Terror in Istanbul Massaker in Nachtclub am Bosporus

Von Susanne Güsten 

Hunderte Menschen versammeln sich in einem angesagten Istanbuler Club, um nach einem von Terroranschlägen geprägten 2016 ins neue Jahr zu feiern. Da dringt ein Terrorist ein und richtet ein Blutbad an. Er kann entkommen – sein Motiv ist noch unklar.

Istanbul - Es ist kurz vor halb zwei in der Silvesternacht, und im „Reina“ geht es hoch her. In dem edlen Club am Bosporus-Ufer im Istanbuler Stadtteil Ortaköy feiern mehrere hundert Menschen mit Champagner, Wein und Whisky das neue Jahr. Das „Reina“ – ein weitläufiger Komplex aus Restaurants, Bars und Tanzflächen – ist so teuer, dass ein schöner Abend hier mehr kosten kann, als ein Durchschnittstürke im Monat verdient. Manche Gäste kommen nicht mit dem Wagen zum Club, sondern mit ihrer Yacht. Türsteher und Sicherheitsleute sollen die Spielwiese der Schickeria schützen, aber in sieben langen Minuten, die um 1.22 Uhr beginnen, verwandelt sich die Neujahrsparty in einen Albtraum.

Während drinnen gefeiert wird, rennt draußen ein Angreifer mit einem Schnellfeuergewehr auf den Eingang des „Reina“ zu. Manche sagen, er habe ein Weihnachtsmannkostüm getragen, doch Ministerpräsident Binali Yildirim dementiert das später. Der Unbekannte erschießt einen Polizisten und einen weiteren Menschen und läuft, wild um sich feuernd, ins Innere des Clubs. Menschen schreien, stürzen blutend zu Boden. Eine Frau berichtet später, sie habe überlebt, weil mehrere Leichen auf ihr lagen. Einige Gäste springen ins eiskalte Wasser des Bosporus, um sich zu retten.

Umfassende Sicherheitsvorkehrungen waren in dem Fall vergeblich

Als das Magazin des Täters nach den sieben schrecklichen Minuten leer ist, sind etwa 40 Menschen tot und mehr als 60 weitere verletzt. Unter den Toten sind nach einem türkischen Medienbericht mindestens sieben Staatsbürger aus Saudi-Arabien, zudem vier Iraker, zwei Inder, zwei Tunesier und jeweils ein Opfer aus Kanada, Syrien, Israel, dem Libanon und Belgien. Bevor Hunderte Polizisten am Tatort zusammen gezogen werden, entkommt der Attentäter.

Nach der Welle von Terroranschlägen, die im Vorjahr allein in Istanbul 108 Tote forderte, hatte die Polizei zu Silvester besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Rund 17 000 Beamte waren im Einsatz. Viele Plätze waren durch Betonsperren gesichert. In zentralen Bereichen Istanbuls galt ein Fahrverbot für Lastwagen. Dennoch geht ein Jahr, das mit dem Tod von zwölf deutschen Touristen beim Anschlag des Islamischen Staates (IS) in der Istanbuler Altstadt im Januar begonnen hat, mit einem neuen Blutbad zu Ende. Erst am Samstag hatte die türkische Polizei in der Hauptstadt Ankara acht mutmaßliche Mitglieder des IS festgenommen. Auch im „Reina“ weist alles auf die Täterschaft eines Extremisten hin, der westliche Neujahrsfeiern als unislamisch bekämpfen wollte.

„Nein zu Weihnachts- und Neujahrsfeiern“

Seit etwa zwei Jahrzehnten ist es in der Türkei zum Trend geworden, das neue Jahr mit Weihnachtsschmuck zu feiern. Ebenso lange gibt es Proteste nationalistischer Randgruppen. Neu ist, dass diese Gruppen für ihre Propaganda staatliche Rückendeckung bekommen und ideologisch ins Zentrum rücken. Nationalistische Gruppen agitierten im ausgehenden Jahr so aggressiv wie noch nie gegen Neujahrsfeiern. Ein in Istanbul plakatiertes Transparent zeigte einen Moslem im Fez, der einem Nikolaus einen Kinnhaken verpasst. „Wir sind Moslems – Nein zu Weihnachts- und Neujahrsfeiern“, hieß es dazu. Auch staatliche Stellen beteiligten sich an der Propaganda gegen Neujahrsfeiern, die in einer Direktive des Bildungsministeriums als „wertfremd“ bezeichnet wurden. An diversen staatlichen Schulen gab es behördliche Anweisungen, auf Neujahrsschmuck und Neujahrsfeiern zu verzichten. Sogar in der zentralen Freitagspredigt, die vom staatlichen Religionsamt verfasst und am vorletzten Tag des Jahres in allen Moscheen des Landes verlesen wurde, warnte der türkische Staat offen: Es sei „bedenklich, die ersten Stunden des neuen Jahres auf Bräuche zu verschwenden, die anderen Kulturen und anderen Welten angehören“, hieß es in der Predigt.

Krude Verschwörungstheorien

Vor diesem Hintergrund sei der Istanbuler Neujahrsanschlag als „Demonstration des Hasses“ zu verstehen, schreibt der Politologe Dogu Ergil auf Twitter. „Das sind die Folgen, wenn einer Gesellschaft so viel Feindseligkeit gegen andere Kulturen eingeimpft wird.“ Zwar verurteilt das Religionsamt den Anschlag, und die Regierung drückt ihr Entsetzen aus. Doch von Selbstkritik ist nichts zu sehen. Stattdessen verbreiten Minister und Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan Verschwörungstheorien. Vizepremier Numan Kurtulmus schiebt die seit 2015 anhaltende Terrorwelle auf Kräfte, die den Aufstieg der Türkei verhindern wollten. Und Turgay Güler, Chefredakteur der regierungsnahen Zeitung „Günes“, behauptet, dass nicht islamistische Extremisten hinter dem Anschlag stecken, sondern feindliche Mächte: „Der Schuldige heißt Amerika.“

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