Katzen werden am häufigsten von Tier-Sammlern gehalten Foto: dpa

„Polizei findet Frau mit 39 verwahrlosten Katzen“ oder „Mit 50 Ratten in einer Wohnung“ – Schlagzeilen wie diese waren in den vergangenen Wochen häufig zu lesen: Besonders allein stehende Frauen sind von der Krankheit betroffen.

„Polizei findet Frau mit 39 verwahrlosten Katzen“ oder „Mit 50 Ratten in einer Wohnung“ – Schlagzeilen wie diese waren in den vergangenen Wochen häufig zu lesen: Besonders allein stehende Frauen sind von der Krankheit betroffen.

Stuttgart - In ihrer Tasche steckt immer eine Flasche Pfefferminzöl. Sonst hält Heike Roloff den Gestank nicht aus. Die Stuttgarter Amtstierärztin ist dabei, wenn Wohnungen von Tiersammlern geräumt werden. „Manchmal ist der Gestank nach Kot und Urin so schlimm, dass man schon vor der Tür einen Brechreiz bekommt“, sagt sie. Das Bild, welches sich Roloff und ihren Kollegen in solchen Wohnungen bietet, ist oft erschreckend: Der Boden ist über und über mit Fäkalien bedeckt, dazwischen liegen Kadaver. „Die lebenden Tiere selbst haben Flöhe, Hautpilze, Schnupfen“, sagt die Tierärztin. Außerdem seien sie unterernährt.

Tier-Messies werden solche Menschen genannt, die zu viele Hunde, Katzen oder Ratten in zu kleinen Wohnungen halten und sich nicht um sie kümmern. Der Begriff Messie kommt vom englischen Wort „mess“, das Chaos oder Unordnung bedeutet. Für Tierfreunde wie Marius Tünte vom Deutschen Tierschutzbund ist es angesichts der verwahrlosten Katzen, Hunde oder Kaninchen schwer einzusehen, dass Tier-Messies krank sind. Dennoch betont er: „Dieses Verhalten muss als Krankheit anerkannt werden. Nur so kann man Mensch und Tier helfen.“

Menschen, die Katzen oder Hunde unkontrolliert sammeln, haben das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Tiere verloren, sagt Psychiaterin Christa Roth-Sackenheim. „Sie ignorieren, dass es stinkt und die Tiere nicht ausreichend versorgt sind. Viele möchten etwas Gutes tun, wenn sie Tiere aufnehmen.“ Doch schnell wächst ihnen die Versorgung über den Kopf. Hinzu kommt, dass die Tiere in den meisten Fällen nicht kastriert sind, ihre Zahl steigt unkontrolliert.

In den USA ist das Phänomen des „animal hoarding“, auf Deutsch „Tiere sammeln“, seit Anfang der 1990er Jahre bekannt. ­Wissenschaftler einer interdisziplinären Arbeitsgruppe haben drei Typen von „Tiersammlern“ klassifiziert: Der Pfleger-Typ schottet sich ab. Er hat keine Kontrolle über sein Leben, die Tiere verwahrlosen und vermehren sich unkontrolliert. Der Retter-Typ dagegen ist überzeugt, dass er die Tiere retten muss. Der Tierbestand wächst immer weiter, weil immer mehr aufgenommen werden. Nach und nach verliert der Tiersammler den Überblick und schafft es nicht mehr, die Tiere zu versorgen. Der Retter-Typ lehnt meistens das Einschläfern von kranken Tieren ab. Er ist nicht sozial isoliert, sondern steht mitten im Leben. Der dritte Typ ist der Züchter. Er beginnt meist mit der Zucht von Hunden und Katzen. Diese läuft aus dem Ruder. Der Tierbestand wächst. Die Forscher weisen darauf hin, dass es Übergänge zwischen den einzelnen Typen gibt.

Die Ursachen für das massenhafte Halten von Tieren sind unterschiedlich. „Es gibt ­Parallelen zum Suchtverhalten“, sagt Roth-Sackenheim. Die Betroffenen haben keinen Nutzen, würden aber viel Geld investieren. „Viele wollen sich aber auch nur um jemanden kümmern und bekommen durch das Tier wieder einen Sinn im Leben“, sagt sie.

Auch das Umfeld spiele eine Rolle. Die Wissenschaftlerin Tina Sperlin von der Tierärztlichen Hochschule Hannover schreibt in ihrer Dissertation, dass zwei Drittel der Tier-Messies alleinstehende Frauen mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren sind. Das Tier wird zunächst als Trost oder Ersatz für einen Partner gesehen, bis das Tier selbst zum Opfer wird.

Das Elend der Tiere fängt nach Einschätzung von Tierärztin Roloff da an, wo der Mensch sich nicht mehr um die Tiere kümmert. „Die Anzahl der Katzen oder Hunde ist dabei zweitrangig“, sagt sie.

Aufmerksam wird das Veterinäramt auf Tier-Messies meist durch Nachbarn oder durch Handwerker, die den Strom ablesen wollen. Zusammen mit dem städtischen Tiernotdienst fährt Roloff zur Wohnung. Dort wird die Ärztin zur Psychologin: „Es erfordert viel Geschick, damit die Menschen uns hineinlassen.“ Viele seien verwirrt und würden nicht verstehen, warum jemand die Tiere abhole. „Andere sind glücklich, dass endlich jemand zur Hilfe kommt.“

Wenn niemand zu Hause ist und man durch ein Fenster sehen kann, dass es den Tieren sehr schlecht geht, öffnet die Feuerwehr die Tür. Dann wird die Wohnung leer geräumt. Das ist gerade bei Kleintieren oder Katzen nicht immer ganz einfach. „Mäuse oder Ratten sitzen im Sofa, Katzen kriechen hinter die Badenwannenverkleidung“, sagt Roloff. Wenn dann nur ein schwangeres Weibchen zurückbliebe, gehe das Elend von vorne los.

Oftmals haben es die Tierschützer auch mit Wiederholungstätern zu tun. „Wenn wir merken, dass der Betroffene zwei Lieblingstiere hat, bekommt er sie zurück“, sagt sie. Dafür müssen aber zwei Bedingungen erfüllt sein: Die Tiere kehren erst zurück, wenn sie kastriert wurden und der Besitzer regelmäßigen Kontrollen zustimmt.

Um die Tiere zu schützen, kann die Tierschutzbehörde auch ein Tierhalteverbot aussprechen, welches nach einer Therapie auch wieder aufgehoben werden kann. In härteren Fällen dürfen Tiersammler fünf Jahre keine Tiere halten. Die Tiere aus Messie-Haushalten werden von Tierheimen oder Gnadenhöfen aufgenommen. Die Kosten tragen die Tierheime. Tierschützer fordern von den Kommunen mehr finanzielle Hilfe. „Der Umgang mit diesen Tieren ist nichts für unerfahrene Menschen“, sagt Marius Tünte vom Tierschutzbund. 60 Prozent aller Tieren seien krank, viele müssten eingeschläfert werden. Und manche seien so verhaltensgestört, dass sie nie an eine normale Familie abgegeben werden könnten.

Auch der Mensch braucht Hilfe. „Viele sind aber erst zu einer Therapie bereit, wenn sie einsehen, dass ihr Verhalten gestört ist“, sagt die Psychiaterin Roth-Sackenheim. Sonst würden sie schnell wieder mit 40 Katzen unter einem Dach leben.

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