Eindrücke vom Ilmtal-Radwanderweg in Thüringen. Foto: FWL

Wer auf dem Ilmtalradweg  Ilmtalradweg unterwegs war, möchte allzu gerne zurückkommen.

Allzunah liegt fern der Welt. Eine Handvoll schiefergeschindelte Häuschen dämmern in diesem Örtchen vor sich hin – in einer kleinen Lichtung ganz oben am Kamm des Thüringer Waldes. Als Genussradler kommt man sich auf der Terrasse des kleinen Gasthauses etwas verloren vor. Umgeben sind wir von Mountainbikern in dreckbespritzten Kampfanzügen, die sich den Rennsteigradweg als Härtetest auserkoren haben. Dass wir mit der Bahn heraufgekommen sind und nun ganz unbeschwerlich ins Ilmtal hinunter radeln wollen, behalten wir da lieber für uns.

Warum gerade der thüringische Ilmtal-Radwanderweg? Nun, ganz einfach: Bei einer der vielen Studien, mit denen zur Zeit der boomende Radtourismus untersucht wird, hat dieser Unbekannte unter den Flussradwegen die bekanntere Konkurrenz weit hinter sich gelassen: Mehr als zwei Drittel derjenigen, die die 125 Kilometer bis zur Saale-Mündung bisher abradelt hatten, wollten diese Route weiterempfehlen, und jeder zweite gab an, die Strecke noch ein weiteres mal fahren zu wollen.

Warum der Ilmtal-Radweg soviel Zuspruch erfährt, beginnt man schon auf den ersten Kilometern zu ahnen: Die Mittelgebirgslandschaft ist von einer faszinierenden Ursprünglichkeit. Außer Vogelgezwitscher hört man nur das Rauschen des Wildbachs, der in unzähligen Mäandern talwärts strömt. Noch idyllischer wird es, wo sich Taubach und Lengwitz zur Ilm vereinigen. Nun geht es durch Feuchtwiesen, in die sich der schmale Naturweg perfekt einpasst. Überall gluckst es, Frösche schauen aus dem Wasser und tauchen ab, wenn man ihnen zu nah kommt. Dann rollen wir am Waldsaum auf einem Teppich von Tannennadeln dahin. Kaum zu glauben, dass man auf einem ausgewiesenen Radfernweg der Natur noch so nahe kommt.

Am Marktplatz von Ilmenau sitzt Goethe einsam auf einer Bank. Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar, sein Freund und Arbeitgeber, hatte ihn seinerzeit in das Bergbau-Städtchen geschickt, um ein funktionierendes Steuersystem zu installieren und die Kupfer- und Silberminen wiederzubeleben. Während seiner zahlreichen Besuche wohnte er im Obergeschoss des Amtshauses, vor dem er jetzt als Bronzefigur Platz genommen hat. Zahllose Spaziergänge führten den begeisterten Naturforscher an das Flüsschen, in kaum betretene Seitentäler und hinauf ins waldreiche Gebirge.

Mit jeder Pedalumdrehung dringen wir nun tiefer in die deutsche Geistesgeschichte ein. Schließlich liegt das Ilmtal nicht nur geographisch im Herzen Deutschlands – von hier gingen Ende des 18. Jahrhunderts auch die entscheidenden Impulse für Literatur, Kunst und Musik aus. Ermöglicht wurden sie von einem jener kleinen Fürstentümer, die sich mit Dichtern und Denkern schmückten. Die zentrale Rolle spielte natürlich Weimar, Goethes eigentliche Wirkungsstätte. Doch da sind wir noch lange nicht.

Einstweilen geht es weiter der Ilm entlang. Mal auf Asphalt, mal auf dem weißen Band gut befestigter Flurwege, die mit feinem Kalksplitt bestreut sind. Der kleine Wildbach hat sich zu einem mit Weiden und Erlen gesäumten Flüsschen gemausert, das immer wieder auf Stegen und historischen Brücken gekreuzt wird. Dass die primäre Fortbewegungsart des modernen Menschen das Autofahren ist, mag man kaum noch glauben: Die Sträßchen, die der Radweg quert und gelegentlich auch mal für kurze Zeit benutzt, haben fast alle nur lokale Bedeutung. Das Dauerrauschen von Schnell- und Umgehungsstraßen ist nirgendwo zu hören – im Gegensatz zu vielen Flusstälern des Westens.

Die Mittagspause machen wir in Stadtilm, auf dem größten Marktplatz Thüringens. Das Städtchen besticht durch die mittelalterliche Marienkirche und das opulente Rathaus, das bis zur Reformation ein Zisterzienser-Nonnenkloster war. Wer sich in den Straßen und Gassen etwas genauer umschaut, wird allerdings nachdenklich: Von blühenden Landschaften kann in diesem Teil des Ostens keine Rede sein. Neben einigen herausgeputzten Häusern findet sich viel Leerstand und Verfall. Schlimmer noch in Kranichfeld, in dem zwei mittelalterliche Burgen vom desolaten Stadtbild ablenken. Für junge Thüringer liegt der Westen zu nah, um nicht wegzugehen.

Nach Kranichfeld wird es wieder gebirgiger. Plötzlich ragen senkrechte Karstfelsen aus dem Wald hervor. Am spektakulärsten ist das Landschaftsbild in der Gegend von Buchfart. Eine uralte holzgedeckte Brücke überspannt hier die Ilm, direkt daneben dreht das Riesenrad einer restaurierten Getreidemühle geduldig seine Kreise.

In Weimar hat sich Schiller zu Goethe gesellt. Vor dem Deutschen Nationaltheater stehen ihre Bronzefiguren überlebensgroß und kollegial nebeneinander. Jede Gasse atmet das kulturelle Leben der deutschen Klassik. Stadtschloss, Wittumspalais, Anna Amalia-Biblithek, Nietzsche Archiv, Goethes Wohnhaus am Frauenplan, sein Gartenhaus – alles Punkte eines kulturtouristischen Pflichtprogramms, das der Radreisende nicht wirklich erfüllen kann. Eine der Ausstellungen zum laufenden Bauhaus-Jahr sollte man sich aber wenigstens anschauen. Nach dem Trubel der Kulturstadt sind wir dankbar für stillere Orte wie Schloss Tiefurt. Auf schmalem Weg geht es durch einen weitläufigen Park, durch den die Ilm ihre Mäander zieht. Fast jedes Dorf hat nun ein abgehalftertes Schloss und eine halbwegs gepflegte Parkanlage. Das eindrucksvollste Ensemble ist der noble Gutshof von Oßmannstedt, in den sich Wieland vor dem Lärm und den Intrigen des Weimarer Hofes zurückgezogen hatte. Versteckt im Park steht des Dichters Grabmal – an einer markanten Biegung des Flusses.

Inzwischen sind uns zwei weitere Trümpfe des Ilmtalradwegs bewusst geworden: Die beispiellose Fülle der kulturgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten am Wegrand und die niemals langweilig werdende Wegführung. Statt den zweifelhaften Charme einer monotonen Zweiradautobahn bietet die Route eine belebende Mischung aus verschiedenen Wegtypen, wobei sie fast immer autofrei und vor allem stets fluss- und naturnah verläuft. Natürlich ist diese Kleinräumigkeit nichts für Jedermann: Wer breite Asphaltbänder sucht, auf denen er reibungsfrei ans Ziel eilen kann, wird an der Ilm wenig Freude haben. Immerhin besteht die Route zu einem Drittel aus Schotter-, Pflaster- und Naturwegen, auf denen es auch immer mal wieder kleinere Anstiege gibt.

Auch in gastronomischer Hinsicht braucht man hin und wieder Langmut. Bald nach Weimar tut sich ein Niemandsland auf, in dem es stundenlang keine attraktive Einkehrmöglichkeiten mehr gibt. Um so größer ist die Freude dann in Eberstedt. Hier wurde die historische Ölmühle zu einem gemütlichen Restaurant umgebaut. Auf einer verwegenen Terrassenkonstruktion sitzen wir direkt über dem Mühlrad, eingehüllt in den beruhigenden Klangteppich des Wasserrauschens. Der Blick fällt in die liebliche Ilmtalaue und auf das schwimmende Hüttendorf, in dem Radler für kleines Geld übernachten können.

Erfreulich viel Innovation auch im nahen Bad Sulza. Der nicht gerade taufrische Kurort hat mit der Toskana-Therme eine architektonische Perle erhalten. Das System der Unterwassermusik verspricht nicht nur die totale Entspannung, sondern liefert sie auch. Nach einem Tag im Sattel genau das richtige Abendprogramm. Vom Außenbereich der Saunaanlage sieht man auf ein verloren dastehendes Fachwerkgebäude hinunter. Es ist jene 1:1-Kopie von Goethes Gartenhaus, die im Kulturstadtjahr im Weimarer Ilmpark stand. Die Unesco drängte darauf, dass dieser Fremdkörper möglichst schnell wieder aus dem Welterbeareal verschwand. So baute man es einfach neben der 40 Kilometer entfernten Toskana-Therme wieder auf. Für Christian Lohmann, den Geschäftsführer, ist es das Symbol einer Verbindung der Kulturhauptstadt mit ihrem stillen Umfeld – einer jener Leuchttürme der darbenden Provinz, die zum Glück immer zahlreicher werden.

In Großherigen, keine fünf Kilometer von Bad Sulza entfernt, sind wir am Ziel. Nachdem sie eine letzte historische Holzbrücke unterquert hat, fließt die immer noch kleine Ilm in die auch nicht viel größere Saale. Jetzt erst entsteht ein Fluss, der diesen Namen verdient. Doch mit den bescheidenen Dimensionen geht wohl auch die Beschaulichkeit verloren, die Goethe am Ilmtal so geliebt hat – und die auch den heutigen Radwanderer begeistert. Wir jedenfalls wüssten, was wir sagen würden, wenn uns jetzt ein Meinungsforscher über den Weg liefe.

Info Anreise: Mit ICE und IC nach Erfurt. Von dort Regionalbahn nach Ilmenau, in etwa stündlich, auch am Wochenende, dann fährt die Bahn bis Stützerbach weiter. Fahrzeit: 50 Minuten. Die Mitnahme von Rädern ist in den Nahverkehrszügen der DB im Rahmen vorhandener Kapazitäten in Thüringen kostenfrei. Ab sechs Fahrrädern die Mitnahme über die Servicehotline anmelden: Tel. 0 18 05 / 99 66 33 (0,14 Euro/Min). Von Ilmenau aus nimmt man die Buslinie 300 und fährt bis zur Kreuzung Rennsteig. Die Busse des Ilmenauer Omnibusverkehrs nehmen Fahrräder mit. Von der Kreuzung Rennsteig sind es ca. zehn Minuten mit dem Fahrrad bis zum Ausgangspunkt des markierten Radfernweges in Allzunah.

Fahrräder mit schmalen Reifen eignen sich nicht, am besten sind Trekkingräder. Mountainbike-Profile braucht es aber ebenfalls nicht.

Übernachten: Hotel Café Kipperquelle, das erste Radfahrerhotel Thüringens, nahe Weimar. Tel. 0 36 43 / 80 88 88, http://www.kipperquelle-weimar.de; Hotel an der Therme, Bad Sulza, Tel. 03 64 61 / 92000, http://www.toskanaworld.net; Hotel-Pension Melanie in Ilmenau, Tel. 0 36 77 / 20 52 90, http://www.pension-melanie.de

Auskunft: Zum Radwanderweg unter http://www.ilmtal-radwanderweg.de; Tourist Information Thüringen, Tel. 03 61 / 3 74 20, http://www.thueringen-tourismus.de; Tourist-Information Ilmenau, Tel. 0 36 77 / 600300, http://www.ilmenau.de; Tourist-Information Weimar, Tel. 0 36 43 / 74 50 , http://www.weimar.de.

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