Tierrechtsorganisation Animal Equality „Vegan zu leben liegt seit ein paar Jahren im Trend“

Von David Mairle 

Ria Rehberg und Hendrik Haßel sind seit mehreren Jahren Veganer aus Überzeugung. Mit Animal Equality setzen sie sich für die Rechte von Tieren ein. Foto: Peter Petsch
Ria Rehberg und Hendrik Haßel sind seit mehreren Jahren Veganer aus Überzeugung. Mit Animal Equality setzen sie sich für die Rechte von Tieren ein. Foto: Peter Petsch

Am Mittwoch wird um 18.30 Uhr im Delphi in der Tübinger Straße der Film „Live And Let Live“ (zu Deutsch: Leben und leben lassen) gezeigt. Hendrik Haßel und Ria Rehberg berichten in dem Film über ihre Arbeit bei der Tierrechtsorganisation Animal Equality.

Am Mittwoch wird um 18.30 Uhr im Delphi in der Tübinger Straße der Film „Live And Let Live“ (zu Deutsch: Leben und leben lassen) gezeigt. Hendrik Haßel und Ria Rehberg berichten in dem Film über ihre Arbeit bei der Tierrechtsorganisation Animal Equality.
Stuttgart Was ist Ihr Lieblingsessen?
Hendrik Haßel: Ich esse gern Lasagne mit Gemüse. Oben drauf kommt Béchamel-Soße, um den Käse zu ersetzen.
Ria Rehberg: Mein Lieblingsessen ist Gyros aus Sellerie und Seitan (Anm. d. Red: Seitan ist Fleischersatz aus Weizen).
Sie leben seit mehreren Jahren vegan. Wie ist es dazu gekommen?
Ria Rehberg: In einer Vorlesung habe ich mich gefragt: Wie hätte ich mich in einer Zeit verhalten, in der manche Menschen versklavt und ihrer Rechte beraubt wurden? Mir wurde bewusst, dass genau das heute mit Tieren gemacht wird.
Hendrik Haßel: Ich hatte in der Schule eine Klassenkameradin, die Vegetarierin war. Deswegen habe ich das einfach mal eine Zeit lang ausprobiert. Und wenn man einmal aufgehört hat, Fleisch zu essen, kann man die Argumente für den Vegetarismus und den Veganismus leichter akzeptieren.
Müssen Sie schräge Sprüche ertragen?
Hendrik Haßel: Früher schon. Da haben viele die gleichen Witze gemacht. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dass es eher positiv besetzt ist, wenn jemand sagt: Ich esse keine Tiere.
Ria Rehberg: Es hat definitiv ein Wandel stattgefunden. Die meisten meiner Freunde und Bekannten unterstützen mich in der Entscheidung und halten es für richtig.
Hendrik Haßel: Ich habe sogar erlebt, dass einige der Witzereißer jetzt kommen und Tipps wollen, um vegan zu leben.
Ria Rehberg: Das liegt auch gerade voll im Trend, seit der Veganismus das genussfeindliche Image losgeworden ist.
Ist es nicht unglaublich schwer, immer darauf achten zu müssen, ob man gerade ein tierisches Produkt isst?
Ria Rehberg: Am Anfang muss man sich schon informieren, was man essen kann und was nicht. Aber das hat man schnell drauf. Es gibt für jedes Gericht einen Ersatz.
Hendrik Haßel: In Großbritannien hat man das an dem Projekt Veganuary gesehen. 3000 Menschen haben einen Monat lang vegan gelebt. Am Ende des Monats haben in einer Umfrage die meisten gesagt, dass es eigentlich ganz leicht war.
Ria Rehberg: Und etwa die Hälfte der Teilnehmer hat sich nach dem Projekt entschieden, Veganer zu werden.
Hendrik Haßel: Mich hat überrascht, dass in vielen Produkten Milchpulver oder Eier enthalten sind. In manchen Kartoffelchips zum Beispiel. Obwohl man keinen Unterschied schmeckt zu den Sorten ohne. Da habe ich mich auch gefragt, warum man das nicht einfach weglassen kann.
Ria Rehberg: Und manche Weine sind nicht vegan, weil sie mit Gelatine geklärt werden. Veganismus geht aber über das Essen hinaus. Wir achten auch darauf, kein Leder und keine Wolle zu tragen.
Sie sind nicht nur Veganer, sondern auch Umwelt-Aktivisten.
Ria Rehberg: Ja, wir arbeiten bei Animal Equality. Das ist eine Tierrechtsorganisation, die 2006 in Spanien gegründet wurde und in sechs Ländern aktiv ist. Hauptberuflich versuchen wir das aufzudecken, was die Industrie eigentlich vor der Öffentlichkeit geheim halten will. In England hat Animal Equality zum Beispiel an die Öffentlichkeit gebracht, wie in einem Mastbetrieb Schweine geschlagen wurden. Es gab einen Prozess, und der Betrieb musste schließen.
Hendrik Haßel: In Deutschland haben wir öffentlich gemacht, wie die Affen im Schwabenpark behandelt werden. Dort gibt es die letzte Schimpansen-Show in Europa. Die Tiere werden dafür gezüchtet und nach der Geburt den Müttern entrissen. Wir haben mit vielen Experten gesprochen, und die waren entsetzt. Jetzt darf der Park keine Schimpansen mehr züchten, und die Show muss in zehn Jahren aufhören.
Ria Rehberg: Oft stehen wir auch mit Info-Ständen in der Königstraße. Viele Leute sind schockiert. Man muss den Menschen einfach bewusst machen, dass sie mit ihrem Konsumverhalten die Macht haben, über Leben und Tod von Tieren zu entscheiden. Für jeden Veganer müssen in Deutschland pro Jahr 120 Tiere weniger sterben.
Und über Animal Equality sind Sie dann auch in dem Film „Live And Let Live“ gekommen?
Hendrik Haßel: Genau. Der Film ist von Marc Pierschel, der zuvor schon ein Buch über den Veganismus geschrieben hat. Aber mit Bildern kann man das Thema viel eindrücklicher darstellen. Der Film zeigt die ethischen, gesundheitlichen und ökologischen Aspekte des Veganismus auf.
Ria Rehberg: Und für den Ethik-Teil wollte er sich mit uns unterhalten und hat uns auch bei einer offenen Befreiung begleitet.
Was ist eine offene Befreiung?
Hendrik Haßel: Wir sind nachts in eine Freilandhaltung von Hühnern eingedrungen. Dadurch konnten wir zum einen die Zustände dort zeigen und haben außerdem sechs Hühner befreit. Das Besondere an einer offenen Befreiung ist, dass man sein Gesicht offen zeigt. Der rechtlichen Konsequenzen sind wir uns immer bewusst, wie bei einer Aktion zivilen Ungehorsams.
Gab es einmal rechtliche Konsequenzen?
Hendrik Haßel: Bisher nicht, aber das kann immer sein. Doch in einem Prozess könnten wir auf diese Spannung zwischen Recht und Moral hinweisen.
Ria Rehberg: Außerdem gibt es mehrere Urteile, in denen Umwelt-Aktivisten freigesprochen wurden. Das Gericht hat bestimmt, dass man das Gesetz brechen darf, wenn die aufgedeckten Zustände von öffentlichem Interesse sind.
Führt Veganismus zu Mangelernährung?
Ria Rehberg: Das glauben viele, stimmt aber nicht. Es gibt viele Spitzensportler, die sich bewusst für eine vegane Lebensweise entscheiden. Also Leute, die sich wirklich gut auskennen und mit Ernährungsberatern zusammenarbeiten.
Wenn eine Katze eine Maus frisst, findet das niemand unethisch.
Hendrik Haßel: Stimmt. Aber wir wollen nicht die Maßstäbe eines Raubtieres auf uns übertragen. Löwenmännchen fressen junge Löwen, das machen Menschen auch nicht. Und falls doch, ist ganz klar: Das ist falsch. Wir haben gewisse Vorstellungen davon, was man darf und was nicht. Man darf keine Menschen töten oder versklaven. Diese Ethik wollen wir auf alle Tiere übertragen.
Jetzt vermenschlichen Sie die Tiere aber.
Hendrik Haßel: Das stimmt nicht. Es geht uns nicht um Menschenrechte für Tiere, sondern um Tierrechte. Darum, dass wir den Bedürfnissen der Tiere entsprechend handeln.
Ria Rehberg: Schweine sind sogar so intelligent, dass sie Videospiele spielen können. Das ist viel mehr, als ein Hund kann. Trotzdem werden in Deutschland Schweine gegessen und Hunde nicht. Das finden wir falsch. Das heißt aber nicht, dass mein Hund wählen dürfen sollte, das wäre ja absurd.
Sie haben einen Hund – lebt der auch vegan?
Ria Rehberg: Ja, natürlich. Und dem geht es sehr gut damit. Er ist nur ein wenig zu dick, aber das kriegen wir in den Griff.

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