Die Gigafactory wächst: Schon im nächsten Jahr sollen in Grünheide nahe Berlin die ersten Fahrzeuge vom Band rollen. Foto:  

Vor einem Jahr kündigte der Tesla-Chef an, bei Berlin eine Fabrik für E-Autos bauen zu wollen. Inzwischen sind die Arbeiten weit fortgeschritten, schon bald soll die Produktion starten. Das Projekt stellt eine ganze Region auf den Kopf – und die Branche gleich mit.

Berlin - Gewerbegebiete neben der Autobahn sind in der Regel eine ziemlich trostlose Angelegenheit. Es gibt dort Hallen, Parkplätze, Tankstellen und Imbissbuden. Wer hierher kommt, muss arbeiten. Ein Ziel für Neugierige und Ausflügler sind Gewerbegebiete in der Regel nicht. Aber was ist, wenn an solch einem Ort plötzlich Großes und Zukunftsweisendes entsteht – mit einer Geschwindigkeit, die alle Beteiligten schwindelig werden lässt? Dann entwickelt selbst der unwirtlichste Fleck eine besondere Anziehungskraft.

 

Man kann das gerade in Grünheide im südöstlichen Speckgürtel von Berlin beobachten: Dort klotzt der US-Elektroautobauer Tesla seine erste europäische Großfabrik in den märkischen Sand – eine „Gigafactory“, wie sie bei Tesla sagen. Und zwar zunächst auf einer 90 Hektar großen Fläche, die an einen bestehenden Gewerbepark grenzt und auf der vor einem Jahr noch ein dichter Kiefernwald stand.

Seitdem die Arbeiten laufen, reißt der Strom von Schaulustigen nicht ab. Sie parken in der Nähe der Autobahnausfahrt Freienbrink an der Landstraße 38 und laufen mit Kameras und Feldstechern den Bauzaun entlang. Wenn sie auf das weitläufige Baufeld blicken, sehen sie Maschinen, Kräne und fast fertige Fabrikhallen. Bereits Mitte 2021 soll hier die Autoproduktion starten. Das Tempo, das das Unternehmen und die Brandenburger Behörden bei diesem Projekt an den Tag legen, ist atemberaubend und in jeder Hinsicht außergewöhnlich.

Ein Tweet mit schwarz-rot-goldenen Herzchen

An diesem Donnerstag ist es exakt ein Jahr her, dass Tesla-Chef Elon Musk bei einer Veranstaltung in Berlin eher beiläufig ankündigte, in der Region ein Werk bauen zu wollen. Später am Abend setzte der Mann aus Kalifornien noch einen Tweet ab, in dem „GIGA BERLIN“ stand, eingerahmt von schwarz-rot-goldenen Herzchen. Musk schrieb auch: „Werden Batterien, Antriebsstränge und Fahrzeuge bauen, starten mit dem Model Y.“

Das alles wirkte damals ein wenig surreal. Zumal sie in Ostdeutschland ja auch gelernt haben, Dinge mit Vorsicht zu genießen. Es gab dort seit der Wende etliche Leute, die visionäre Pläne präsentierten und sich dann schnell wieder vom Acker machten. Im Falle von Tesla läuft es anders, wie jeder Schaulustige beim Besuch am Bauzaun sehen kann.

Ein Jahr, das ist in Deutschland normalerweise die Zeit, die es braucht, um ein Einfamilienhaus zu planen und zu errichten. Aber hier geht es nicht um ein Eigenheim, sondern um ein Industrieprojekt der Extraklasse, das zügig voranschreitet und bald auf die Zielgerade einbiegen dürfte. Bis zu 500 000 Fahrzeuge sollen am neuen Standort pro Jahr vom Band laufen. Von 12 000 neuen Arbeitsplätzen im Werk ist die Rede, die Rekrutierung ist bereits in vollem Gange. Wenn der Zeitplan gehalten werden kann, liegen zwischen Musks Ankündigung und dem Produktionsstart nur etwas mehr als eineinhalb Jahre. Zum Vergleich: Als BMW 2004 sein neues Leipziger Werk probeweise in Betrieb nahm, lag die Entscheidung für den Standort bereits drei Jahre zurück.

Vor rund zwei Monaten war der Tesla-Chef zum ersten Mal persönlich auf der Baustelle in Grünheide. „I believe in speed“, sagte er – ich glaube an Geschwindigkeit. Musk lobte die deutschen Baufirmen, die mit vorgefertigten Betonteilen die Hallen in Windeseile wachsen lassen. Aber er sprach auch ganz grundsätzlich darüber, dass man Tempo machen müsse beim Umbau des Energie- und Verkehrssystems, um das Klima zu schützen.

„Tesla ist Elon Musk. Und Musk treibt an. Dieses Tempo kann kein anderer“, sagt der Automobil-Ökonom Ferdinand Dudenhöffer. „Er wird ewig einen Innovationsvorteil haben.“ Tesla baue ja nicht nur seine Fabriken im Rekordtempo, sondern sei seinen Wettbewerbern aus Deutschland und anderen Ländern auch technologisch weit voraus. Etwa beim autonomen Fahren, bei Schnellladesystemen, in der Batterie- und Fertigungstechnik. „Ich glaube, dass Tesla die größte Innovationsmaschine ist, die es in den letzten 100 Jahren in der Autoindustrie gegeben hat“, sagt Dudenhöffer. Kurzum: Elon Musk ist ein Vollgas-Mann. Er kennt sich in den kleinsten Details aus und entscheidet bei Tesla Dinge ohne lange Abstimmung mit Fachabteilungen und Kollegen. Und das nun auch im Land von Daimler, Volkswagen, BMW & Co.

Minister von Welt

In Brandenburg bekommen sie das ebenfalls zu spüren. Bemerkenswert ist, dass sich die Behörden ohne Wenn und Aber darauf eingelassen haben und das Vorhaben in Grünheide nach Kräften unterstützen. Natürlich gibt es auch Widerstände. Umweltschützer fürchten um Landschaft und Trinkwasser, dringen mit ihren Protesten aber nicht so richtig durch. Es ist, als wollten Politik und Behörden nach dem ewigen Trauerspiel um den nahe gelegenen Hauptstadtflughafen BER zeigen, dass sie in der Region Berlin-Brandenburg auch Großprojekte können. Wenn es sein muss, auch richtig schnell.

Konkret sieht das so aus: Auf der Ebene der Landesregierung gibt es eine Tesla-Taskforce, die einmal pro Woche mit Unternehmensvertretern aktuelle Fragen erörtert und nach Lösungen sucht. Den Hut hat Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) auf. Der Chemie-Ingenieur ist ein Mann von Welt, war lange selbst in der Großindustrie tätig und wirkte später als Professor und Präsident an den Technischen Universitäten in Berlin und Cottbus. Er kann problemlos mit den Tesla-Leuten in Englisch verhandeln, was man nicht unterschätzen sollte.

Vor einer Woche war Elon Musk wieder in der Gegend, auch, um Vorstellungsgespräche zu führen. Es gibt aber auch Probleme mit einer ausstehenden Genehmigung für den Bau eines Teils der Lackiererei und für die Rodung eines weiteren großen Waldstücks. Nach einem direkten Gespräch sagte Minister Steinbach, man habe sich „auf eine gemeinsame Linie“ verständigt. Es bleibe beim Ziel, im kommenden Jahr mit der Fahrzeugproduktion zu beginnen.

Überhaupt, die Genehmigungen: Tesla baut nicht nur schnell, sondern auch mit vollem Risiko. Denn eine abschließende Erlaubnis für die Errichtung des gesamten Autowerks liegt bis heute nicht vor. Das Unternehmen verfügt nur über vorläufige Genehmigungen und plant auch während des Bauprozesses ständig um. Bevor das Landesumweltamt grünes Licht geben kann, muss es noch mehrere Hundert Einwendungen von Bürgern und Verbänden bearbeiten.

Bau auf eigenes Risiko

Sollte die Genehmigung wider Erwarten ausbleiben, müsste Tesla alles wieder abreißen und das riesige Gelände in den Ausgangszustand zurückversetzen. Und zwar auf eigene Kosten. Doch das Unternehmen und die Landesregierung setzen darauf, dass die Behörde noch in diesem Winter den Weg endgültig freimacht.

Eine wesentliche bürokratische Hürde für den Bau der Fabrik wurde dabei schon vor zwei Jahrzehnten weggeräumt, wenn auch mit anderer Absicht: Zu Beginn des Jahrtausends bewarb sich Brandenburg mit dem Standort Grünheide für das BMW-Werk, das dann aber nach Leipzig ging. Seitdem existiert ein einschlägiger Bebauungsplan für das Grundstück.

So kommt es, dass der Großraum Berlin und der 8700-Einwohner-Ort Grünheide im Landkreis Oder-Spree drauf und dran sind, in die erste Reihe der Automobil-Standorte in Deutschland aufzusteigen. Vorausgesetzt natürlich, dass die Elektromobilität tatsächlich so schnell Fahrt aufnimmt, wie es Musk und andere in der Branche erwarten. Im vergangenen Jahr verkaufte Tesla weltweit rund 370 000 Autos, in diesem Jahr sollen es bereits 500 000 sein. Für 2021 peilt Musk einen Absatz an, der sich in Richtung eine Million Fahrzeuge bewegt. In der Verwaltung des Landkreises Oder-Spree haben sie schon eine interne Redewendung etabliert für Dinge, die schnell erledigt werden müssen. Statt „sofort“ oder „am besten gleich“ heiße es dort jetzt: „Aber bitte mit Tesla-Geschwindigkeit.“