Thomas Porada wollte einer bruchgelandeten Taube zu Hilfe eilen. Doch die beiden trennte ein Zaun. Foto:  

Ein Tierfreund aus Stuttgart-Asemwald wollte einen Vogel auf dem Gelände der Kelley Barracks retten. Doch er durfte nicht. Selbst dann nicht, als er anbot, sich komplett zu entkleiden.

Möhringen/Asemwald - Beim Thema Sicherheit verstehen die Vereinigten Staaten von Amerika keinen Spaß. Das musste Thomas Porada am 30. Dezember erfahren, als er kaum etwas unversucht ließ, um aufs Gelände der Kelley Barracks zu kommen – jenem US-Hoheitsgebiet, das als Militärbasis unter anderem für Auslandseinsätze in Afrika dient.

Dabei war die Absicht des 57-jährigen Bibliothekars, der in Schorndorf arbeitet und im Asemwald wohnt, wohl kaum staatsgefährdend: Eine Taube – Porada vermutet, dass es sich um eine Brief- oder Ringeltaube gehandelt haben könnte – war in Not geraten. „Zwei Nachbarinnen, die auf einem Feldweg am Zaun der Barracks spazieren waren, bemerkten das Tier“, sagt Porada. Sie unterrichteten den Tierfreund – der sich umgehend mit einem Käscher bewaffnete und in die klirrende Kälte begab.

Kein Zutritt für den Tierfreund

Als Türöffner eignete sich das Rettungsgerät aber nicht, als Porada die notleidende Taube erreichte, von der er durch den Zaun des Militärgeländes getrennt war. „Als ich vor Ort eintraf, sah ich sofort, dass es dem Tier sehr schlecht ging. Also spurtete ich auf die andere Seite des Geländes zum Haupteingang der Kelley Barracks, wo ich am Tor der deutschen Security mein Anliegen schilderte“, sagt Porada. Jedoch: Der Mann habe keinen Zweifel daran gelassen, dass er nichts machen könne. Porada dürfe auf keinen Fall auf das Gelände.

Nachdem er sich nicht abwimmeln ließ, habe ihm der Schichtleiter – laut Thomas Porada ebenso höflich wie sein Untergebener – ebenfalls zu verstehen gegeben, dass für das Tier nichts getan werden könne.

Doch Porada blieb hartnäckig. Er kämpfte so lange um Einlass, bis das Pfortenpersonal die Militärpolizei und die deutsche Polizei benachrichtigte.

Menschenauflauf bildet sich

Die Amerikaner waren schneller vor Ort. Ein voll ausgerüsteter Officer mit offensichtlich schusssicherer Weste kam dazu. „Auch er erklärte mir, dass für das Tier nichts getan werden könne – wartete aber mit mir auf die deutsche Polizei“, so Porada. Die traf schließlich ein.

Der Menschenauflauf mittlerweile: vier deutsche Polizeibeamte, drei Offiziere der amerikanischen Militärpolizei, die Mitarbeiter des deutschen Sicherheitsdienstes und Thomas Porada. Doch auch das Gespräch zwischen den amerikanischen und deutschen Polizisten hatte zum Ergebnis, dass es für die Taube zumindest durch Porada keine Hilfe gab. Auch sein Vorschlag, Personalausweis und Autoschlüssel als Pfand zu hinterlegen, nützte nichts.

Schon viele Tauben gerettet

„Ich erklärte, dass ich mich allen Bedingungen vorbehaltlos unterwerfen würde, um das Tier zu retten“, sagt Porada, „ich wäre sogar dazu bereit gewesen, mich notfalls vollständig auszuziehen, um zu zeigen, dass ich kein Sicherheitsrisiko darstelle, und um dann nackt in der Kälte nach dem Tier zu schauen.“ Aber die Amerikaner blieben hart.

Es wäre nicht die erste Taube gewesen, die Porada gerettet hat. „Das waren mit Sicherheit über hundert“, sagt er. Er halte die Augen offen – wenn ihm ein Tier in Not begegne, versuche er, es einzufangen, um es zum städtischen Tiernotdienst zu bringen. Seit 14 Jahren handle er so.

Unklarheit um Zuständigkeiten

Die Stuttgarter Polizei tat das nicht, obwohl sie rechtlich die Befugnisse hat, den Teil der Kelley Barracks uneingeschränkt zu betreten, wo die Taube kauerte. „Damit, dass die Beamten die amerikanische Polizei über den Vorfall in Kenntnis gesetzt haben, hat die Polizei nach Dienstvorschrift gehandelt“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann. Da die Taube auf amerikanischem Boden und nicht auf deutschem bruchgelandet sei, liege die Zuständigkeit für den Fall ganz klar bei der Militärpolizei. Die Kelley Barracks arbeiten noch an der Aufarbeitung des Vorfalls und waren darum noch zu keiner Stellungnahme für die Presse bereit.

Tier am nächsten Morgen verschwunden

Für Thomas Porada sind das Ausreden: „Was ich vermisst habe, war das Bemühen und das Suchen nach einer Lösung, um ein Tier zu retten“, sagt er. Jeder habe sich nur hinter Anordnungen und Befehlen versteckt.

Für die Taube besteht zumindest die Chance, es vielleicht doch noch geschafft zu haben. Am nächsten Tag wollte Porada noch mal nach dem Vogel sehen. „Das Tier kauerte dort jedoch nicht mehr auf dem Boden“, sagt er. Im besten Fall ist die Taube weggeflogen – im schlechtesten hat sie der Fuchs geholt.

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