Der geplante Schulneubau im „Stockbrünnele“ wird 30 Prozent teurer als geplant. Der Schock bei den Stadträten ist groß. In der Kritik steht die Vergabe an einen Generalunternehmer. Eine Verschiebung des Vorhabens wäre fatal, sagt die Verwaltung.
Für den Amtsleiter war es eine „ordentliche Steigerung“, für den Finanzbürgermeister „sehr, sehr viel Geld“ und für den Oberbürgermeister schlichtweg „nicht leicht zu verdauen“, was die Verwaltung am Mittwoch dem Technikausschuss servierte. Auf der Tagesordnung stand die Vergabe des größten Bauprojektes, das die Stadt in den nächsten Jahren vorhat: der Neubau einer Schule im Schulzentrum „Stockbrünnele“.
Vor einem Jahr hatte der Gemeinderat den Baubeschluss gefällt. Schon damals wurde deutlich, dass die Stadt sich Großes leistet. 53 Millionen Euro sollte der Neubau kosten. Eine Zahl, die, wie sich nun herausstellte, nicht lange Bestand hatte. Die neue Realität sieht anders aus: Böblingen muss 66,5 Millionen auf den Tisch legen, um Ersatz für die maroden Gebäude der Theodor-Heuss-Werkrealschule und der Friedrich-Schiller-Realschule zu schaffen.
Nur drei Unternehmen wollten die Schule bauen
Verantwortlich für diese Kostensteigerung ist das Ausschreibungsergebnis. Verwaltung und Gemeinderat hatten sich geeinigt, die Erstellung des kompletten Gebäudes in die Hand eines so genannten Generalunternehmers zu geben, der die Schule schlüsselfertig erstellt. Die Angebote der Branche erwiesen sich als ernüchternd: Nur drei Unternehmen in ganz Europa wollten die Schule bauen, eines davon fiel in der Vorauswahl durch, weil es die verlangten Kriterien nicht erfüllte. Die beiden übrig gebliebenen Firmen verlangten deutlich mehr als die 39,5 Millionen, die Planer und Architekten kalkuliert hatten. Mit 51,8 Millionen reinen Baukosten machte die Firma müllerblaustein aus der Nähe von Ulm das Rennen.
Den Stadträten wird es „extrem schwindlig“
Bei der jetzt genanten Kostensteigerung wurde es nicht nur Janina Dinkelaker „extrem schwindlig“. Die Freie-Wähler-Rätin machte deutlich, wie es um die Stimmungslage bei den Bürgervertretern bestellt war. Denn es ging um nicht weniger als den Auftakt eines ehrgeizigen Programmes der Stadt, das plötzlich ins Wanken zu geraten schien. Bereits 2018 entschloss sich der Gemeinderat die in die Jahre gekommenen Schulhäuser der Stadt nach und nach mit einem dreistelligen Millionenbetrag zu sanieren. Den Auftakt in diese Ära sollte der Neubau im Schulzentrum „Stockbrünnele“ bestreiten – ein Leuchtturmprojekt in Holzhybrid-Bauweise, nach modernsten Nachhaltigkeitskriterien geplant, energetisch auf neuestem Stand. Ein Bauwerk, das aufzeigen soll, dass der Stadt ihre junge Generation und deren Bildung etwas wert ist.
Nicht wenig stand also am Mittwoch zur Disposition. Augen zu und durch oder den Bau auf unbestimmte Zeit verschieben? Für die Verwaltung war klar, dass es kein Zurück geben darf. Finanzbürgermeister Tobias Heizmann mahnte, dass dieses Projekt „ganz ganz wichtig“ für das Schulhaus-Sanierungsprogramm sei. „Wir müssen ein positives Startsignal setzen“, forderte er. Oberbürgermeister Stefan Belz plädierte dafür, „ein gutes, nachhaltiges Gebäude“ für die Schüler zu schaffen und bemühte den Taschenrechner: Bei einer Gebäudelebenszeit von 50 Jahren und 900 Schülern beliefen sich die Mehrkosten nur auf 25 Euro pro Schüler und Monat, hatte er errechnet. Timo Nußbaum, Leiter des Amtes für Gebäudemanagement machte deutlich, dass eine Verschiebung die denkbar schlechteste Strategie wäre. Er warnte vor jahrelangen Verzögerungen und einem „nicht fassbaren Kostenrisiko“. Seine lapidare Erkenntnis: „Der beste Zeitpunkt zum Bau wäre vor zehn Jahren gewesen“.
Kritik von den Bauexperten im Rat
Vor allem von den Bauexperten im Rat gab es Kritik an der Vergabe an einen Generalunternehmer (GU). GU würden „ständig Leute beschäftigen, die Mehrkosten generieren“, behauptete Architekt Wolfgang Kopp (BfB), Bauunternehmer Ralf Sklarski stellte fest, dass ein Generalunternehmer „grundsätzlich teurer“ sei. Timo Nußbaum räumte ein, dass dies eine „heikle Geschichte“ sei, betonte aber, dass ein GU der Stadt Personalkosten spare, Risiken wie den Baustellenablauf minimiere und mit der Komplexität der Bauweise besser umgehen könne als eigene Kräfte. Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger betrachtete eine Abkehr von dem jetzt eingeschlagenen Weg als „fatales Risiko“, versprach jedoch die „GU-kritische Haltung“ in die kommenden Projekte einzubringen.
Dass dieses Projekt aufgrund der Preissteigerung nun gefährdet sei, trieb einige Stadträte um. Finanzbürgermeister Tobias Heizmann betonte, dass die Schule aus den „aktuellen Zahlungsmitteln“ bestritten werden kann, machte aber deutlich, dass diese Geld für andere Projekte nicht mehr zur Verfügung stehen wird.
Die Stadträte empfahlen die Vergabe dennoch mit großer Mehrheit. Die Entscheidung über die Zukunft der neuen Schule fällt der Gemeinderat am 20. Dezember.