Per Greenscreen-Technik werden die Schauspieler in Filmbilder montiert. Foto: Björn Klein

Thaddäus Troll hat in seinen Texten die Marotten der Schwaben aufgespickt. Jetzt widmet das Schauspiel Stuttgart dem erfolgreichen Journalisten einen Theaterabend, der viel über Stuttgart erzählt, aber auch grandios gemacht ist.

Stuttgart - Jedes Kind weiß: Der Schwabe ist geizig. Schaffe, schaffe, Häusle bauen. Kehrwoche, Kirche und Schimpfen – Stichwort: Leck mich am Arsch. Dass sich bis heute so manches Klischee über die Schwaben nicht ausrotten lässt, dafür hat Hans Bayer gesorgt. Er war in Stuttgart als Journalist und Theaterkritiker tätig, bekannt aber wurde er als Mundartautor, der die Marotten der Schwaben ironisch aufspießte und ihnen launig in die Seele blickte. Unter dem Künstlernamen Thaddäus Trollmachte Bayer Karriere. Einer seiner Erfolgstitel: „Deutschland deine Schwaben.“

Das Schauspiel Stuttgart widmet mit ihrer neue Produktion „Thaddäus Troll“ dem Stuttgarter Dichter nun eine Art Revue, die gespickt ist mit schaurig-süßen Stereotypen und gesungenen Kantaten mit Texten aus Hausordnungen und Mietverträge, in denen es um das Reinigen der Dachfenster oder des „gemeinschaftlichen Aborts“ geht. Gernot Grünewald, selbst ein gebürtiger Stuttgarter, hat eine Textfassung erstellt und selbst inszeniert als grandioses Spektakel. Denn die vier Schauspieler, die allesamt den Troll spielen, filmen sich ständig gegenseitig. Mal tanzen sie mit Wischmopp und Kittelschürze, mal zeigen sie Troll als jungen Soldaten an der Ostfront – und die Live-Videobilder werden raffiniert zusammengeschnitten und in heutige Stuttgart-Aufnahmen einmontiert. Ein grandioses Spiel zwischen Bühne und Film, Vergangenheit und Gegenwart, Krieg und Frieden.

Die Produktion ist trotz historischer Unschärfe höchst sehenswert

Trolls Texte erzählen viel vom Lebensgefühl im Stuttgart der sechziger und siebziger Jahre. Grünewald blickt aber auch immer wieder zurück auf den Zweiten Weltkrieg, in dem Troll Kriegsberichter war und damit Teil des NS-Propagandaapparates. Troll, der nach dem Krieg auch politisch aktiv war und die SPD unterstützte, hat in seinen Texten immer wieder bedauert, dass ihm der Mut gefehlt habe, sich während des Dritten Reichs zu widersetzen. Anders als es die Produktion im Kammertheater vermittelt, hat er sich aber nie explizit über seine Tätigkeit als durchaus ehrgeiziger Kriegsberichter geäußert. Eine kleine historische Unschärfe in einer ansonsten fulminanten, klugen und absolut sehenswerten Produktion.

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