Durch Hund Bosco und Kater Mr. Whiskers werden die widerstreitenden Stimmen in Jerrys Kopf Teil seiner Realität: Ryan Reynolds in "The Voices". Mehr Impressionen aus dem Film gibt's in unserer Bildergalerie Foto: Verleih

In der Schwarzen Komödie „The Voices“ blickt Marjane Satrapi in den Kopf eines gespaltenen Mannes und mit trockenem Humor auf dessen mörderische Angewohnheiten. Impressionen aus dem Film gibt's in unserer Bildergalerie.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "The Voices"

Nun hat Marjane Satrapi, Exil-Iranerin mit Wohnsitz Paris, den Sprung gewagt: Sie hat ihren ersten Spielfilm in den USA gedreht. Und was für einen – eine rabenschwarze ­Komödie, in der sie sich in den Kopf einer ­gespaltenen Persönlichkeit begibt. Dabei saugt sie die Zuschauer ein in die krude Realitätswahrnehmung ihres Protagonisten, eines Frauenmörders, der nicht ­anders kann und seine Taten stets sehr bedauert.

Jerry arbeitet in einer Badewannenfabrik und ist so fröhlich und engagiert, dass es ­sogar seine Bosse irritiert – es liegt auf der Hand, dass mit diesem strahlenden jungen Mann etwas nicht stimmt, der höflich, aber sehr bestimmt die hübsche Fiona aus der Buchhaltung belagert.

Dieser Eindruck ­verdichtet sich, als ihn zu Hause Hund und Katze in ein Gespräch darüber verwickeln, ob er seine Tabletten nehmen sollte oder nicht und welche Perspektive sein Leben überhaupt hat. Völlig klar: Das kann nicht gut ausgehen mit ihm.

Satrapi gelingt nun ein bemerkenswerter Spagat. Einerseits nimmt sie die psychische Erkrankung ihres Protagonisten sehr ernst und gibt ihn nie der Lächerlichkeit preis, ­andererseits begegnet sie dem unvermeidlichen Blutbad mit einem heiteren, trockenen Humor. Szenen, die eigentlich blanker ­Horror sein müssten, werden so zu grandiosen komödiantischen Miniaturen.

Etwa wenn Jerry mit einem Sägenset und vielen Tupperdosen aus dem Baumarkt kommt und sichtlich nervös wird, als er den Sheriff trifft, der jedoch keinerlei Verdacht schöpft. Oder als ein weibliches Bein auf Jerrys Küchentressen verfänglich wippt, was sich freilich als Folge der Anwendung des Baumarkt-Materials entpuppt – und das ist nur der Einstig in eine lange Reihe immer morbiderer Absurditäten.

Satrapi arbeitet virtuos mit Bildern. Jerrys Wohnung liegt in einem verratzten Gebäude über einer längst geschlossenen Bowling-Bahn, Sinnbild für die Trostlosigkeit eines ruralen Amerika, in dem wenig geht und aus dem verschwindet, wer kann.

Ein Protagonist mit der richtigen Dosis Wahnsinn

Umso schärfer brennt die Farbe der Badewannen-Fabrik in den Augen, ein grelles Pink, das auch die Overalls der Arbeiter ziert. Mit zunehmender Dauer macht Satrapi zudem die Diskrepanz sichtbar zwischen der wahren Welt und Jerrys verzerrtem Blick darauf.

Ryan Reynolds, bislang eher auf wenig nachhallende Rollen als hübscher Junge abonniert, gibt Jerry genau die richtige ­Dosis Wahnsinn: Sein irres Grinsen ist genau so breit, wie es sein darf, seine sorgenumwölkte Miene exakt der kurze dunkle ­Anflug, den so jemand sich maximal leisten darf.

Die Britin Gemma Arterton geht lustvoll auf in der Rolle der eingebildeten Zicke Fiona, während Anna Kendrick die aufdringliche Unterwürfigkeit einer hochgradig Bedürftigen ausspielt, die sich ständig erfolglos anbietet wie sauer Bier. Die Interaktion dieser drei ist – den Umständen zum Trotz – zum Brüllen komisch, auch weil die pointierten Dialoge die Bilder ideal ergänzen, ohne ihnen je in die Quere zu kommen.

Satrapis erste filmische Werke nach eigenen Graphic-Novel-Vorlagen waren autobiografisch gefärbt, im Trickfilm „Persepolis“ (2007) und auch im stark stilisierte Realfilm „Huhn mit Pflaumen“ (2011) beschäftigte sie sich mit ihrer verlorenen Heimat. Nun emanzipiert sie sich von der Vergangenheit und erweist sich als Geschichtenerzählerin mit großem Fingerspitzengefühl, Witz und exzellentem Timing.

Unsere Bewertung zu "The Voices": 4 von 5 Sternen - empfehlenswert!

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