Für immer mehr Familien ist es ein Kraftakt, einen Heimplatz zu finanzieren. Auch Verantwortliche fordern ein Umdenken. Ein Beispiel aus dem Kreis Ludwigsburg.
Als Lilli Boormann (Name geändert) den Umschlag mit der Rechnung öffnete, erschrak sie. Die Kosten für die Unterbringung ihrer Mutter im Karl-Ehmer-Stift in Ingersheim waren gestiegen – wieder einmal. „Das macht einen arm“, sagt Boormann. Bislang können sie und ihre beiden Brüder die Kosten für den Platz noch stemmen. Auch weil ihre Eltern – der Vater lebt nicht mehr – ein eigenes Haus gebaut haben. Die Mieteinnahmen zahlen den Heimplatz, für die Kinder bleibt davon nichts.
Dabei sind die Boormanns auch eine Art Sonderfall, weil ihre Mutter schon sehr lange im Heim wohnt. In Ingersheim sterben die Bewohner im Schnitt nach 2,3 Jahren. Die bald 88-Jährige lebt schon seit sieben Jahren dort. Dementsprechend höhere Zuschläge zahlt die Pflegekasse. „Aber durchschnittlich 2500 Euro im Monat über sieben Jahre“, sagt Boormann, „das läppert sich“.
3700 Euro im Monat – und bald noch mehr?
Der durchschnittliche Eigenanteil, den die Bewohner – teils auch die Angehörigen, weil die Rente und das Ersparte bei weitem nicht reichen – zahlen müssen, liegt laut der Evangelischen Heimstiftung, die neben zwei Heimen in Ingersheim, weitere im Kreis Ludwigsburg und insgesamt 100 in ganz Baden-Württemberg betreibt, bei gut 3300 Euro im Monat. In der Spitze sind es bereits 3700 Euro – und bald noch mehr. 4000 Euro und mehr seien keine waghalsige Prognose, meinen Experten.
Für das kommende Jahr rechnet der Träger mit Mehrkosten beim Personal von acht Prozent, bei den Energiekosten von etwas mehr als einem Drittel und bei Lebensmitteln von 15 Prozent. Im Karl-Ehmer-Stift macht das ein Plus von 338 Euro im Monat – für jeden, unabhängig von der Pflegestufe, also dem Grad der Hilfebedürftigkeit.
Geld, das viele Familien nicht haben. Das weiß auch Kerstin Wulle, die die Einrichtung in Ingersheim seit sechs Jahren leitet. „Es gibt einige, die jetzt auf Sozialhilfe umsteigen, weil sie es sich schlicht nicht mehr leisten können“, sagt die 44-Jährige. Darüber sprechen, wie sich das anfühlt, will niemand. Geld ist ein heikles und in diesem Fall offenbar auch schmerzhaftes Thema. Immerhin: Angst haben, aus einem Heim zu fliegen, muss niemand. Wer nicht mehr zahlen kann, für den springt der Staat ein.
Viele sind auf Sozialhilfe angewiesen
Kerstin Wulle beobachtet die Entwicklung seit Jahren. Als sie angefangen habe, habe es im Ingersheimer Heim mit seinen 41 Bewohnerinnen und Bewohnern vielleicht fünf oder sechs Sozialhilfeempfänger gegeben. „Inzwischen ist es die Hälfte der Bewohner“, so Wulle. Ein Indiz dafür, wie schwer finanzierbar der Platz für viele ist.
Die Heime haben indes keine andere Möglichkeit, als die Kosten weiterzugeben. Und die steigen, „auch weil man bei uns inzwischen ganz gut verdient“, sagt Wulle. Der Beruf sei zwar anstrengend, aber unterbezahlt eigentlich nicht mehr. Für sie selbst bedeutet das: viele Gespräche mit Angehörigen, viel Erklärungsbedarf. „Wobei bei vielen ein generelles Grundverständnis da ist, dass gute Pflege gut bezahlt sein muss.“ An der Praxis, die Angehörigen immer weiter zur Kasse zu bitten, daran müsse sich etwas ändern.
So sieht es auch der Chef der Evangelischen Heimstiftung, Bernhard Schneider. Viele andere, vom Studenten bis zum Geringverdiener, würden von den zuletzt aufgelegten Entlastungspaketen der Regierung profitieren, nicht aber die Pflegebedürftigen. „Es gibt längst eine massive Pflegekrise, weil sich viele Menschen gute Pflege nicht mehr leisten können“, stellt Schneider fest. „Dramatisch finde ich es, dass es eine Krise mit Ansage ist. Denn die Entwicklung der Eigenanteile war vorhersehbar“. Nicht vorhersehbar waren indes die Kostensprünge durch die Energiekrise, die nun auch die Heime treffen. „Wir versuchen so gut es geht gegen zu steuern“, sagt Kerstin Wulle. „Das wonach man daheim auch guckt, da müssen wir auch gucken.“ In den Büros wurden die Temperaturen gesenkt, in den Zimmern testen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was sie den alten Menschen zumuten können. Außerdem verhandelt die Heimstiftung mit Lieferanten nach. Die Effekte dieser Einsparmaßnahmen sind überschaubar, denn 70 Prozent und mehr fließen in die Personalkosten.
Was darf ein Heimplatz kosten?
Langfristig, so fordert es Bernhard Schneider, brauche es eine Finanz- und Strukturreform der Pflegeversicherung. Kurzfristig solle endlich der sogenannte Sockel-Spitze-Tausch umgesetzt werden. Auch das wäre ein massiver Eingriff ins Finanzierungssystem. Momentan zahlt die Pflegeversicherung einen Sockelbetrag, der Versicherte alles, was darüber hinaus anfällt. Stattdessen sollen die pflegebedingten Eigenanteile auf einen fixen Betrag begrenzt und gedeckelt werden. Zur Finanzierung schlägt Bernhard ein steuerfinanziertes Sofortprogramm vor. Außerdem sollten die Länder künftig mehr in die Pflicht genommen werden. Etwa mit einem monatlichen Pflegewohngeld. Die Eigenanteile müssten um mindestens 1000 Euro reduziert werden.
Das würde auch Lilli Boormann freuen und deutlich entlasten. In Anbetracht der horrenden Summen, die der Heimplatz ihrer Mutter die Familie bereits gekostet hat, graust es ihr bei dem Gedanken daran, dass sie selbst auch einmal ein Pflegefall werden könnte. „Natürlich habe ich ein bisschen vorgesorgt, aber das reicht niemals. Der Staat muss etwas tun.“
Info
Forderung
Auch andere Träger haben jüngst nach Hilfe vonseiten der Politik gerufen. Der Arbeiter-Samariter-Bund Baden-Württemberg (ASB) forderte von Bundes- und Landesregierung ein „Energie-Rettungspaket“ für soziale und insbesondere Altenpflegeeinrichtungen. Der ASB betreibt 72 Heime im Land. „Soziale Einrichtungen sind in den Entlastungspaketen bislang vergessen worden. Das muss korrigiert werden“, so die Landesvorsitzende Sabine Wölfle. Auch der ASB verweist auf die steigenden Eigenkostenanteile.
Vortrag
Freie Plätze gibt es für den Vortrag „Pflege zuhause: Was die Betreuung erleichtert“ am 27. Oktober (17 Uhr) in der Evangelischen Hochschule. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung unter 07141/144-69971 oder per Mail an pflegefrei@landkreis-ludwigsburg.de nötig.