In Thailands Hauptstadt sind Schlangen so weit verbreitet wie lange nicht mehr. Foto:  

Schlangen verbreiten in Bangkok Angst und Schrecken. Und sitzen oft und gerne in Toiletten.

Bangkok - So hatte sich der 38-jährige Attaporn Bonnmakchuay einen Kampf auf Leben und Tod nicht einmal in den wildesten Träumen ausgemalt. Er hockte am frühen Morgen nichts ahnend auf seiner Toilette, als ihn ein heftiger Schmerz durchfuhr. „Es fühlte sich an, als sei mein Penis abgeschnitten worden“, erzählte er später im Krankenhaus. In Wirklichkeit hatte ein drei Meter langer Python aus der Kloschüssel in Chanchoengsao, einem Industrievorort von Bangkok, zugegriffen. „Der hat kräftig an mir gezerrt“, schilderte Attaporn seinen Ringkampf.

Seine Ehefrau reagiert auf die Hilfeschreie des Arbeiters und fesselte den Kopf der Würgeschlange, damit sie nicht wieder in der Toilettenschüssel verschwinden konnte. Attaporn gelang es irgendwie, die Kiefer des Tiers auseinander zu drücken. Danach fiel er wegen des hohen Blutverlustes in Ohnmacht.

Attaporn erholte sich schnell, während seine geistesgegenwärtige Gattin und Kinder sehr viel länger unter Schock standen. Fernsehbilder des Dramas zeigten eine blutbesudelte Toilettenschüssel. Die Feu­erwehr hatte sie ausbauen müssen, um des Pythons habhaft zu werden – und ihn später in freier Wildbahn wieder auszusetzen.

Pfauen im Garten vertreiben Schlangen

Pythons bringen Glück, glaubt Thailands Volksmund – auch wenn Attaporn Bonnmakchuay nach seinem alle Männer dieser Welt terrorisierenden Kastrationsalbtraum im stillen Örtchen anderer Meinung sein kann. Taucht eine Würgeschlange im Garten auf, versuchen die Grundstücksbesitzer mit viel Mühe, den Python auf die sanfte Tour zu vertreiben. Bei Kobras oder Vipern kennen Thailänder trotz buddhistischen Gebots, keine Lebewesen zu töten, dagegen wenig Gnade. Sie werden kurz entschlossen erschlagen oder zerhackt.

Auch Peter Prügel, Berlins Botschafter in Thailand, muss sich vor Giftschlangen hüten. Er hält sich wohlweislich an die Tradition seiner Vorgänger. Im weitläufigen Garten seiner Residenz leben ein paar Pfauen. Die Vögel mit ihren prächtigen Federn sind dank ihrer krächzenden Verlautbarungen zwar Nervensägen, aber Schlangen gelten ihnen als Leckerbissen, und sie sorgen so für einen weitgehend schlangenfreien Garten, um Gästen unangenehme Naturerlebnisse zu ersparen.

In der Millionenmetropole Bangkok vergessen Ausländer und Einheimische freilich oft, dass sich Schlangen in dem früheren Sumpf schon zu Hause fühlten, als Thailands Hauptstadt noch im 80 Kilometer nördlich gelegenen Ayuthaya angesiedelt war. Sie fallen nahezu in Ohnmacht, wenn sie in ihren Hochhausapartments oder Gartenvillen plötzlich einer der 200 Reptilienarten begegnen, die es in Thailand natürlicherweise gibt.

Die Feuerwehr wird öfter wegen Reptilien alarmiert als wegen Bränden

Viele Ausländer und manche Thailänder hüten sich im Asphaltdschungel Bangkoks eher vor Keimen als vor Schlangen. Kobras, Pythons, Vipern und andere giftige und ungefährliche Schlangen haben sie selten auf der Alarmliste – jedenfalls bis zum ersten unausweichlichen Zusammentreffen im tropischen Betonlabyrinth. Abflussrohre dienen Schlangen als ideale Leitern, um selbst weit oben im 26. Stockwerk eines Wolkenkratzers auf der Einkaufsmeile Sukhumvit Familien in Angst und Schrecken zu versetzen.

Bangkoks Feuerwehr kann ein Lied über das Schlangenparadies Bangkok singen, die mit ihren vielen Ratten und anderem Ungeziefer zudem ein ideales Jagdrevier für deren natürliche Feinde bildet. Die Feuerwehrmänner wurden bis Ende November schon 31 900-mal angerufen, um Schlangen zu fangen. Statt Tanks für Löschwasser, so der Volksmund, sollten die grellroten Autos lieber genügend Schlangenkäfige mitnehmen. Den Grund erklärt eine Statistik: An einem Tag, an dem es 173 Schlangenalarme gab, wurde die Feuerwehr nur fünfmal zu Bränden gerufen.

Die Zahlen legen den Verdacht nahe, dass nicht nur die Politik unter der seit drei Jahren herrschenden Militärdiktatur, sondern ganz Bangkok zu einer reinen Schlangengrube wurde. 2016 musste 29 919 panische Einwohner vor Schlangen gerettet werden, 2012 gab es nur 10 492 Alarme. Die steigenden Zahlen führen Experten auf Bangkoks Bauwut zurück.

In der Umgebung von Häusern gibt es für die Schlangen viel Beute

Im Ballungsraum Bangkok mit seinen geschätzt 20 Millionen Menschen entstehen immer neue Wohnparks auf der grünen Wiese. In der Regenzeit suchen Kobras und andere Schlangen sich gerne ein trockenes Plätzchen – und die gibt es oft in Häusern. Der Python, der durch die Toilette kroch, gelangte wahrscheinlich durch ein beschädigtes Abwasserrohr an den Allerwertesten von Attaporn. Er war wohl auf Beutezug, weil es in der Umgebung von Wohnsiedlungen häufig von Ratten und anderem Ungeziefer wimmelt.

Wer in Thailand auf dem Land aufgewachsen ist, vergisst auch in Bangkok die wichtigsten Regeln nicht. Selbst barfuß im kurz geschnittenen Gras kann es lebensgefährlich werden. Schlangen können überall auftauchen. Diese Erfahrung machte auch ein junger Deutscher, der spätabends reichlich angeheitert die Gartenpforte zu seinem Grundstück verpasste, leicht daneben im Gebüsch landete und gebissen wurde. „Es fühlte sich an, als ob ein Hund mich erwischt hatte.“ Seine Lebensgefährtin brachte ihn geistesgegenwärtig samt erschlagener Giftschlange in der Plastiktüte zum nächsten Krankenhaus. Die Ärzte konnten das richtige Serum auswählen und dem Mann so das Leben retten. Er war von der Giftattacke so geschwächt, dass er drei Tage lang einen Rollstuhl benötigte.

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