. Foto:  

Die Bundesregierung will bald auch auf der Kurzvideo-Plattform Tiktok präsent sein. Es ist höchste Zeit, findet Berlin-Korrespondentin Rebekka Wiese.

Karl Lauterbach (SPD) will jetzt mitmachen. Auch einige Kabinettskollegen des Gesundheitsministers denken darüber nach. Sie alle überlegen, sich einen Account auf der Kurzvideo-App Tiktok einzurichten. Die Plattform galt vor ein paar Jahren noch als seltsames Teenager-Phänomen, das viele nicht ernst nahmen. Doch dafür ist Tiktok inzwischen zu mächtig geworden,

 

Mehr als die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen nutzt Tiktok, laut manchen Erhebungen sind es sogar mehr als zwei Drittel. Deutsche Politiker waren bisher nur wenige dabei, schon gar keine Kabinettsmitglieder. Kürzlich aber kündigte Lauterbach an, bald ein eigenes Tiktok-Konto bespielen zu wollen. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich dafür offen. Das war lange ein umstrittener Schritt. Inzwischen ist er überfällig.

AfD besonders präsent

Dass die Bundesregierung, aber auch die meisten Parteien bisher nicht auf Tiktok waren, hatte einen guten Grund. Die App gehört dem chinesischen Konzern Bytedance. Bei ihm landen alle Nutzerdaten – und damit potenziell auch bei der chinesischen Regierung. Doch nicht jeder macht sich um Datenschutz Gedanken. Die AfD ist seit Jahren auf Tiktok präsent – und zwar sehr erfolgreich. Die Videos ihrer Bundestagfraktion haben je Clip fast zehnmal mehr Aufrufe als die anderer Parteien. Es ist einer der Gründe, weshalb die AfD inzwischen auch unter Jugendlichen beliebt ist. Wollen die anderen Parteien dagegen ankommen, müssen sie auf der Plattform präsent sein.

Aber es geht nicht nur um die AfD. Nach dem 7. Oktober verbreiteten sich zahlreiche Clips zum Hamas-Angriff aus Israel – auch falsche oder verzerrte. Es war die Stunde der Islamisten auf Tiktok. Das liegt auch daran, wie die App funktioniert: Jeder und jede kann kurze Videos aufnehmen oder hochladen. Welche man sieht, wählt ein individueller Algorithmus aus. Besonders gut funktionieren emotionale und unterhaltsame Videos. Und vor allem solche, die die eigene Weltsicht bestätigen.

Laut, schnell, unübersichtlich

Es ist ein Problem, das man von vielen sozialen Medien kennt. Tiktok ist allerdings noch unkontrollierter als Facebook oder Instagram. Nicht nur, weil ein chinesischer Konzern dahintersteht, der an demokratischen Grundsätzen wenig Interesse hat. Die App hat die jüngste Zielgruppe, sie ist laut, schnell und unübersichtlich. Eine ideale Plattform für Extremisten.

Trotzdem gibt es gute Gründe, weshalb Tiktok nicht verboten ist. In den USA ist zu sehen, wie schwer das umzusetzen wäre. Das Repräsentantenhaus hat gerade ein Gesetz verabschiedet, um den chinesischen Eigentümer zu einem Verkauf der App zu verpflichten. Tiktok wehrt sich mit rechtlichen Mitteln dagegen, auch die Nutzer protestieren. Der Bundesstaat Montana musste ein schon beschlossenes Verbot wegen Klagen zurücknehmen. In der EU wäre es ebenfalls schwer durchzusetzen. Auch Lügen sind von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Verbot wäre falsch

Es wäre auch inhaltlich falsch, Tiktok zu verbieten. Es ist leicht, die App zu verteufeln. Sie hat aber auch andere Seiten. Tiktok kann kreativ, klug und witzig sein. Und die Plattform ist eine Möglichkeit, um Leute zu erreichen, die sonst keine Nachrichten konsumieren. Dass auch seriöse Accounts Erfolg haben können, zeigt zum Beispiel die Tagesschau: Die hat auf Tiktok 1,4 Millionen Follower.

Um mitzuhalten, sollten andere seriöse Medien nachziehen – und eben auch die Bundesregierung. Sie wird sich ein Konzept überlegen müssen, dem man im besten Fall kaum anmerkt, dass es eines ist. Alles, was unmittelbar und authentisch wirkt, kommt besonders gut an. Karl Lauterbach, der auch auf Twitter früh erfolgreich war, ist womöglich nicht der schlechteste Minister, um das auszutesten. Es wäre jedenfalls gefährlich, Tiktok sich selbst zu überlassen – und damit auch der Desinformation.