Dialog mit einer Rauchschwalbe: Ulrike Läpple hat Emil aufgepäppelt. Am Sonntag darf er zu seinen Artgenossen. Foto: Eva Herschmann

Ulrike Läpple aus Oeffingen päppelt seit gut zwei Wochen eine aus dem Nest gefallene Rauchschwalbe auf.

Oeffingen - Ein Schild an der Wohnungstür warnt Besucher: „Frei fliegender Emil.“ Wer kommt, muss die Tür schnell wieder zumachen. Denn dahinter liegt eine Vogel-Flugzone. Vor wenigen Tagen ist die kleine Rauchschwalbe, die Ulrike Läpple aufpäppelt, flügge geworden.

Am Sonntag will die Oeffingerin ihren Zögling in die Freiheit entlassen

Viel zu schnell für die menschliche Ziehmutter, die das flugunfähige Vogelkind vor Kurzem noch im kleinen, selbst gehäkelten Säckchen, eingebettet in eine Müslischale, gepolstert mit Klopapier, beim Radfahren oder sogar zum Wanderwochenende in den Schwarzwald mitgenommen hat. Am Sonntag will die Oeffingerin ihren Zögling in die Freiheit entlassen. Auch wenn es ihr schwer fällt. Denn Emil, wie der Vogel getauft wurde, hat ihr Herz – und die Herzen der ganzen Familie Läpple – quasi im Flügelschlag erobert.

Vor etwas mehr als zwei Wochen hat Ulrike Läpple den Vogel bekommen. In einem Reitstall im Rems-Murr-Kreis, in dem eine Kollegin ihres Mannes hilft, war der fast noch nackte Piepmatz aus dem Nest gefallen. Versuche, ihn zurückzusetzen, scheiterten am lautstarken Protest der nicht rücknahmewilligen Eltern.

Die Kollegin erinnerte sich, dass Henry Läpple von den Vogelmutter-Qualitäten seiner Frau erzählt hatte.

Unzählige Male am Tag geben sie Emil mit der Pinzette lebende Mehlwürmer

„Tatsächlich habe ich schon eine Elster, eine Amsel und einen Mäusebussard in Pflege gehabt“, sagt Ulrike Läpple. Und nun eben die heimatlose Rauchschwalbe. „Wir haben keine Ahnung, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Aber anfangs hat sich der Vogel beim Essen so dumm angestellt, dass wir beschlossen haben, es ist ein Männchen“, erzählt Ulrike Läpple grinsend.

Zunächst verlangte der kleine Emil ständig nach Nahrung, nun kommt er auch mal ein paar Minuten ohne Fressen aus. Beim Füttern der Rauchschwalbe hilft die ganze Familie. Unzählige Male am Tag geben sie Emil mit der Pinzette lebende Mehlwürmer aus dem Kühlschrank, die in der Wärme der Wohnung rasch munter und zappelig werden. „Wir haben schon alle Spinnen in der Wohnung gefangen und zu ihm getragen, und lassen extra die kleine Biotonne offen, damit wir Fliegen zum Füttern haben, und Emil das Fliegenfangen im Flug üben kann“, erklärt die 47-Jährige. Manchmal erwischt Emil – auf dem Arm von Tochter Ronja über der Biotonne sitzend – tatsächlich das eine oder andere Insekt, das herumschwirrt.

Der Abschied von dem kleinen Vogel, fällt ihr nicht leicht

„Ich hoffe, dass er draußen nicht verhungert“, sagt Ulrike Läpple mit sorgenvoller Stimme. Schließlich muss Emil kräftig sein, wenn er bald Richtung Süden ziehen soll. Im Schimmelhof in Fellbach, wo Don, das Pferd von Ronja Läpple steht, soll Emil an diesem Sonntag wieder in die Vogelwelt finden. „Dort lebt eine Kolonie Rauchschwalben, und er kennt den Stall. Als er noch nicht fliegen konnte, haben wir ihn oft mitgenommen, dann saß er in seiner Häkel-Höhle im Regal, während wir gemistet haben“, erzählt Ulrike Läpple.

Der Abschied von dem kleinen Vogel, für den eine Obst-Etagére als Schwalbenbad zweckentfremdet wurde, fällt ihr nicht leicht. Mit Futter will sie im Stall warten. Sollte der Piepmatz partout nicht zu den Artgenossen wollen, ist Ulrike Läpple nicht traurig. „Dann nehme ich ihn eben wieder mit“, sagt die Ziehmutter.

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