Amerikas einsamster Mann: Unter Druck wandelt sich das Polit-Talent Stephen Meyers (Ryan Gosling) in "The Ides Of March" vom idealistischen Hoffnungsträger zum beinharten Karrieristen. In unserer Bildergalerie zeigen wir Ihnen Ausschnitte aus George Clooneys neuem Thriller. Foto: Verleih

Die hässliche Fratze des amerikanischen Politikbetriebs: "The Ides Of March" startet Donnerstag.

Mr. Smith ist ein einfacher Mann, der ein Zeltlager für Jugendliche vor Wirtschaftsinteressen schützen möchte. Als er unverhofft in den US-Senat nachrückt, ist er schockiert von den Tricksereien der ausgebufften Polit-Profis in Washington, denen es nie um die Interessen der Bürger geht, sondern allein um ihr eigenes Fortkommen und die Interessen derer, die ihre Wahlkämpfe finanzieren. Smith indes beißt sich durch und erringt einen kaum für möglich gehaltenen Sieg.

„Mr. Smith Goes To Washington“ heißt der Film-Klassiker von Frank Capra aus dem Jahr 1939, in dem James Stewart als naiver Idealist glänzt. Er führte den Amerikanern vor, dass sie Veränderung, von Barack Obama im Wahlkampf 2008 unter dem Schlagwort „change“ propagiert, selbst herbeiführen können gegen „die da oben“. Bis heute hat der Streifen nichts von seinem Reiz verloren – auch wenn mehr als zweifelhaft erscheint, ob dergleichen noch möglich wäre.

Vom Idealist zum Karrierist

George Clooney zeigt in seiner jüngsten Regiearbeit „The Ides Of March – Tage des Verrats“, die am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, genau die Kehrseite: wie ein junges Polit-Talent sich in den Intrigen eines schmutzigen Wahlkampfes vom ehrgeizigen Idealisten zum beinharten Karrieristen wandelt. Wie schon in seinem Schwarz-Weiß-Film „Good Night, and Good Luck“ (2005), als er die antikommunistische Hexenjagd des US-Senators Joseph McCarthy in den 1950er aufs Korn nahm, meidet Clooney jede Überhöhung und Überdramatisierung – er erzeugt größte Spannung, indem er den Dingen zielgerichtet auf den Grund geht.

Ryan Gosling ist Stephen Meyers, der blitzgescheite Berater eines von zwei Anwärtern auf die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Mit ganzer Kraft und Leidenschaft setzt er sich für Gouverneur Mike ­Morris ein im Glauben, einen integren Mann mit hehren Zeilen zu unterstützen. Mit Wahlkampfmanager Paul Zara plant er Kom­munikationsstrategie, Themen, Auftritte. ­Morris wiederum sieht in Meyers die Zukunft – bis dieser sich vom Wahlkampfmanager der Gegenseite in eine Falle locken lässt und erledigt zu sein scheint. Weit gefehlt: Eine Affäre mit einer jungen Mitarbeiterin des Wahlkampfteams bringt Meyers furchtbare, letztlich karriererettende Erkenntnisse.

Feinsinniges Meisterstück

Clooney selbst spielt in diesem ausgeklügelten Ränkespiel den Gouverneur, dem die Welt zu Füßen liegt und der sich so verhält, die Charakter-Typen Philip Seymour Hoffman („Capote“) und Paul Giamatti („Sideways“) die Wahlkampfmanager, die einander mit allen Tricks und Finten zusetzen. Marisa Tomei („Der Wrestler“) gibt eine Reporterin, die den Bogen überspannt, und Jeffrey Wright einen schmierigen Senator, der sich seinen Einfluss teuer bezahlen lässt.

Ryan Gosling gelingt die 180-Grad-Wandlung seiner Figur als feinsinniges Meisterstück, das ihn ganz oben auf die Wunschliste vieler Regisseure katapultieren wird: Seine Züge verhärten sich beinahe unmerklich, während er vom Helferlein zum Despoten mutiert, sein Blick wird leer und starr, während die Seele aus ihm entweicht, und am Ende steht er mächtig und einsam vor einer riesigen US-Flagge: Dieses Bild eines Repräsentanten der Nation der Tapferen und Freien, die der Welt leuchtendes Vorbild sein will, brennt sich tief ein.

George Clooney setzt seine als Schauspieler verdienten Hollywood-Millionen konsequent ein, um Filme zu realisieren, die sonst kaum zu finanzieren wären – Filme hart an der Realität, die sich nicht um unangenehme Wahrheiten drücken, sondern genau diese im Blick haben. Neben „Good Night, and Good Luck“ war er als Produzent auch an „Michael Clayton“ (2007) beteiligt, einem Anwaltsthriller um einen Chemie-Skandal, und an „Syriana“ (2005), einem Nahost-Film über den Zusammenhang zwischen Öl und Terror.

Manipulation und Verführbarkeit im politischen Zirkus

Manipulation und Verführbarkeit im politischen Zirkus

Clooney zählt damit zu den wenigen, die den kritischen Geist der Ende der „New Hollywood“-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre in die Gegenwart retten: „The Ides Of March“ knüpft direkt an Filme wie Alan J. Pakulas Watergate-Thriller „Die Unbestechlichen“ (1976) an. Wie damals Robert Redford (der die Rechte am Buch der Ent­hüllungsreporter Woodward und Bernstein kaufte) und Dustin Hoffman tragen auch heute namhafte Stars dazu bei, öffentliches Interesse für solche Produktionen zu wecken.

Manipulation und Verführbarkeit im politischen Zirkus waren auch das Thema von Barry Levinsons exzellenter Satire „Wag The Dog“ (1997), in der Robert De Niro als durchtriebener Wahlkampfmanager und Dustin Hoffman als exaltierter TV-Produzent und Propagandist sich die Bälle zuspielten. Das hochgradig gestörte Verhältnis des über ­Watergate gestolperten US-Präsidenten ­Richard Nixon zur politischen Kultur zeigte Ron Howard in „Frost/Nixon“ (2008), indem er eine Reihe entlarvende TV-Interviews nachstellte. Robert Redford wiederum ­inszenierte mit Meryl Streep und Tom Cruise den Polit-Thriller „Von Löwen und Lämmern“ (2008), in dem er die Verlogenheit um den „Krieg gegen den Terror“ offenlegte und als Politik-Professor gegen die Lethargie und Indifferenz seiner Studenten kämpfte.

Wie ein Brennglas auf eine Schlangengrube

Am nächsten kam dem politischen ­Washington Aaron Sorkin in seiner TV-Serie „The West Wing“ (1999 bis 2006). Er führte realitätsnah vor, wie komplex, kaum zu ­bewältigen der Job des US-Präsidenten (Martin Sheen) und seiner Berater sein muss, die versuchen, ­parallel dramatische Militäreinsätze zu ­organisieren, schwierige Gesetzgebungskompromisse durch den Kongress zu boxen und böse Gerüchte einzudämmen.

Clooney nun richtet die Kamera wie ein Brennglas auf eine Schlangengrube, in der Opportunisten und Zyniker losgelöst von der Lebensrealität der Bürger und ohne Rücksicht auf Verluste um die Macht spielen. „Man muss politisch nicht erfahren sein, um zu verstehen, wie das Netz der Macht hinter den Kulissen gestrickt wird“, schreibt Clooney, der kaum noch Interviews gibt, im Presseheft. Im Blick auf Politiker fragt er: „Ist der aufwendige Prozess überhaupt zielgerichtet, mit dem wir diese Menschen erst aussuchen, dann aufbauen und meistens auch wieder entzaubern?“ Er selbst wolle auf keinen Fall für ein politisches Amt kandidieren, hat Clooney wiederholt verlauten lassen.

Zynischer Politikerfilm fehl am Platz

Wieso er Beau Willimons Theaterstück „Farragut North“ mit einiger Verzögerung verfilmt hat, erklärt er so: „Wir standen kurz vor Dreh­beginn, als Barack Obama zum Präsidenten ­gewählt wurde. Plötzlich erschien uns ein ­zynischer Politikerfilm fehl am Platz – die Stimmung war viel zu optimistisch. Also legten wir das Projekt auf Eis. Aber schon ein Jahr später war der Optimismus verschwunden und das Timing perfekt.“

Die Beinahe-Pleiten der USA 2011 sind weniger eine finanzielle denn eine politische Bankrotterklärung. Wie es dazu kommen konnte, ist eine Frage der politischen Kultur oder besser: des ­Abhandenkommens von politischer Kultur in einer gespaltenen Nation – und insofern ein Lehrstück für Europa.

George Clooney hat angekündigt, in Zukunft weniger vor und mehr hinter der Kamera zu stehen. Hollywood verliert eines seiner markantesten Gesichter; die amerikanische Filmkultur gewinnt einen profilierten Regisseur, der gerade erst angefangen hat.