Als Mitglied der Gruppe La Baracca-Testoni Ragazzi zählt Bruno Cappagli zu den Pionieren des Theaters für die allerjüngsten Zuschauer. Vor über 30 Jahren begann die Truppe aus Bologna als weltweit erstes Ensemble mit Stücken für Kinder ab sechs Monaten. An der Esslinger Jungen WLB wendet sich Cappagli an eine etwas reifere Zielgruppe mit seiner Stückentwicklung „Gefühlsstrudel“ für Zuschauer ab zwei Jahren.
Esslingen - Für die Esslinger Junge WLB ist es ein Experiment, für die italienische Theatergruppe La Baracca-Testoni Ragazzi beinahe schon Seniorentheater: Erstmals kommt an der Kinder- und Jugendsparte der Esslinger Landesbühne mit „Gefühlsstrudel“ eine Inszenierung für Kinder ab zwei Jahren heraus – eine Premiere für die bislang jüngste Zuschauergruppe. In Bologna bei La Baracca aber geht das Theater(er)leben schon viel früher los. 1987 begann die Gruppe als weltweit erstes Theater, Spielformen für die tatsächlich allerjüngsten Zuschauer zu entwickeln. La Baracca-Mitglied Bruno Cappagli erklärt, wie das geht – und wie er in Esslingen „Gefühlsstrudel“ inszeniert.
Ab welchem Alter ist eine sinnvolle theatralische Kommunikation möglich?
Ab null Jahren.
Gleich im Kreißsaal?
Nein. Aber so ab sechs Monaten. Vorher kommen die Mütter mit ihren Babys eh nicht zu uns.
Mit La Baracca machen Sie als Regisseur und als Schauspieler seit über 30 Jahren erfolgreich Theater für die Allerjüngsten. Wie kann man sich das vorstellen?
Die Sprache spielt natürlich eine untergeordnete Rolle. Aber die sinnliche Wahrnehmung ist gerade bei den kleinsten Kindern sehr aktiv, und sie entwickeln daraus bereits eine eigene Vorstellungskraft, wie wir aus den Reaktionen erkennen können. Wir spielen also mit ganz elementaren Sinnesreizen, die über die Berührung von Objekten zustanden kommen: Wärme, Kälte, Feuchtigkeit, Trockenheit und so weiter. Es kommt auf den physischen Kontakt an. Deshalb sind wir zurzeit durch Corona in unserer Arbeit stark eingeschränkt.
Bis zu welchem Alter erreichen Sie die Kinder mit dieser Art von Performance?
Erstaunlich lange. Ungefähr bis vier Jahre. Es ist ja auch nicht so, das wir in Bologna nur für die Babys spielen. Unsere jüngste Hauptzielgruppe sind die Ein- bis Vierjährigen.
Haben Ihre Stücke trotz dem Schwerpunkt auf der non-verbalen Kommunikation so etwas wie eine Handlung? Oder gar eine Botschaft?
Was diese dramaturgische Seite anbelangt, gibt es auch unter den Kollegen in meiner Kompanie ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Ich selbst gehe immer von der Wahrnehmung aus und damit von der ursprünglichsten Gestalt von Gefühlen – was in „Gefühlsstrudel“ schon im Titel steckt. Ich stelle mir in meinen Stücken vor, den Kindern ein Geschenk zu machen, natürlich ein nicht materielles Geschenk. In „Gefühlsstrudel“ ist es die Freude am Spiel und die mit dem Spiel verbundene Freiheit. Was die Botschaft anbelangt: Ich mag es nicht, kleinen Kindern eine Botschaft vorzusetzen. Allerdings kommen die ja nicht allein ins Theater, sondern mit Eltern, Großeltern oder anderen Erwachsenen. Und an die richtet sich die Botschaft: Erinnert euch daran, dass ihr auch einmal gespielt habt und immer noch davon berührt werden könnt!
Wie kamen Sie auf die Idee zu „Gefühlsstrudel“?
Ich war in Spanien in einem Theater, ganz ähnlich wie die Landesbühne hier, saß nachmittags im Foyer, und da war niemand außer einem Kind, das wohl zu der Frau an der Kasse gehörte. Dann kamen zwei weitere Kinder dazu, alle drei um die vier Jahre alt, und alle drei haben sich vorher offensichtlich nicht gekannt. Sie haben sofort angefangen, zusammen zu spielen: Sie waren Piraten, sie haben getobt, sich verfolgt, sich umarmt, sich auch mal gehauen. Sie haben gelacht und geweint, und nach einer Stunde sind sie auseinander gegangen. Aber innerhalb dieser einen Stunde haben sie einen Wirbel an gegensätzlichen Gefühlen, eben einen „Gefühlsstrudel“ erlebt.
Wie setzen Sie das auf der Bühne um?
Das Stück richtet sich an Kinder zwischen zwei und fünf Jahren. Das ist für La Baracca-Maßstäbe schon eine ältere Zielgruppe – aber nicht, wie man manchmal hört, das Publikum von morgen, das irgendwann in die „großen“ Theater gehen soll, sondern ein anspruchsvolles Publikum von heute. Das fordert uns Künstlern einen Perspektivenwechsel ab: Wie schaffen wir diesen anderen Blick auf die Welt? Wie erreichen wir eine Augenhöhe mit den Kindern? Das heißt nicht, dass wir uns verkleinern, das bedeutet kein Kindchenschema. „Gefühlsstrudel“ ist deshalb eine Stückentwicklung mit den beiden Schauspielerinnen Alessandra Bosch und Mira Leibold, die aus ihren eigenen Kindheitserinnerungen schöpfen. Das ist eine kollektive Dramaturgie, ein kreativer Prozess, eine Verbindung von Spontaneität und Erinnerung, aus der jene Glaubwürdigkeit, jene gemeinsame Augenhöhe mit den Kindern entstehen soll.
Spielen die Kinder mit?
Ursprünglich war geplant, dass sie im zweiten Teil auf die Bühne kommen. Das lässt sich aber unter Corona-Bedingungen nicht realisieren. Wir wollen das später nachholen.
Generell gefragt: Leidet die Spielfähigkeit von Kindern unter der Hyperpräsenz elektronischer Medien?
Weniger die Spielfähigkeit als die Aufmerksamkeit. Theater sollte deshalb ein Freiraum sein, wo die Kinder sozusagen noch atmen können, wo sie den Bezug zu anderen erleben und eine gemeinsame Erfahrung machen können, die selbstverständlich auch von Sinnesreizen ausgeht, aber nicht zu dieser lähmenden Reizüberflutung führt. Wir sollten im Theater das Interesse der Kinder wecken – für sich, für die anderen, für Gefühle – und sie nicht auch noch mit Zerstreuung und Ablenkung überhäufen.
Das Interview führte Martin Mezger.
Die (ausverkaufte) Premiere von „Gefühlsstrudel“ für Kinder ab zwei Jahren beginnt an diesem Samstag, 24. Oktober, um 16 Uhr im Esslinger Studio am Blarerplatz. Die nächsten Vorstellungen folgen am 31. Oktober, 15. November und 5. Dezember, jeweils 15 und 17 Uhr.